Neustadt
Klaus Gröschels neues Buch über die Schulzeit
„Fünf turbulente Jahrzehnte im pfälzischen Schulwesen“ verheißt das im Mannheimer Wellhöfer-Verlag erschienene Buch in seinem Untertitel, und der Umstand, dass den einzelnen Kapiteln jeweils ein kurzes Märchenzitat vorausgeschickt wird, zeigt an, dass die Thematik eher launig-humorig abgehandelt wird – was nicht heißt, dass es keinen klaren Blick auf die mitunter schon absurden Verhältnisse und ideologischen Grabenkämpfe erlauben würde, mit denen Fragen der Bildung und Erziehung in Deutschland manchmal angegangen werden.
Die schönste Zeit des Lebens? Von wegen!
Mit Witz und Augenzwinkern schaut Gröschel, der 2010 nach fast 30 Jahren am Neustadter Käthe-Kollwitz-Gymnasium in den Vorruhestand trat, zurück auf sein eigenes schulisches Leben. Beginnend mit seiner Einschulung 1956 in seinem Geburtsort, dem westpfälzischen Contwig bei Zweibrücken, in einer katholischen Schule mit Geschlechtertrennung schon ab der ersten Klasse. Ironisch hinterfragt er dabei die Ankündigung der Erwachsenen, die Schulzeit sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen, waren für ihn doch die ersten Wochen alles andere als ein Zuckerschlecken im so verlockend angepriesenen „Lebkuchenhaus“.
Man gewöhnt sich jedoch an das „System“ und lernt, wie man mit möglichst wenig Aufwand gut durchkommt, lassen sich seine ersten Erfahrungen auf den Punkt bringen. „Offenbar entsprach ich dauerhaft nicht den vermutlich ambitionierten erzieherischen Maßstäben und Erwartungen meiner Eltern“, bekennt er, weshalb ab der fünften Klasse ein Wechsel zum strengen katholischen Internat in Dahn beschlossen wurde. Diese fünf prägenden Jahre mit ihren bisweilen skurrilen Auswüchsen – für viele der damaligen Pädagogen kein Ruhmesblatt – beschrieb Gröschel bereits in seinem 2012 erschienenen Buch „(V)erzogen in der Pfalz“.
Man experimentierte und lotete Grenzen aus
Nur kurz geht der Autor deshalb jetzt in seiner neuer Publikation auf diese Episode ein, interessant sind seine Anmerkungen zu den damaligen Rückmeldungen. Obgleich anekdotisch und humoresk verfasst, fühlten sich einige „auf den Schlips oder die Soutane “ getreten. So kam es, dass der katholische Ortspfarrer in Dahn eine Lesung in den Kirchenräumen untersagte und eine Journalistin von ihrer Zeitung zurückgepfiffen wurde. „Ich hatte offensichtlich in ein Wespennest gestochen“, so Gröschel, der neben erbosten Briefen jedoch auch viel Lob und überraschende, positive Rückmeldung von Weggefährten und Leidensgenossen erhielt. Und auch die katholische Kirche schaltete nicht grundsätzlich auf „stur“: In Neustadt zum Beispiel hatte Gröschel auch eine Lesung im Herz-Jesu-Kloster.
Von Mathematik keine Ahnung
Doch zurück zur Gröschels Schullaufbahn, die den Rahmen bei „Prüfungen und andere Verhängnisse“ vorgibt: Nach dem Tod des Vaters folgten vier Jahre am Hohenfels-Gymnasium in Zweibrücken. Ehrlich bekennt Gröschel, dass er in Mathe immer abschrieb, „ohne die geringste Ahnung vom Inhalt“. Mit seinen Geständnissen können sich bis heute wahrscheinlich viele Schüler und Absolventen identifizieren. Besser lief es in Deutsch, Latein und Englisch, 1969 gemeinsam mit Mathematik Pflichtfächer der schriftlichen Abiturprüfung. Mit spitzer Feder und subtilem Humor beschreibt der heute 71-Jährige die Lehrkräfte und ihre Eigenheiten. Er und seine Mitschüler verstanden es, die Persönlichkeit des Lehrers gründlich zu studieren, man experimentierte, lotete Grenzen aus und überschritt sie auch gelegentlich. Ein Szenarium ohne Verfallsdatum!
Widerborstigkeit und Unbotmäßigkeit habe man seiner Klasse nachgesagt, so der Autor, weshalb sie ihre Reifezeugnisse auch nicht im Rahmen einer Abifeier erhielt. Umso gelungener oder ausufernder gestaltete sich die feuchtfröhliche Feier danach, die mit einer Fahrt ohne Führerschein und einer Alkoholvergiftung endete. Mit allen Wassern gewaschen und nichts ausgelassen – so könnte das Fazit lauten. Sicher ein Grund dafür, dass Gröschel später als Lehrer so manche „Ausrutscher“ seiner Schüler mit Nachsicht behandelte, dabei stets wachsam ihre Finten durchschauend.
Die Gesamtschule – ein Testballon bei laufendem Betrieb
Mit Blick auf seine Zeit als Lehramtsanwärter nach dem Studium in Germanistik und katholischer Theologie stellt Gröschel Vergleiche mit der heutigen Referendarzeit an. „Vieles schien vorwiegend dem Zweck zu dienen, uns junge Leute einmal ordentlich zurechtzustutzen“, schreibt er, zum Glück habe sich dies heute gewandelt. Seinen ersten Dienstort als Lehrer, die IGS Kaiserslautern, sieht der Autor mit kritischem Blick. Das damals neue Schulsystem habe systembedingte Mängel gehabt, man befand sich gleichsam in einer Testphase bei laufendem Betrieb. Anforderungen wurden auf Geheiß „von oben“ hin zurückgeschraubt, damit die Noten – bis hin zur Abiturprüfung – dem Vergleich mit den Gymnasien standhielten.
Erleichtert war Gröschel deshalb, dass ihm nach fünf Jahren sein Versetzungswunsch nach Neustadt gewährt wurde. Von 1983 bis 2010 unterrichtete er dann am Käthe-Kollwitz-Gymnasium, bis wenige Jahre zuvor noch eine reine Mädchenschule. In den kurzweiligen Kapiteln, die diese Zeit behandeln, beschreibt und bewertet der Autor unterschiedliche Lernmethoden ebenso wie neue Spicktechniken der Schüler. Er schildert einfühlsam diverse pädagogische Herausforderungen bei Klassenfahrten, nimmt aber ebenso methodische Reformtendenzen und hierarchische Strukturen im Lehrer-Kollegium kritisch unter die Lupe.
Auch als Lehrer wird man ständig geprüft
„Nach meinem ersten Buch gab es viele Anfragen, ob ich nicht noch eines schreiben würde“, erzählt der Autor, den seine täglichen Wanderungen und Besuche im Sportstudio nicht ganz auslasten. Deshalb überlegte er, die Bandbreite der schulischen Entwicklung im Bereich Erziehung und Lehrerausbildung darzustellen. „Nicht als wissenschaftliches Werk, sondern unterhaltsam anekdotisch. Dazu fiel mir der Begriff Prüfungen ein.“ Das könne man im engeren und weiteren Sinne betrachten. „Selbst als Lehrer wird man ständig geprüft, von Schülern, aber auch von Eltern“, meint Gröschel. So geht er auch auf Elternabende und Elterngespräche ein, deren breite Skala von konstruktiver und erfolgreicher Zusammenarbeit bis hin zu aggressiven Szenen reicht.
Aber ob die Schilderungen nun Schüler oder Eltern betreffen: „Ich habe es so geschrieben, dass nur derjenige, der gemeint ist, es selbst merkt.“ Aus der Gesamtheit ergeben sich überzeitliche Muster, sicher für viele Leser auch Erinnerungen, die sie heute aus Distanz ähnlich humorvoll und schmunzelnd betrachten können.
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