Neustadt Klarer Fall von Raubkopie

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Deidesheim. Es ist eine wahrlich monumentale Erinnerung an das Geschehen auf der Schädelstätte Golgota, dessen Christen weltweit am morgigen Karfreitag gedenken: das ehemalige Friedhofskreuz neben der Deidesheimer Stadtpfarrkirche St. Ulrich mit seiner stattlichen Größe von 6,48 Metern und seiner überlebensgroßen Christus-Skulptur. Doch auch kunsthistorisch ist das Kreuz spannend, als Beispiel dafür, wie hartnäckig sich gotische Formen in der deutschen Kunst selbst dann noch hielten, als längst die Renaissance aus Italien die Maßstäbe setzte.

Denn entstanden ist das Kreuz, wie der Deidesheimer Heimatforscher Berthold Schnabel 1987 anhand schriftlicher Quellen überzeugend nachweisen konnte, wohl erst nach 1554 – zu einer Zeit also, als Albrecht Dürer, der wohl bedeutendste deutsche Renaissance-Künstler, schon mehr als zwei Jahrzehnte tot war. In diesem Jahr jedenfalls wird ein sonst nirgends erwähnter „Barthel stainmetz“ vom Speyerer Bischof Rudolf von Frankenstein nach Deidesheim beordert, um einen in Kallstadt für ein Monumentalkreuz gebrochenen Stein zu begutachten, an dem der ursprünglich beauftragte „steinmetz weitters nit daran arbeiten woll“. Barthel prüfte nach Schnabels Erkenntnis die Qualität des Felsbrockens und ließ, „dieweill der stain khein nutz“, einen anderen für das Deidesheimer Projekt brechen. Ob er das in einem Stück vom Sockel bis zur Spitze aus dem Stein herausgehauene Kreuz dann auch selbst geschaffen hat, ist nicht nachgewiesen, aber denkbar. Von seinem Typus her knüpft das also auf jeden Fall erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gefertigte Kruzifix allerdings an Vorbilder an, die fast 100 Jahre früher entstanden sind – ein im Bereich der Plastik äußerst ungewöhnlicher Fall. Besonders der bis zum Äußersten gespannte Körper des Gekreuzigten, bei dem „jedes Fäserchen bis ins kleinste Detail genau wiedergegeben“ ist, wie ein Kunsthistoriker schrieb, steht dabei eindeutig in der Nachfolge des berühmten, 1467 von dem niederländischen Bildhauer Niclas Gerhaert van Leyden (um 1430–1473) geschaffenen Baden-Badener Friedhofskreuzes, das sich heute in der Stiftskirche der Kurstadt befindet. Beide Kunstwerke sind nicht nur fast auf den Zentimeter genau gleich groß, sondern entsprechen sich auch im Aufbau, der Körperhaltung und dem Ausdruck des Gekreuzigten, dem naturalistisch als Holzimitation gestalteten Querbalken und vielen weiteren Einzelheiten. Die Nähe ist so verblüffend, dass Wolfgang Medding, der ehemalige Leiter des pfälzischen Landesamtes für Denkmalpflege, in den 1950er- Jahren sogar die These aufstellte, es handele sich bei dem Deidesheimer Kruzifix ebenfalls um ein Werk Gerhaerts. Dies wurde schon damals zwar von den meisten Forschern abgelehnt, doch galt das Deidesheimer Kreuz auch ihnen zumeist als eine Schöpfung aus der unmittelbaren Nachfolge des Niederländers, der von seiner Werkstatt in Straßburg aus die plastische Kunst am Oberrhein auf Jahrzehnte hin prägte. Wie das Baden-Badener Vorbild war auch das Deidesheimer Steinkreuz ursprünglich für einen Friedhof geschaffen worden – wo es bis heute steht, befand sich bis 1783 der Kirchhof der Stadt. Dazu passte natürlich auch der mit Schädeln, Knochen und zwischen Geröll sprießenden Pflanzen gestaltete Sockel sehr gut: Das Kreuz als „Baum des Lebens“, an dem Christus die Menschen erlöst, triumphiert hier nach christlichem Verständnis über den Tod. Aber auch als materielles Denkmal zeugt das Kruzifix von Beständigkeit: Es überstand ebenso wie das gotische Beinhaus gleich daneben – auch dieses als einziges erhaltenes Bauwerk seiner Art in der Pfalz ein Objekt mit Alleinstellungsmerkmal – schadlos den Brand der Stadt Deidesheim im Jahr 1689 und die Plünderungen französischer Revolutionstruppen im Winter 1794. 1957 wurde es gereinigt und gegen Umwelteinflüsse konserviert.

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