Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Landrat Ihlenfeld und Gesundheitsamts-Chefin Basenach zu Corona-Zahlen im Kreis

Das Neustadter Corona-Testcenter.
Das Neustadter Corona-Testcenter.

Interview: Der Kreis Bad Dürkheim hat die meisten Corona-Fälle in der Pfalz – sowohl in absoluten Zahlen als auch bezogen auf die Einwohnerzahl. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ erläutern Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) und Gesundheitsamts-Leiterin Silke Basenach, welche Ursachen sie dafür sehen.

Wie lassen sich die im Vergleich zu anderen Kommunen in der Pfalz hohen Corona-Fallzahlen im Kreis Bad Dürkheim erklären?
Ihlenfeld: Vielleicht beginnen wir mit den aktuellen Zahlen: Seit Ausbruch der Pandemie haben wir 179 positiv getestete Personen im Kreis, davon sind 54 wieder genesen. Zwei Menschen sind an Covid-19 verstorben. Daran sieht man, dass wir uns bei den Fallzahlen in einem sehr geringen Bereich von 0,1 bis 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung des Kreises bewegen. Was die absoluten Zahlen betrifft: Wir haben sehr früh angefangen zu testen, das Testzentrum in Neustadt, das auch Bürgern des Landkreises zur Verfügung steht, war das erste im Land überhaupt. Nur wo getestet wird, können auch Infektionen festgestellt werden. Dann hatten wir in Wachenheim einen frühen Fall mit einer Corona-Infektion, der eine vergleichsweise hohe Anzahl an Infizierten nach sich gezogen hat. In Wachenheim sind insgesamt 43 Menschen positiv getestet worden, 20 Menschen sind wieder gesund. Außerdem hat sich bestätigt, dass unter den Infizierten im Kreis viele Rückkehrer aus den Skigebieten waren. Und jeder Fall einer Infektion zieht weitere Infektionen nach sich.

Basenach: In Wachenheim haben wir schnell mit drastischen Maßnahmen reagiert: Der Kindergarten wurde geschlossen, dann auch die Schule. Es wurden Quarantänemaßnahmen verhängt, wir haben die Kontaktpersonen der Infizierten kontaktiert. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass wir dort Menschen mit asymptomischem Krankheitsverlauf nicht identifizieren konnten.

Lässt sich ein Zusammenhang der Fallzahlen mit Veranstaltungen wie den Weinbergnächten in Bad Dürkheim Anfang März und dem abgesagten Mandelblütenfest, bei dem sich dann dennoch Menschenansammlungen in Gimmeldingen bildeten, herstellen?
Ihlenfeld: Ich meine nein. Die Lage Anfang März lässt sich nicht mit der heutigen Situation vergleichen. Außerdem sind sowohl in Dürkheim als auch in Gimmeldingen viele Menschen von außerhalb des Kreises gekommen, die von uns nicht erfasst werden.

Basenach: Statistisch ist das sehr schwierig auszuwerten. Aber vor den Weinbergnächten haben wir ja auch eine Risikoabwägung im Hinblick auf die damalige Situation vorgenommen.

Die würde heute wohl anders ausfallen.
Basenach: Wir müssen derzeit jeden Tag auf neue Situationen reagieren.

Durch das neue Testzentrum in Grünstadt ist zu erwarten, dass die Zahl der positiv getesteten Menschen weiter steigen wird.
Basenach: In Grünstadt testen wir derzeit 70 Menschen täglich, in Neustadt haben wir etwa 1000 Abstriche gemacht. Und das ist sinnvoll. Wir wollen ja wissen, wo wir stehen, und wir müssen Infizierte in Quarantäne schicken, um eine Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Wäre es dann nicht sinnvoll, noch mehr zu testen?
Ihlenfeld: Es werden zuweilen ja Massentestungen gefordert. Aber das ist aus Kapazitäts- und Materialgründen nicht möglich.

Basenach: Der Personenkreis, der getestet werden kann, wurde ja auch erweitert. Jetzt werden beispielsweise Personen mit viraler Lungenentzündung getestet oder Menschen, die akute Symptome zeigen, ohne dass sie Kontakt mit einem positiv getesteten Menschen hatten, etwa wenn diese ein Risikoprofil aufweisen oder in einem medizinischen Beruf oder in der Pflege arbeiten. Ich denke, dass diese Kriterien sehr gut sind.

Lassen sich denn schon erste Tendenzen ausmachen, ob die Kontaktsperre Wirkung zeigt?
Basenach: Sie gilt ja erst seit rund einer Woche. Verlässliche Tendenzen lassen sich frühestens nach 14 Tagen kommunizieren.

Virologen warnen ja von einer besonderen Gefährdung der Bewohner von Seniorenheimen. Wie ist da die Situation im Kreis und der Stadt Neustadt?
Basenach: Wir hatten im GDA-Wohnstift in Neustadt und im Azurit-Seniorenzentrum in Grünstadt bestätigte Fälle von Covid-19-Erkrankungen. In anderen Einrichtungen gibt es zum jetzigen Stand keine weiteren positiv Getesteten. Im GDA-Wohnstift ist der letzte Bewohner aus der Quarantäne entlassen worden. Derzeit gibt es dort aktuell keinen Covid-19-Fall mehr. Wir wissen natürlich, dass in Seniorenheimen vulnerable Gruppen leben. Deswegen haben wir auch schon zu Beginn der Epidemie Informationsveranstaltungen angeboten und Tipps gegeben, wie sich die Mitarbeiter in den Heimen verhalten sollen, wenn solche Situationen auftreten, wie wir sie jetzt haben. Wenn in einem Heim Infektionen auftreten, ordnen wir schnell relativ drastische Maßnahmen an wie jetzt in Grünstadt oder in Neustadt.

Blicken Sie mit Sorge auf die Osterfeiertage? Der Kreis Bad Dürkheim ist ein beliebtes Ausflugsziel.
Ihlenfeld: Offen gesagt: ja. Es wird gutes Wetter erwartet, zudem verstärkt sich der Lagerkoller mit zunehmender Dauer der Kontaktbeschränkung. Das ist verständlich. Aber Spaziergänger sollten beliebte Orte meiden und unbedingt den Mindestabstand einhalten. Es dürfen sich keine Menschenansammlungen bilden! Die Ordnungsämter werden das auch kontrollieren.

Für wie realistisch halten Sie eine Lockerung der Maßnahmen nach Ostern, Herr Ihlenfeld?
Ihlenfeld: Die Rechtsverordnung des Landes gilt bis zum 19. April. Dann müssen wir weitersehen. Ich glaube, wir müssen mit einer Entscheidung darüber, wie es weitergeht, bis deutlich nach Ostern warten. Gleichzeitig bereiten wir uns als Kreis darauf vor, dass das Virus weiter um sich greift und sind dabei, unsere Pläne für ein Notkrankenhaus voranzutreiben.

Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld.
Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld.
Silke Basenach vom Gesundheitsamt.
Silke Basenach vom Gesundheitsamt.
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