Neustadt
Landschaften der Seele: Bilder und Plastiken von Claudia Tebben in der Villa Böhm
Die Künstlerin Claudia Tebben kommt aus Gelsenkirchen und ist von ganzem Herzen Ruhrpottlerin. Eine besondere Beziehung pflegt sie aber auch zur Pfalz, wo sie über Jahrzehnte bis zu deren Schließung erfolgreich von der Freinsheimer Galerie Zulauf vertreten wurde. „Es ist schön, sich ab und zu wieder zu zeigen“, sagt die 60-Jährige, denn es gebe viele Sammler hier, die ihre Werke schätzten. Sich zeigen, das tut sie jetzt in Neustadt.
Bekannt ist Claudia Tebben vor allem für ihre Malerei, die gerne mit dem Etikett Informel versehen wird, auch wenn man da durchaus Zweifel formulieren kann, und die jetzt auch in der Ausstellung der Fördermeinschaft Herrenhof im „Ausweichquartier“ Villa Böhm dominiert. Im Grunde seien ihre Bilder für informell doch zu detailliert, zu „gegenständlich“, meint die Künstlerin selbst, die sich ohnehin in erster Linie als Landschaftsmalerin definiert. Es sind allerdings eher Landschaften der Seele, der Erinnerungen und Stimmungen, die jeder Betrachter für sich assoziativ erkunden sollte, denn topographisch exakte Abbilder.
Von der Wildheit der Komposition und der enormen Wucht der Farben her könnte man bei Tebbens nicht selten auch im Format ausgesprochen monumentalen Mischtechniken zwar tatsächlich an jene Kunstrichtung denken, für die 1951 in Paris der Begriff „Art informel“ geprägt wurde, eine radikale Spielart der abstrakten Kunst, mit der eine Garde junger Wilder nach 1945 auf den gerade erlebten Verlust jeder Ordnung reagierte. Allerdings ist bei Tebben anders als bei Schumacher, Schultze, Götz, Sonderborg oder wie sie heißen, eben rein gar nichts gestisch, spontan, improvisiert. „Im Gegenteil: Ich gehe sehr verkopft an die Sache heran“, sagt die Künstlerin. Alles an ihren Gemälden sei geplant. Man tut also sicher gut daran, den kunsthistorischen Ballast abzuwerfen, auch wenn die Gelsenkirchenerin den Begriff Informel auch selbst verwendet, und schlicht zu konstatieren: Tebben ist eben Tebben und sonst nichts.
Natur und Landschaft – aber ohne Eindeutigkeit
Diese Geradlinigkeit zeichnet sie bereits seit ihren künstlerischen Anfängen in den 1990ern aus, als sie nach ihrem Studium an der Folkwang-Universität der Künste in Essen in ihre Heimatstadt Gelsenkirchen zurückkehrte und quasi aus dem Stand jene Formensprache entwickelte, die ihre Malerei bis heute prägt: abstrakt, stark von der Komposition und vor allem den Farben her gedacht, aber nicht ohne Struktur und manchmal sogar Wiedererkennbarkeit – auch wenn es sich hier vielleicht eher um Ahnungen denn um Gewissheiten handelt. Ob ein Reiter oder eine Kuh wirklich das sind, was sie vorgeben, oder nicht doch einfach nur „Kleckse“, bleibt unbeantwortet.
Die Farben variieren dabei im Rahmen eines – man möchte sagen – charakteristischen Tebben-Spektrums: In der Tendenz sind sie eher erdig. Schwarz spielt eine große Rolle, eine persönliche Reminiszenz der Künstlerin, deren Vater Bergmann war, an die Kohle, aber auch kräftiges Rot kommt vor. Irgendwie „geologisch“ wirkt vieles. Zum Begriff Landschaft, den Tebben selbst einsetzt, passen die Horizontlinien, die viele der Gemälde aufweisen. Sie liebe die Natur ihrer Heimatregion, sagt die Künstlerin. Besonders gerne sitze sie ganz oben auf einer Abraumhalde und lasse den Blick über das Umland schweifen. Bei manchen Bildern meint man das zu erkennen, doch eine gewisse Unbestimmtheit ist Teil des Kalküls.
Gleiches gilt für die Titel, die von Anfang an reine Phantasieprodukte waren und „kensus“, „lux“, „litan“ oder „siluen“ lauten und einem auf ein inhaltliches Navigationssystem angewiesenen Betrachter rein gar nicht weiterhelfen. Technisch handelt es sich durchweg um Mixed-Media-Arbeiten aus Leinöl, Acryl und/oder Pigmenten aus einem großen, persönlichen Fundus, die mal ausgesprochen pastos, dann wieder sehr lasierend auf die Fläche gebracht werden.
Spannungsvoller Schwebezustand
Eine weitere Werkgruppe, die die Künstlerin in der Villa Böhm vorstellt, sind Kleinplastiken, ein für sie noch relativ neues Betätigungsfeld, das sie erst während der Corona-Zeit für sich entdeckte. Der Ausgangspunkt waren Fundstücke, die sie zunächst ohne künstlerische Hintergedanken bei den Spaziergängen mit ihrem Hund aufgesammelt und „nur zur Bespaßung“, wie sie sagt, ins Atelier mitgenommen hatte. Während des pandemiebedingten Lockdowns, als ihr die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, scannte sie einige dieser Holzstücke oder Steine, veränderte sie hier und da und druckte die Ergebnisse in 3D aus. Sehr wichtig war ihr dabei auch die Oberfläche, für die sie eine Patina entwickelte, die die Materialeigenschaft völlig unkenntlich macht. Eines dieser Objekte, „Nutria“ mit Titel, ist jetzt auch in Neustadt zu sehen.
Ihre Sammler hätten das Plastikmaterial allerdings nicht akzeptiert, berichtet die Künstlerin, so dass in weiteren Schritten zunächst Bronzen und dann – aus Kostengründen – auch glasierte Keramiken entstanden. Sie tragen im Gegensatz zu den Bildern ziemlich sprechende Namen wie „Ikarus“ oder „Pegasus“, eine Serie trägt die Bezeichnung „Bovini“, was für die zoologische Gruppe der „Rinderartigen“ steht. Der Grad der Gegenständlichkeit hält sich dennoch in Grenzen – die „Kühe“ oder „Büffel“ sehen eher aus wie Felsen oder wegen ihrer edlen Farb- und Oberflächengestaltung wie phantastische Naturobjekte einer extraterrestrischen Welt.
Nicht nur hier erscheint Claudia Tebbens Kunst also als informell verdichtetes Naturgeschehen, in dem sich Farbe, Material, Linie und Raum nicht bloß ergänzen, sondern gegenseitig durchdringen und in eine spannungsvolle Schwebe geraten. Dass ihre Bilder und Plastiken nicht, wie ursprünglich geplant, in der deutlich größeren Herrenhof-Kunsthalle gezeigt werden können, weil sich deren Sanierung wie in Deutschland üblich noch etwas hinzieht, schadet dabei keineswegs: Die ganz großen Formate bleiben in der Villa Böhm zwar außen vor, aber die Konzentration in den fünf Räumen schärft dafür vielleicht sogar die Wahrnehmung.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Gestalt & Geste“ mit Arbeiten von Claudia Tebben wird am Freitag, 12. Juni, um 19 Uhr in der Villa Böhm in Neustadt eröffnet und ist danach bis 28, Juni samstags und sonntags 11–18 Uhr und donnerstags und freitags 15–18 Uhr zu besichtigen. Zur Einführung spricht der Mannheimer Kunsthistoriker Helmut Orpel. Für Musik sorgt der Neustadter Jazzgitarrist Michael Günder.