Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Ladeninhaber betonen: „Ich kann nicht noch mehr arbeiten“

In diesem Laden ist am Mittwochnachmittag niemand anzutreffen.
In diesem Laden ist am Mittwochnachmittag niemand anzutreffen.

„Ruhetag“ – das lesen Kunden immer öfter an Ladentüren in der Innenstadt. Daher wächst die Sorge, Neustadt könnte an Attraktivität verlieren. Manche setzen daher nun auf eine Idee aus den 1990er-Jahren.

Das Thema Ladenöffnungszeiten in der Neustadter Innenstadt beschäftigt auch die Unternehmergemeinschaft Willkomm, die eine Umfrage unter den Mitgliedern gestartet hat. Sie befürchtet, dass die Attraktivität Neustadts leidet und sucht einen Weg, in der Innenstadt Kernöffnungszeiten zu erreichen. Als Grund für die vorgezogenen Ladenschlusszeiten vermute die Willkomm den Mangel an geeignetem Personal und gestiegene Energiekosten, sagt Vorstandsmitglied Andreas Böhringer.

Bereits seit rund einem Jahr hat die Metzgerei Neumaier montags geschlossen. Aus Personalmangel, wie Frank Neumaier auf RHEINPFALZ Anfrage angibt. „Ich brauche eine Kraft mehr, die ich nicht habe“, sagt er. Allerdings ruht nur der Verkauf an diesem Tag. Die Produktion laufe weiter. Die gestiegenen Energiekosten spielen keine Rolle. „Die Kühlung arbeitet sieben Tage die Woche. Den Maschinen ist es egal, ob wir geöffnet haben oder nicht.“

Mit Aushängen wird auf Veränderungen hingewiesen.
Mit Aushängen wird auf Veränderungen hingewiesen.

Vor knapp zwei Jahren führte das Floristikatelier Helena in der Kellereistraße einen Ruhetag ein. Grund: Personalmangel. „Da das Wochenende bei uns sehr umsatzstark ist, haben wir den Montag dafür ausgewählt“, sagt Inhaberin Helena Bolek. „Montags kann ich nun Büroarbeiten erledigen.“ Und: „Noch mehr arbeiten kann ich nicht.“ Die Kunden hätten sich damit arrangiert, und von manchen Kollegen höre sie, dass ihnen der Gedanke an einen freien Montag durchaus zusage.

„Ziemlich leer“

Doch es gibt auch andere Stimmen. Der Ruhetag am Montag, den einige Kollegen in der Kellereistraße oder in der Hetzelgalerie nehmen, wird auch kritisch gesehen. „Die Kellereistraße ist am Montag ziemlich leer“, sagt Birgit Hüsken von Cotto-Wohnaccessoires in der Hauptstraße. Sie selbst habe immer einen „Bombenmontag“. Für Jutta Laubersheimer von der Buchhandlung Hofmann in der Friedrichstraße ist ein Ruhetag kein Thema. Sie befürchtet eine insgesamt schwächere Kundenfrequenz in der Stadt, wenn sich das auch in anderen Geschäften durchsetze.

„Wir haben schon vor 20 Jahren über Kernöffnungszeiten diskutiert und werden das auch noch in den nächsten Jahren tun“, sagt Heidi Wohs, Boutique-Inhaberin in der Friedrichstraße. Schwierig sei es, alle Geschäftsleute unter einen Hut zu bekommen. Auch in anderen Städten werde über eine Vereinheitlichung diskutiert. „Wir haben viele kleine inhabergeführte Geschäfte in der Innenstadt, die nicht auf eine große Personaldecke zurückgreifen können“, sagt Wohs. Ute Klein von Ute’s Wäschemode in der Kellereistraße führt ihren Laden allein: „Alleine sechs Tage die Woche von morgens bis abends ohne Mittagspause – wie soll das gehen?“

Eine Stunde weniger

Wohs hat zwar durchgehend an allen Tagen geöffnet – aber nur noch bis 18 Uhr. Das ist eine Stunde weniger als vor Corona. „Die Kundenfrequenz hat abgenommen, auch weil viele Kollegen nicht mehr bis 18.30 oder 19 Uhr öffnen“, sagt sie. Auch die Buchhandlung Hofmann verkürzte die tägliche Verkaufszeit um eine halbe Stunde auf 18 Uhr – mit gleicher Begründung. Im Januar und Februar ist das Schuhzimmer in der Hauptstraße nur bis 18 Uhr geöffnet, danach werden die Kunden wieder bis 19 Uhr bedient. „Im Winter ist es einfach ruhiger“, sagt Yvonne Mayr. Die Reiseinsel in der Laustergasse hingegen konnte nach den Corona-Einschränkungen ihre Öffnungszeiten wieder ausweiten – täglich bis 18 Uhr.

Direkte Info, wie lange eingekauft werden kann.
Direkte Info, wie lange eingekauft werden kann.

Wohs befürwortet einheitliche Öffnungszeiten: „Wenn wir alle die Läden auf- und zumachen, wie es uns in den Sinn kommt, haben wir irgendwann gar keine Frequenz mehr.“ Hüsken erinnert an die gesetzlichen Ladenöffnungszeiten, mit denen Kunden und Geschäftsleute gleichermaßen eine Richtschnur und Sicherheit gehabt hätten. Besonders positiv ist ihr der lange Donnerstag im Gedächtnis geblieben. „Das wäre doch eine gute Möglichkeit für Neustadt, auch Kunden in die Stadt zu holen, die selbst lange arbeiten müssen“, sagt sie. Aber sie schränkt ein: „Das klappt nur, wenn alle mitziehen. Mit einem langen Donnerstag könnten Hüsken zufolge andere Schließzeiten kompensiert werden. Sie selbst schließt mittwochs schon um 15 Uhr. „Mittwochnachmittags ist in der Pfalz allgemeiner Wandertag und die Arztpraxen sind geschlossen. Dann ist in der Stadt weniger los“, beobachtet sie.

Einkaufen als Erlebnis

Auch Ute Klein hat seit geraumer Zeit am Mittwochnachmittag den Laden zu. „Die Kunden akzeptieren das und unterstützen mich darin“, sagt sie. Sie nehme nur wenig Urlaub und sei permanent selbst im Laden. Für die freien Stunden habe sie einen ansonsten ruhigen Nachmittag gewählt.

Darüber, ob eine Mittagspause sinnvoll ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Hüsken schließt nicht in der Mittagszeit, denn genau dann hätten die Büroangestellten Pause und seien in der Stadt unterwegs.

Keiner der Befragten befürchtet wegen der uneinheitlichen Öffnungszeiten ein Abwandern der Kunden zum Online-Handel. „Die Kundenstruktur in Neustadt ist nicht jung“, sagt Wohs. „Wer in die Stadt kommt, hat ein Einkaufserlebnis, das er beim Internetshopping nicht hat“, so Klein. Die Beratung gerade in den inhabergeführten Geschäften sei für viele Kunden der stärkste Beweggrund, den Läden treu zu bleiben, glaubt Wohs.

Zur Sache: Geschichte der Ladenschlusszeiten

Seit 2006 ist die Regelung der Ladenschlusszeiten in Deutschland Ländersache. In Rheinland-Pfalz dürfen die Geschäfte von montags bis samstags von 6 bis 22 Uhr öffnen. Ausnahmen sind Bäckereien, die schon um 5.30 Uhr öffnen dürfen. Sonntags und an gesetzlichen Feiertagen ist grundsätzlich Ladenschluss. Verkaufsoffene Sonntage dürfen nur viermal jährlich veranstaltet werden. Die Öffnungszeiten haben sich immer wieder geändert. Am 1. Oktober 1900 trat das erste Ladenschlussgesetz in Kraft. Danach durften Geschäfte an Werktagen zwischen 5 und 21 Uhr verkaufen . Eine neue gesetzliche Regelung führte ab 1919 die Sonntagsruhe und eine beschränkte Ladenöffnungszeit an Werktagen von 7 bis 19 Uhr ein. Bis 1996 galt eine Ladenschlusszeit von 18.30 Uhr. 1989 wurde der „lange Donnerstag“ eingeführt, an dem Geschäfte bis 20.30 Uhr geöffnet sein durften. Ab 1996 galt: wochentags konnten die Geschäfte zwischen 6 und 20 Uhr, samstags bis 16 Uhr öffnen. Der lange Donnerstag verschwand wieder. 2003 wurden die Samstagsöffnungszeiten auf 20 Uhr verlängert, und seit 2006 sind die Länder zuständig.

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