Neustadt
Klimawandel vor der Haustür: Eine grüne und blaue Stadt
Er ist 60 Kilometer lang, entspringt im Pfälzerwald und mündet in den Rhein: Die Rede ist vom Speyerbach, sozusagen dem Ideengeber des Projekts „Wasser in die Stadt“. Denn in Neustadt wurde das Fließgewässer in den 1960er Jahren etwa ab dem Casimirianum bis zur Wallgasse verrohrt und damit unter die Erde verbannt. Vielerorts wurde damals so verfahren, vielerorts wird das heute bereut. Denn Wasser in der Stadt ist nicht nur ein touristisches Pfund und gibt den Menschen ein bestimmtes Heimatgefühl. In Zeiten des Klimawandels bildet es auch einen Gegenpol zur Versiegelung.
In Neustadt wurde der Speyerbach zumindest ab der Wallgasse renaturiert. Der Grünzug zieht sich jetzt bis zum Schulzentrum Böbig und soll fortgesetzt werden Richtung Ordenswald – unabhängig von einer Landesgartenschau 2026, im Idealfall aber natürlich eingebettet in eine solche Veranstaltung unter dem Motto „Sprung ins Grüne“.
„Das muss man tun“
Innerstädtisch aber kann das Rad nicht zurückgedreht werden. Stattdessen wurde auf Initiative von Bürgerstiftung und Lions Club der Speyerbach symbolisch wieder zutage gefördert: mit „Wasser in die Stadt“. An drei, eventuell auch vier Stellen zwischen Klemmhof und Marienkirche wird mit Wasserflächen gearbeitet, die an den früheren Verlauf des Speyerbachs erinnern sollen. Der erste Bauabschnitt wurde im Juni freigegeben.
„Es geht selten so wie früher“, weiß Detlef Kurth, Professor für Stadtplanung an der Technischen Universität Kaiserslautern. Aber selbst wenn es eine künstliche Anlage sei, müsse man die Chance nutzen, wenn sie sich auftue.
Schwammstadt gefragt
Dass Innenstädte mit viel Asphalt und Beton nicht gerade förderlich fürs Klima sind, ist zwischenzeitlich bekannt. Hitzeinseln, Smog, Starkregen sind längst keine Unbekannten mehr. Dem will auch Neustadt begegnen, und die Flutkatastrophe an der Ahr gibt dem Thema zusätzliche Brisanz. Das Klimaschutzkonzept steht, Schlagworte sind unter anderem mehr Grün, Beispiel „Stadtgrün naturnah“, erneuerbare Energien, ein mögliches generelles Verbot von Schottergärten oder auch der Slogan „Schwammstadt“. Dahinter verbirgt sich, wie Umweltdezernentin Waltraud Blarr unlängst ausgeführt hat, dass so viel Oberflächenwasser wie möglich versickern soll. Neue Retentionsflächen, weniger Versiegelung und auch strengere Vorschriften für Bauherren gehören dazu.
Ein solches Klimaanpassungskonzept zu haben, sei gut, sagt der Stadtplaner Kurth. Viele Städte hätten es noch nicht. Ebenso wichtig sei aber, nicht nur eine grüne, sondern auch eine blaue Stadt im Visier zu haben, wenn es darum geht, die Stadtstruktur zu verändern, um sie der Klimaveränderung anzupassen.
Immer auch sozial gerecht
Das Grün steht bei Kurth für eine gezielte Förderung von innerstädtischen Maßnahmen, Beispiel Dachbegrünung oder bepflanzte Höfe. Ebenso wichtig seien Straßenbäume als Klimaverbesserer und als Schattenspender. In der Innenstadt noch vorhandene Frischluftschneisen müssten offen gehalten werden. Wichtig sei es, Grünanlagen und Waldflächen zu schützen sowie kleinteilig das Mikroklima in den Quartieren zu verbessern.
Für den Wissenschaftler geht es dabei sowohl um Klimaschutz und weniger Emissionen als auch um die Anpassung an den Klimawandel. „Gleichzeitig muss dieser aber sozial gerecht, verständlich und baukulturell anspruchsvoll gestaltet werden.“ Die Innenentwicklung habe dabei immer Vorrang, es dürfe nicht ohne guten Grund im Außenbereich neue Fläche versiegelt werden.
Umsetzung gelungen
Das Blau wiederum bedeutet: „Wir brauchen mehr Wasser in der Stadt.“ Brunnen sorgten für einen Kühleffekt und für ein reguliertes Kleinklima, ebenso oberirdische Wasserstraßen. Wo Bachläufe teilweise verrohrt worden seien, sei das nicht immer rückgängig zu machen, auch wenn das am besten wäre. Stattdessen ein Projekt wie „Wasser in die Stadt“ umzusetzen, sei aber zumindest eine Alternative. Zwar kennt er den ersten Bauabschnitt bislang nur von Fotos, die Umsetzung sei aber gelungen, so Kurths Urteil. Zumal es sich bei der Fläche um einen Straßenraum handele.
„Natürlich wirkt eine solche Gestaltung für manche etwas fade“, sagt der Wissenschaftler mit Blick auf Neustadt und auf Projekte andernorts. „Aber auch solche Flächen müssen sein, man kann nicht eine ganze Innenstadt zuwuchern lassen.“ In der Innenstadt könne ein solches Wasserareal also auch mal steinern sein, ohne deswegen an Bedeutung für den Klimaschutz zu verlieren. Und trotzdem könne es ein attraktiver Aufenthaltsort für Bürger und Besucher der Stadt sein.
Viel Potenzial in Neustadt
Neustadt attestiert der Stadtplaner ein „großes Entwicklungspotenzial“. Studienprojekte der TU hätten ihn schon öfter in die Altstadt geführt. Indes weiß Kurth auch, dass es eine gute Planung, Geld und vor allem Zeit braucht, um die Stadt aus „ihrem Dornröschenschlaf“ zu holen. Baudezernent Bernhard Adams, mit dem er Kontakt habe, sei aber auf dem richtigen Weg.
Dass Neustadt den Zuschlag für die Landesgartenschau 2026 bekommen sollte, würde sich auch der Kaiserslauterer Professor wünschen. Mit dem „Sprung ins Grüne“ könnte auch ein großer Sprung in Sachen Klimaschutz geschafft werden.
Zur Person
Detlef Kurth ist seit 2017 Universitätsprofessor für Stadtplanung an der TU Kaiserslautern, Fachbereich Raum- und Umweltplanung. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die „Klimagerechte Stadt“.
