Neustadt Lehrlinge sind die Dummen
Harald Gaßmann ist empört, aber auch ratlos. Der Obermeister der Innung Sanitär-Heizung-Klima (SHK) Pfalz weiß nicht mehr, wie sich seine Auszubildenden auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten sollen. „Wir schicken unsere Auszubildenden auf die Berufsbildende Schule (BBS) Landau. Dort fallen aber bis zu 58 Prozent des Unterrichts in der SHK-Fachklasse aus. Das bedeutet, dass sich unsere Auszubildenden in ihrem Berufsfach nicht ausreichend mit dem theoretischen Aspekten beschäftigen können.“ Dieser Zustand sei nicht mehr tragbar, erklärt Gaßmann, der in Ilbesheim einen Betrieb führt und sich bereits mehrmals mit Vertretern anderer Betriebe getroffen hat, die vom dem Unterrichtsausfall ebenfalls betroffen sind. „Wir sind aufgrund unserer beruflichen Belastung nicht in der Lage, die Schüler im theoretischen Teil auszubilden.“ Ernst Gamber, Schulleiter der BBS Landau, weiß um die Engpässe in den Spezialfächern. Sein Problem: Aufgrund langfristiger Erkrankungen fehlten zwei Lehrkräfte im SHK-Bereich. Und ein dauerhafter Ersatz sei nicht in Sicht. „Ich liege bereits seit Jahren der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion mit diesem Problem im Ohr. Bis jetzt hat sich aber nur wenig getan“, stellt der Schulleiter fest. Einige Kollegen machten sogar extra Überstunden, um die Ausfälle zu kompensieren, seien aber mit ihren Kapazitäten bereits am Anschlag. „Das wird auf Dauer nicht gut gehen“, sagt Gamber. Es gebe einfach zu wenig Ingenieure, die bereit seien, für ein Lehrergehalt Lehrlinge zu unterrichten. „Wenn Sie als fertiger Ingenieur die Wahl haben, für das dreifache Gehalt in die Wirtschaft zu gehen, für welchen Weg würden Sie sich entscheiden?“, stellt der BBS-Schulleiter die Frage in den Raum. Auch in anderen Fächern herrsche gerade in den technischen Bereichen ein Mangel an Lehrkräften. Und Gamber weist auf einen weiteren gravierenden Einschnitt hin, der den Berufsschulen droht: In den kommenden Jahren werden viele Lehrer in Pension gehen. Wenn jetzt bereits Mangel herrsche, wie sollen dann diese Abgänge kompensiert werden? „Die Duale Ausbildung war einmal ein Vorzeigemodell des deutschen Ausbildungssystems. Beruf und Schule nebeneinander. Dafür haben uns andere Länder bewundert“, stellt Gamber mit bitterem Unterton fest. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) erklärt auf Anfrage, dass auf die Probleme in Landau reagiert worden sei: „Eine Lehrkraft der BBS Speyer übernimmt durch angeordnete Mehrarbeit Stunden an der Fachschule“, teilt Pressesprecherin Eveline Dziendziol mit. Zum nächsten Schuljahr könne eine weitere Lehrkraft mit zwölf Stunden nach Landau abgeordnet werden. „Zum 1. Mai konnten wir einen Fachpraxislehrer in der Fachrichtung Metall für diese Schule gewinnen“, fügt sie hinzu. Doch das ist für Gaßmann nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: „Es fällt weiterhin ein Tag in der Woche mindestens aus. Im Stundenplan werden auch andere Fächer gekürzt, um Lehrer für die Fachbereiche freizubekommen. Das macht aber keinen Sinn, denn die Lehrlinge müssen sich auch in den allgemeinen Fächern auf die Prüfungen vorbereiten.“ Gamber sieht auch das Bildungsministerium in der Pflicht, für ausreichend Lehrpersonal zu sorgen. „Baden-Württemberg hat bereits vor Jahren reagiert. Dort erhalten Lehrer einen Zuschuss von bis zu 70 Prozent auf ihr Einstiegsgehalt.“ Das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz verweist in einer Stellungnahme auf ein Quer- und Seiteneinsteigerprogramm, über das in den vergangenen zehn Jahren fast 500 Lehrkräfte in Mangelfächern hätten eingestellt werden können. Aber auch hier entgegnen Gaßmann und Gamber unisono, dass die Gehälter nicht attraktiv genug seien, um neue Lehrer aus der Wirtschaft anzulocken. „Daneben gibt es in Rheinland-Pfalz Kooperationsmodelle zwischen den (Fach-)Hochschulen und Universitäten in der BBS-Lehramtsausbildung, die es BBS-Lehramtsstudierenden ermöglichen, an (Fach-)Hochschulen zu studieren sowie die nötigen pädagogischen Qualifikationen parallel an der Universität zu erwerben“, erklärt Ministeriumssprecherin Ann-Kathrin Scheuermann auf Anfrage. In Baden-Württemberg erhielten BBS-Referendare in den Fächern Metall- und Elektrotechnik während ihrer Ausbildung eine Zulage. „In Rheinland-Pfalz gibt es dieses Modell bisher nicht“, erklärt Scheuermann. Und es gebe derzeit auch keine Initiative, dies zu ändern. (jmr)