Neustadt „Kirmes im Kopf“ und „Vineyard Waltz“

Vier-Oktaven-Stimme trifft auf Meister-Gitarrist: Stephanie Neigel und Daniel Stelter in der Villa Böhm.
Vier-Oktaven-Stimme trifft auf Meister-Gitarrist: Stephanie Neigel und Daniel Stelter in der Villa Böhm.

«Neustadt». Als perfekt harmonisierendes Duo präsentierten sich die Sängerin Stephanie Neigel und der Gitarrist Daniel Stelter am Freitag bei der achten Ausgabe der städtischen Treppenhaus-Konzertreihe in der ausverkauften Villa Böhm. Die beiden verstanden es, dem Publikum mit schönen Melodien und außergewöhnlichen Leistungen in puncto Gesang und Instrumentenbeherrschung einen unvergesslichen Abend zu bereiten.

Daniel Stelter war vielen Zuschauern bereits gut bekannt. Er hat vor einem Jahr schon einmal – mit Fola Dada als Partnerin – einen Auftritt im Treppenhaus absolviert. Wie schon damals hinterließ der Ingelheimer auch jetzt wieder einen hervorragenden Eindruck und demonstrierte eindrucksvoll, dass es für ihn offenbar keine stilistischen Grenzen gibt. Er fühlt sich als Sideman von Ringsgwandl oder Naidoo genauso wohl wie als Leiter seines eigenen „Daniel Stelter Quartetts“ oder als Teil unterschiedlicher Duo-Projekte. Die geborene Wormserin und heute in Köln lebende Stephanie Neigel war darum geradezu die ideale Ergänzung bei der Umsetzung seiner kompositorischen Ideen. Denn auch sie ist eine musikalische Grenzgängerin, die sich in ihren sehr oft selbstgeschriebenen Liedern, je nach Laune, am liebsten im Crossover-Bereich zwischen Popsong, Ballade und Jazztrack bewegt. „Captured Time“ heißt ihre aktuelle CD, mit deren gleichnamigem Titelstück sie auch in den Konzertabend startete. Stelter steuerte dazu ein klassisch angehauchtes Intro bei, das unter den vielen versammelten Freunden gitarrenorientierter Musik, sofort ein Aha-Erlebnis auslöste. Schon nach wenigen gespielten Akkorden hatte Stelter die Zuhörer fest auf seiner Seite. Neigel hielt ihre Vier-Oktaven-Stimme dagegen zunächst noch ein wenig zurück und setzte mit dem unter die Haut gehenden Stück vorläufig „nur“ auf Gefühl. Mit dem rhythmischeren „Eyes Of A Child“ aus demselben Album änderte sie diesen Zustand aber schnell, griff außerdem noch zur Gitarre und übernahm neben ihrer Rolle als Vokalistin auch die der Rhythmusgeberin. Im Anschluss folgte eine Überraschung: Neigel stellte jetzt mit „Kirmes im Kopf“ den ersten von mehreren Songs, darunter „Egoist“ und „Das Kind“, aus ihrer nächsten geplanten Langspielplatte „In Sachen Du“ vor, die erst am 7. Mai mit einem Konzert im Mannheimer „Capitol“ ihr offizielles Release erleben soll. Unterstützen lässt sie sich darauf von Stelter, Schlagzeuger Tommy Baldu und Trompeter Joo Kraus, der Treppenhauskonzert-Kennern natürlich ebenfalls ein Begriff ist – schließlich gab er erst im Januar zusammen mit Christoph Neuhaus seine Visitenkarte in der Villa Böhm ab. Für die jetzige „Kirmes im Kopf“-Live-Uraufführung in Neustadt stand Kraus natürlich nicht zur Verfügung, also sang Stefanie Neigel einfach den Trompetenpart mit und begab sich dafür in tiefe, jazzige Gefilde. Ähnlich verhielt es sich auch bei der Nummer „Dance With The Devil“, einem Stück über eine verzweifelte Nacht, aus dem Neigel und Stelter mit Scatgesang und schrägen Gitarreneffekten einen Song mit Hörspielcharakter machten. Zu einem Höhepunkt des Konzertes wurde schließlich die melodiebetonte Ballade „Little Hours“, in die Neigel so viel Emotionen hineinpackte, dass der darauf folgende, begeisterte Applaus erst mit Verzögerung aufbrausen konnte, da sich das Publikum erst einmal aus der Verzauberung lösen musste. Wenn es auch stellenweise den Anschein erweckte, Neigel stünde allein im Mittelpunkt des Geschehens, war dies so jedoch absolut nicht der Fall. Ohne die herausragende Leistung Stelters wäre das Konzert nicht einmal die Hälfte wert gewesen. Er verblüffte immer wieder mit schwierigen Einlagen und Soli auf der Gitarre und brachte einmal sogar eine über 100 Jahre alte Mandoline zum Einsatz. Zu seiner Eigenkomposition „Split Heart“ übernahm er ausnahmsweise selbst den Leadgesang, und mit dem, wie er es ausdrückte, „Wingertwalzer“ (im Original „Vineyard Waltz“), brachte er seine Liebe zu seinem Wohnort Ingelheim am Rhein zum Ausdruck. Für die Zugaben hatten sich die Sängerin und er einen weiteren Neigel-Song, „Go Out“, von einem vielstimmigen Publikumschor begleitet, und das einzige Cover der Veranstaltung, „Blackbird“ von den „Beatles“, aufgehoben. Zusätzlich zur Musik konnten die Besucher in der Villa Böhm die extra für diesen Abend ausgestellten Werke des Farbradierers Gerhard Hofmann ansehen, die allesamt Impressionen aus oder rund um seine Heimatstadt Neustadt zum Gegenstand hatten.

x