Neustadt Klassik statt Agitation

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Neustadt. Klaus Christian von Wrochem kennt man eigentlich als aggressiven politischen Liedermacher, der unter dem Künstlernamen „Klaus der Geiger“ zu einem der populärsten Straßenmusiker Deutschlands geworden ist und in der Vergangenheit immer wieder vorwiegend in der linksalternativen Szene eine Rolle gespielt hat. Dass er auch ganz anders kann, bewies er am Freitag im „Wespennest“.

Der 77-Jährige spielte zusammen mit dem 50 Jahre jüngeren Gitarristen Marius Peters ein Programm, das unter dem Titel „Piaddolla“ steht und sich mehrheitlich der Musik des argentinischen Bandoneonspielers und Komponisten Astor Piazzola widmet. Wrochem ist keineswegs gerade mal so auf sein Instrument, die Geige, gestoßen, sondern ist studierter Violinist, der in seinen jungen Jahren für mehrere Sinfonieorchester tätig war. Erst als er während eines Stipendiums in den USA mit Hippies in Berührung gekommen war, änderte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland, sein Leben grundlegend. Er zog in eine Kommune ein und trat mit selbstgeschriebenen Liedern und eigenwilligen Texten bei Demonstrationen und politischen Aktionen in Erscheinung und wurde zum „Asphalt-Paganini“. Dazwischen erinnerte er sich aber immer wieder seiner Wurzeln und lebte seine Liebe zur Geige in unterschiedlichsten Projekten aus. Neben seinen Bandaktivitäten leitet er heute beispielsweise das Orchester des Kunstsalons Köln. Einen viel bürgerlicheren Verlauf nahm dagegen die Karriere von Marius Peters. Der wie Wrochem aus Köln stammende Gitarrist und studierte Instrumentalpädagoge ist neben seinen Konzertaktivitäten Lehrer an der Musikschule Hürth. Als er im Anschluss an eine Tour durch Polen einen Auftritt in der Kölner Südstadt hatte und gerade „Black Orpheus“ spielte, stürmte plötzlich und unangemeldet der ihm bis dato unbekannte „Klaus der Geiger“ die Bühne und begann, zu dem Stück zu improvisieren. Peters fackelte nicht lange und ließ sich auf das Spiel ein. Das Ergebnis war umwerfend, das Publikum raste vor Begeisterung. Schon wenige Tage später erhielten Peters und Wrochem, die trotz ihres Altersunterschieds auf der selben Wellenlänge schwimmen, eine Einladung zum renommierten „Edelweißpiratenfestival“ im Kölner Friedenspark. Erst danach studierten sie ein Programm ein. Nach einigem Überlegen kamen der eher dem Folk zugeneigte Wrochem und der Jazzer Peters zum Ergebnis, das die Klassik die einzig wirkliche Schnittmenge in ihren musikalischen Lebensläufen darstellt. Außerdem verband sie noch ihre Bewunderung für Astor Piazolla, den Erfinder des Tango Nuevo. Beim ersten Stück im „Wespennest“ vereinigten sie ihre Vorlieben kongenial, indem sie „Las Cuatro Estaciones porteñas“ auf die Bühne brachten, ein an die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi angelehntes Werk von Piazzola. Dabei machten sie deutlich, dass sie nicht nur nach Noten vom Blatt spielen, sondern die Kompositionen nach eigenen Vorstellungen verändern und dazu frei improvisieren. Dabei gehen sie gleichberechtigt zu Werke und achten darauf, dass ihre virtuosen Alleingänge sich stets die Waage halten. Einen Höhepunkt stellte das im 16. Jahrhundert entstandene „Scarborough Fair“ dar. Neben klassischer Kost gab es aber auch anderes zu hören. So durfte sich Peters über das Jazzstandard „Autumn Leaves“ freuen, Wrochem in einer Coverversion von „When I’m 64“ nicht ganz ernst gemeint „Steckt mich nicht ins Heim“ fordern. Zu den Zugaben gehörte das von allen Zuschauern mitgesungene Shanty „What Shall we Do With The Drunken Sailor“.

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