Neustadt „Keine Schlafstadt mehr sein“
Schon allein die Resonanz am Donnerstagabend war für Norbert Schied, den Vorsitzenden des Innenstadtbeirates, ein toller Erfolg. Rund 20 Bürger waren in den Ratssaal gekommen, um bei einer sogenannten Impulsveranstaltung darüber zu diskutieren, wie „das Leben, das Erleben und das Wohnen“ – wie es in der Einladung hieß – in der Innenstadt verbessert werden kann. Auch einige Vertreter der Verwaltung, darunter Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer, waren gekommen, hörten aber nur zu, was die Bürger vorbrachten. Eine der wenigen Ausnahmen: Als die schlechte Beschilderung für Touristen in der Innenstadt moniert wurde, ließ Martin Franck, der Geschäftsführer der Tourist, Kongress und Saalbau (TKS) GmbH, wissen, dass eine Neu-Konzeption unmittelbar bevorstehe und man nur noch auf die Zuschusszusage warte (wir berichteten). Auch Zielkonflikte, die keine Stadtverwaltung aus der Welt schaffen kann, wurden deutlich. Mehrere Redner forderten zum Beispiel Perspektiven für den Radverkehr. Die Vorschläge reichten von weniger Kopfsteinpflaster bis zur Ausweitung der Freigabe des Radfahrens für die Fußgängerzone und auch ein Zurückdrängen des Autoverkehrs. „Der Autoverkehr in der Innenstadt gehört aber auch zu einer belebten Innenstadt und kann sich nicht in Luft auflösen“, ließ die Entgegnung nicht lange auf sich warten. Die Forderung eines Parkhauses am Bahnhof kam wieder auf. Ein anderer Diskussionsteilnehmer sprach von unnötigem Verkehr, wegen der vielen Einbahnstraßen. Und ganz oft standen die Ampelschaltungen in der Kritik der Bürger. Wie meist, wenn über die Innenstadt diskutiert wird, traten auch die unterschiedlichen Interessen einzelner Akteure zutage: Festveranstalter, Gastronomen und die Wochenmarkt-Beschicker würden zu oft gegeneinander arbeiten. Neustadt habe beste Voraussetzungen, die Akteure müssten nur mehr an einem Strang ziehen, hieß es in den Redebeiträgen immer wieder. Ein Gastronom kritisierte die zu strenge Auslegung der Sperrzeiten durch das Ordnungsamt, vor allem im Sommer bei der Außenbestuhlung, die bis 23 Uhr zulässig ist: „Zum Leben und Wohnen in der Innenstadt gehören Menschen, die sich auch unter freiem Himmel aufhalten dürfen. Wir wollen doch keine Schlafstadt mehr sein.“ Kreishandwerksmeister Dirk Fischer sprach einigen Rednern den Bezug zur Realität ab: „Ein Unternehmer macht nur Angebote, wenn er damit auch Geld verdient. Wenn sich das nicht verdienen lässt, dann lässt er es bleiben, auch wenn er noch sehr die Stadt mag.“ Im Bezug auf den Einzelhandel seien die Umsatzverluste durch die Konkurrenz des Internets nicht mehr wegzudiskutieren. „Wenn über Leerstände gesprochen wird, fehlt mir der Plan B. Es wird künftig weniger Einzelhandelsgeschäfte geben, das ist eine Tatsache und kein Neustadt-Phänomen.“ Und Dirk Fischer sagte voraus, dass sich auch die Handwerksbetriebe künftig in die Außenbereiche der Stadt verlagern würden: „Es wird bei uns Konzentrationsprozesse geben. Die Firmen werden größer. Die finden in der Innenstadt überhaupt nicht mehr den Platz, den sie benötigen.“ Dominik Durner, Professor vom Mußbacher Weincampus, regte an, die Neustadt-Auftritte besser auf die Systematik der Suchmaschinen im Internet abzustimmen: „Wir brauchen keinen Hinweis auf das Hambacher Schloss, das kennt jeder.“ Viel wichtiger sei es, auf konkrete Angebote und Veranstaltungen in der Innenstadt hinzuweisen. Landau praktiziere das deutlich besser und locke so auch Studenten in die Innenstadt. Norbert Schied sprach nach fast drei Stunden von einer gelungenen Veranstaltung: „Die wenigsten Themen waren heute neu für uns. Aber die Diskussionen bestärken uns darin, sie wieder neu aufzugreifen.“