Neustadt Liebe, Heimat, Mutterlob

Placeholder-Image

Deidesheim. „Ich hoffe, es war nicht nur der Heim-Bonus“, bemerkte Volker Bengl am Freitag angesichts des regelrecht aus dem Häuschen geratenen Publikums in Deidesheim. Mit Standing Ovations bedankten sich die begeisterten Hörerinnen und Hörer für seinen über zweistündigen Liederreigen in der Stadthalle, der in einer mehrteiligen Zugabenserie gipfelte.

„Melodien zum Dahinschmelzen“ versprach das Programmheft, und der in der Pfalz aufgewachsene Tenor wusste ganz genau, mit welchem Repertoire er die Herzen der Generation 70+, allen voran die älteren Damen, erobern konnte. Wie erwartet, gab der Blick von der Empore den Blick frei auf den vielzitierten Silbersee, jenes bei klassischen Konzerten immer häufiger zu beobachtenden Naturphänomen, das so viele Konzertveranstalter ins Grübeln geraten lässt. Am Samstagabend jedenfalls ging die Rechnung wunderbar auf: Auch ohne jüngere Jahrgänge gab es eine bestens besetzte Stadthalle und einen Abend, der alle Erwartungen erfüllte. Ob Heimatlied, Volkslied, Mutterlied, Schlaflied oder Liebeslied – man lehnt sich entspannt zurück und begleitet Bengl bei seiner Reise durch die längst vergessen geglaubten Musikwelten unserer Groß- und Urgroßeltern. Zunächst Romantik pur mit Mendelssohns Dauerbrenner „O Täler weit, o Höhen“. Man staunt ob der geballten Ladung an Emotionen, die gleich zum Auftakt in verschwenderischer Fülle verteilt wird. Und das Auditorium trällert auswendig mit. Denn Bengl, in Gestalt und Auftritt Sonnyboy und Musterschwiegersohn in einer Person, fordert immer wieder zum Mitsingen auf. Die meisten lassen sich nicht lange bitten, klatschen ungeduldig, bevor der letzte Ton verklingt, kommentieren Bengls Programmankündigungen mit einem Raunen, in dem sich die ungebändigte Vorfreude auf Altvertrautes und die schöne Erinnerung an Jugendtage und die erste große Liebe spiegelt. Naturgemäß laufen Sänger wie Bengl, die, gezeichnet vom harten Berufsalltag als Ensemblemitglied an der Opernbühne – in seinem Fall war es 16 Jahre lang das Staatstheater am Gärtnerplatz in München – Gefahr, sich in die künstlerisch wenig ergiebigen Fahrwasser der Schnulzentenöre zu begeben. Volker Bengl ist glücklicherweise weit davon entfernt. Er liebt die leisen Töne, möchte seine Stimme nicht verheizen und ein hohes C nach dem anderen ins Publikum schleudern. Rechtzeitig wechselt er daher von der Brust- in die schonende Kopfstimme. Nicht immer gelingt die Registerbalance. Beim Versuch, sich und seine Stimme neu zu entdecken, befindet sich Bengl aber offensichtlich auf dem richtigen Weg. Seine Qualitäten als lyrischer Tenor, als subtiler Anwalt klangpoetischer Finessen, demonstriert er am Beispiel zweier Schubert-Lieder, dem berühmten „Ständchen“ und dem „Frühlingsglauben“. Beide entpuppten sich als schöne Kostprobe seiner gediegenen Mezza-Voce-Kunst. Goethe als Operettenstar? Die Antwort folgt mit einem klangvollen „Heideröslein“ aus „Friederike“ von Lehár. „Sind es die Glocken, ist es die Liebe oder die Frühlings-Schalmei?“ Eine weitere bedeutsame Frage, die sich an diesem romantischen Abend gleich mehrfach stellt. Zum absoluten Volltreffer gerät schließlich der Ausflug ins deutsche Volkslied. Wieder geht ein Raunen durchs Publikum, als Bengl zum Dauerbrenner „Im schönsten Wiesengrunde“ anhebt. Neben sattsam Bekanntem wartet der Sänger aber auch immer wieder mit interessanten Entdeckungen auf. Wie etwa mit dem Kunstlied „Ein Traum“ von Edvard Grieg, mit dem er kraft seiner herrlich differenzierten, oftmals zu baritonaler Färbung neigender Tenorstimme dramatische Akzente in den ansonsten eher beschaulichen Programmverlauf setzt. „Zu Straßburg auf der Schanz“ begibt er sich in der bekannten Arie aus der Oper „Kuhreigen“ von Kienzl, bevor die lang herbeigesehnte Hommage an die geliebte Pfalz beginnt. Pianist Frank Oidtmann begleitet schön und liefert noch eine schmissige Wiedergabe der unverwüstlichen Fledermaus-Ouvertüre. Darstellerisch überzeugend Bengls Münchner Paraderolle als „Klein-Zack“ aus der Operette „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. „Gern habe ich die Frauen geküsst“, meint dann der Geigen- und Frauenvirtuose Paganini aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár. Im Programm eines echten Pfälzer Tenors darf natürlich das „Kusellied“ des unvergessenen Fritz Wunderlich nicht fehlen, und auch dem großen Vorbild Rudolf Schock wird Referenz erwiesen, etwa wenn Bengl das Lied „Mütterlein, Mütterlein“ anstimmt und damit seinen weiblichen Fans manche Träne entlockt. Eine vergleichbare Wirkung erzielt er zum Ausklang des offiziellen Teils mit dem legendären Schock-Lied „Ach, ich hab in meinem Herzen“. Mit einigen musikalischen Betthupferl in Gestalt von Schlafliedern verabschiedet Bengl sein rundum glückliches Publikum.

x