Haßloch
Keine Kuhmilch für Igelbabys
„Die Menschen haben mittlerweile ein besseres Bewusstsein“. Claudia Klippel sitzt an einem Tisch im Haßlocher Tierheim, hinter ihr raschelt es hörbar. In großen Boxen tummeln sich kleine Igel, die „Babys“, wie Klippel sie liebevoll nennt: sie schnüffeln, klettern und purzeln übereinander. Insgesamt 14 sind es aktuell. Die beiden Neuzugänge vom Vortag wiegen gerade einmal 88 beziehungsweise 105 Gramm.
Claudia Klippel, die sich bereits seit fünf Jahren mit den Tieren beschäftigt, fällt auf, dass die Achtsamkeit gegenüber Igeln in der Gesellschaft zugenommen habe. Ob im eigenen Garten, in der Scheune oder auf der Straße – viele Menschen würden sich melden, sobald sie feststellen, „dass keine Igelmutter mehr da ist“, so Klippel. Denn auf Igel lauern viele Gefahren: Sie werden überfahren, mit Schneckenkorn vergiftet, sie strangulieren sich selbst an Zäunen oder werden durch Mähroboter tödlich verletzt.
„Mittlerweile ist Juli, das ist die Babyzeit“, sagt Klippel, wobei noch nicht alle Igelchen geboren sind. „Wenn jetzt jemand anruft und sagt, er habe kleine Igel gefunden, frage ich als erstes, wie viel sie wiegen“, sagt Klippel. Denn dies sei entscheidend dafür, ob die Tiere in professionelle Obhut kommen – wie die beiden Kleinsten, die zurzeit von ihr versorgt werden. „Mit 88 oder 105 Gramm müssen diese in eine Pflegestelle“, sagt die Expertin und rät davon ab, „selbst herumzubasteln“, denn die Ernährung muss unbedingt dem jeweiligen Alter angepasst werden.
Füttern alle zwei Stunden – auch nachts
Bis zu sechs Wochen lang säugt eine Igelmutter ihre Jungen. In der Igelstation bedeutet dies: Füttern mit der Spritze, solange die Igel noch ganz klein sind – und das „alle zwei Stunden, auch nachts“, erklärt Klippel. Natürlich müssten sich die Kleinen erst einmal daran gewöhnen, dass „kein warmer Bauch von der Mutter da ist“. Das dauere oft ein wenig, bis sie „das kapieren“. Um so schöner ist es für Klippel, wenn es dann klappt und die Kleinen trinken – auch wenn die Igelexpertin dabei um den Schlaf kommt. Man müsse in dieser Zeit eben alles zurückstellen, sagt sie und lacht. Sobald die Igelbabys etwas größer und kräftiger sind, werden sie mit der Flasche gefüttert.
Und welche Milch darf ein Igel zu sich nehmen? „Auf keinen Fall Kuhmilch“, sagt Klippel, denn „Igel sind laktoseintolerant“ und können das Milcheiweiß nicht verdauen. „Im Zoofachhandel gibt es Aufzuchtmilch für Hunde und Katzen“, die auch Igel gut vertragen, so die Haßlocherin. Umgestellt auf feste Nahrung werde dann stufenweise, erzählt Klippel. Nach etwa vier Wochen bekommen die Igel Zähnchen, sagt sie, und das sei der Zeitpunkt, schon mal „püriertes Fleisch mit Milch“ anzubieten. Hier biete sich Hunde- und Katzenfutter aus der Dose an, so Klippel, aber „niemals mit Sauce, Gelee oder Getreide darin“, denn „Igel sind reine Fleischfresser“. Körner oder Flocken können dabei sogar zu Entzündungen im Darm führen.
Nicht der Apfel ist interessant, sondern der Wurm
Auch der Mythos des apfelfressenden Igels halte sich hartnäckig, so die Expertin. Immer wieder mal würden Menschen anrufen und verkünden, der Igel im Garten mache sich über einen Apfel her. Aber „nicht der Apfel ist interessant, sondern der Wurm, der darin wohnt“, erklärt Klippel. Und was ist mit dem Vertilgen von Schnecken? „Igel fressen Schnecken nur, wenn es nichts anderes zu fressen gibt“, sagt sie, „auf dem Speiseplan stehen sie jedenfalls weit unten“. Das Interesse geweckt werden kann hingegen mit Laufkäfern, Ohrwürmern, Insekten und Regenwürmern. Das ist die natürliche Nahrung eines gesunden Igels.
Doch die Lebensräume der Igel – naturnahe Gärten – werden rar, und „der Mensch tut alles, damit der Igel vertrieben wird“. Ist man nun in der glücklichen Lage und teilt sich seinen Garten mit einem der nachtaktiven Einzelgänger, darf gerne zugefüttert werden, sagt Klippel. Neben Hunde- beziehungsweise Katzenfutter mögen Igel auch gut durchgebratenes Rinderhack oder Rührei ohne Salz und Gewürze, sagt die 62-Jährige. Dabei sei aber sehr auf Hygiene zu achten, betont sie. Das Futter sollte im Hochsommer also nicht an die pralle Sonne gestellt werden. Oft würden sich auch Katzen darüber hermachen. Hier empfiehlt Klippel extra konzipierte Igel-Futterhäuschen. „Die haben immer einen Ein- und einen Ausgang“, erklärt sie, damit der Igel in Ruhe fressen und im Fall eines neidischen Artgenossen auch mal die Flucht ergreifen kann. Des Weiteren sind flache Teller oder Schalen mit frischem Trinkwasser, auf dem Boden platziert, unabdingbar.
Auswildern nur in naturnahe Gärten
Die Igel aus der Station, die ausschließlich über Spenden finanziert wird, sind fit für die Freiheit, wenn sie 350 bis 400 Gramm auf die Waage bringen, sagt Klippel. Es werde dann gezielt nach Interessenten gefragt, die sich vorstellen können, einen stacheligen Untermieter bei sich im Garten zu haben. „Dann geben wir die Igel zum Auswildern ab“, sagt Klippel, die sich auf Fachseminaren und bei Tierärzten ihr Wissen angeeignet hat. Das Auswildern erfolge immer in der Dämmerung. Wichtig sei dabei, dass die Tiere genügend Unterschlupf im Garten finden. Hier bieten sich besonders Komposthaufen, aber auch Holz -oder Laubhaufen an.
Klippel betont hier noch einmal, wie wichtig naturbelassene Gärten sind, und möchte an dieser Stelle auch nochmal besonders auf die Gefahren von Mährobotern aufmerksam machen. Wenn diese nachts oder in der Dämmerung laufen und den Weg eines Igels kreuzen, habe dies oft fatale Folgen, „denn der Igel rollt sich bei Gefahr zusammen“. Ihr Appell deshalb: Die Rasenroboter bitte nur tagsüber einzusetzen. Denn auch ohne verletzte Tiere hat die Igelexpertin mit ihren „Babys“ bereits alle Hände voll zu tun.
Spendenkonto
Tierschutzverein Haßloch und Umgebung, Sparkasse Rhein-Haardt, IBAN: DE25 5465 1240 0001 010800.