Neustadt
„Komplett anders denken“ – Ideen für die Verkehrswende
50 Zuhörer sind am Donnerstagabend der Einladung der Klimaaktion gefolgt und wollten in der Gimmeldinger Meerspinnhalle miteinander diskutieren, wie in Neustadt die Verkehrswende gelingen kann. Verkehrswende und dann ein Treffen in einem Weindorf. Ist das nicht ein Widerspruch? Genau auf diese Frage waren die Organisatoren vorbereitet. Daher wollten sie auch wissen, wie die Gäste angereist waren. Das Abstimmungsergebnis geht aus Sicht der Klimaaktion in die richtige Richtung: Die Mehrheit kam zu Fuß oder mit dem Rad. Einige nutzten Carsharing oder das Shuttle von Mobility on Demand.
Natürlich entspricht das Verhalten der am Thema interessierten Klientel nicht dem der gesamten Gesellschaft. Man wolle jedoch noch mehr Menschen davon überzeugen, dass es nicht nur das Auto gibt, um von A nach B zu kommen, wie Michael Boltz von der Klimaaktion betonte: „Viele Städte sind nach dem Motto gebaut: Bei uns können Sie bis zur Fleischtheke fahren. Wir arbeiten an einem Umdenken, müssen dazu unsere Stadt umbauen und unsere Gewohnheiten ändern.“ Ursula Roth (Klimaaktion) begründete den Handlungsbedarf damit, dass sich beim Verkehr in Sachen CO 2 -Ausstoß in den vergangenen 30 Jahren insgesamt noch keine Verbesserung ergeben habe. „Dabei geht es nicht nur um den Klimaschutz, sondern auch um eine bessere Lebens- und Aufenthaltsqualität.“ Daher „wollen wir alle Neustadter erreichen, denn von einer Verkehrswende profitieren alle“, so Roth.
Verdopplung beim Nahverkehr
Für diesen Ansatz bekam der Neustadter Verein ein Lob von den beiden Referenten: Aus Berlin war per Video Philipp Kosok zugeschaltet. Er ist Projektleiter Öffentlicher Verkehr bei der Agora Verkehrswende, einer Art Denkfabrik für ein klimafreundliches und nachhaltiges Verkehrssystem. Der zweite Referent war Michael Obert. Er war in Karlsruhe Baubürgermeister. Kosok verdeutlichte, dass es möglichst schnell gelingen müsse, dass der Verkehr klimaneutral werde. Dazu sei es erforderlich, den Autoverkehr um 30 Prozent zu reduzieren und „eine Verdopplung beim öffentlichen Nahverkehr“ herbeizuführen. Weitere Investitionen seien bei der Radinfrastruktur erforderlich. „Wir müssen komplett anders denken.“ Ein Schlüsselrolle komme dabei dem Parkraummanagement zu: Es dürfe nicht mehr so viele kostenlose Stellplätze geben. Kosok ist überzeugt, dass alle profitieren: „Wir haben eine bessere Luft und mehr Flächen für den Aufenthalt. Die Kommunen gewinnen an Lebensqualität.“
Michael Obert veranschaulichte die Anstrengungen in Karlsruhe. Um wie in der badischen Unistadt zu Erfolgen zu kommen, sei es wichtig, den konkret Radverkehr zu fördern und sich messbare Ziele zu setzen. Ausreden wie viele Steigungen lasse er nicht mehr gelten: Es gebe ja nun Elektroräder. Er habe sich in Neustadt umgesehen: „In der Landauer Straße gäbe es Platz für Radspuren.“ Wichtig sei politische Konsequenz: „Es werden auch Parkplätze wegfallen müssen, um Platz für Radfahrer und Fußgänger zu schaffen.“ Diese Art der Fortbewegung müsse man attraktiver gestalten. „Dann nutzen das die Menschen auch“, betonte Obert.
Was ist mit Gewerbe?
Christine Locher, Verkehrsplanerin bei der Stadtverwaltung, warnte davor, das Thema nur bei der Verwaltung abzuladen. Alle Bürger seien gefragt. Es gehe darum, Verkehr gar nicht erst entstehen zu lassen – indem man etwa auf Online-Bestellungen und die damit verbunden Lieferfahrten verzichte, so Locher.
Martin Burkhardt vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) forderte kurze Wege und den Verzicht auf Versiegelungen und Gewerbeansiedlungen am Stadtrand. Baudezernent Bernhard Adams entgegnete, dass Neustadt Gewerbesteuer und Ansiedlungen brauche, um Handlungsspielraum für Investitionen zu haben. Als Beispiel nannte er die neue Busausschreibung mit neuen Linien und einer besseren Taktung. Das Busangebot werde dadurch besser, aber teurer. Die Stadt müsse das finanzieren können, so Adams.
Stefan Rouwen von Mobility on Demand (MoD) regte einen Ansatz an, der alle Angebote klimafreundlicher Fortbewegung aufzeige. Sein Unternehmen arbeite an einer entsprechenden App. MoD plane zudem, sein Angebot mit E-Autos Richtung Deidesheim, Wachenheim und Bad Dürkheim auszuweiten.
