Neustadt Liebe in Zeiten des Krieges

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«Neustadt». „Weil sie das Leben liebten“, der Bestseller-Autorin Charlotte Roth ist Thriller, Geschichtsbuch und Liebesgeschichte in einem. Das Buch ist in einem Ausmaß spannend, dass man es kaum wegzulegen vermag – eine Reise durch die Zeit vom Februar 1923 bis Juni 1945.

Berlin Ende der 1920er-Jahre: Die junge Franka hat nur einen Wunsch, sie möchte Zoologie studieren. Ihre strengen Eltern und die Weltwirtschaftskrise machen ihren Traum zunichte, doch immerhin gelingt es ihr, eine Stelle als Tierpflegerin im Berliner Zoo zu bekommen. Die Arbeit mit den geliebten Tieren geht ihr über alles, ihnen schenkt sie ihre ganze Liebe, nicht den Menschen. Nur ganz allmählich fasst sie Zutrauen zu dem Tierarzt Carl, der vom Leben ähnlich gebeutelt wurde wie sie. Dann lernt sie den faszinierenden Adam kennen und lieben. Doch Adam ist Sinti, und inzwischen haben die Nazis die Macht in Deutschland ergriffen. Adams Leben ist in höchster Gefahr, und Franka ist bereit, für ihn zu kämpfen und für ihre Tiere. Fortan weiß sie nicht mehr, wem sie trauen kann.“ Die Spiegel-Bestseller-Autorin Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist seit zehn Jahren freiberuflich als Autorin tätig. Wiewohl sie mit Mann und Kindern quer durch Europa zieht, hält sie an ihrem Koffer in Berlin fest, an ihrer Liebe zu Berlin, die dieser Roman anhand der wechselvollen Geschichte des Berliner Zoos zeigt. Frankas Lichtblick sind der Zoo in Berlin, ihr Onkel Gerhard, der gegen ihren verbohrten Vater opponiert und auch Anni, eine Mitschülerin, die sie vor sexuellen Angriffen eines Lehrers bewahrt. Hauptsächlich spielt die Handlung jedoch im Berliner Zoo: Dort hat sich eine einzigartige Gemeinschaft von Menschen zusammengefunden, die nicht in die „normale“ Gesellschaft passen: Die Hauptperson Franka, die unter ihren strengen Eltern gelitten hat, mit Menschen nicht so recht klar kommt und Tiere über alles liebt. Anita, die zusammen mit Franka aufgewachsen ist, sich aufgrund ihrer Körperfülle abgelehnt sieht, Tiere eigentlich auch nicht sonderlich mag – aber für die Menschen, die ihr freundlich entgegenkommen, bereit ist, „wie eine Tigerin“ zu kämpfen. Dann hätten wir noch den Tierarzt Carl, der ein goldenes Händchen für Tiere hat, sich aber im praktischen Leben nicht zurechtfindet und den berlinernden Tierpfleger Winnie, der in der Öffentlichkeit nicht zeigen darf, wen er liebt. Und Adam, der Sinti, der sich nach vielen Irrwegen und großem erlittenem Leid ebenfalls im Zoo einfindet. Mit Adam oder Tokeli, wie sein Sinti-Name lautet, wird ein weiterer Handlungsstrang und eine weitere Person eingeführt – die Cousine Adams, Kirschla. Auch anhand dieser Figur wird das Schicksal der Sinti und Roma unter den Nazis exemplarisch gezeigt. Selbst diejenigen Leser, die keine Tiere mögen, werden von Frankas sehr speziellem Verhältnis zu den Bewohnern des Zoos, im übrigen lange ein Lieblingsausflugsziel der Berliner, angerührt. Weit weg von der weit verbreiteten Vermenschlichung der Tiere, lernt man sie und ihre Besitzer lieben, das spuckende Lama Vasco, Carl, der mit dem Brillenkaiman Heinz-Peter „durch den Zoo latscht wie ein Durchschnittsberliner mit seinem Langhaardackel“, das Zebra Arpad, das Adam nur „Herr Streifenpferd“ nennt. Das bekannteste und am meisten geliebte Tier ist Nilpferd Knautschke. „Knautschke war großartig, ein Kerl mit Chuzpe und Charisma, ein echter Berliner. Ich fühle mich geehrte, seine Bekanntschaft gemacht zu haben“, lautet die Nachbemerkung der Autorin. Ein ganz wichtiges Thema im Roman ist die Verfolgung der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs. „War sie genauso offen, weitreichend und brutal wie die Verfolgung der Juden? Warum ist sie uns aber nicht so gegenwärtig?“, die zentrale, die traurigste Frage, die nach Roths Aussage ihre Zeit der Recherche geprägt hat. Bei allem Liebreiz, bei aller Herzenswärme, fehlt es nicht an der Beschreibung der Grausamkeit der Nazischergen. Besonders, wenn es um Menschenexperimente geht, ist das eine nicht ganz leichte Kost für den Leser. Jedoch sei es bei allem Dunklen und Belastenden wunderbar gewesen, so viel und häufig zwischen Tiergehegen zu recherchieren, so die Schriftstellerin. Was an dem Buch auch gut gefällt, ist seine wunderbare Sprache, emotional, atmosphärisch und lebendig, direkt vom Herzen auf Papier geschrieben. Wahrlich – eine tragisch-schöne Geschichte! Lesezeichen Charlotte Roth: Weil sie das Leben liebten. Knaur Taschenbuch. 9,99 Euro. 503 Seiten

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