Über den Kirchturm hinaus „Katholisch“ fasten?
Am vergangenen Montag begann für die Muslime der Fastenmonat Ramadan, der mit dem Zuckerfest am 10. April endet. Die Christen haben nach dem Aschermittwoch schon gut einen Monat hinter sich und beenden das Fasten mit dem Osterfest am 31. März. „Ich faste im muslimischen Monat Ramadan eher ,katholisch’ und verzichte in diesem Monat auf Alkohol, aber nicht auf Essen“, sagte die CDU-Bundestagsabgeordnete und Muslimin Serap Güler (43) am Dienstag dem Kölner domradio.
Die Parallelen und Unterschiede zwischen der christlichen Fastenzeit und dem muslimischen Ramadan sind faszinierend. Beide Traditionen betonen Enthaltsamkeit aus spirituellen Gründen, um Gott näher zu kommen, Buße zu tun und Solidarität mit Bedürftigen zu zeigen.
Nach muslimischem Glauben soll der Engel Gabriel dem Propheten Mohammed im Jahre 610 nach Christus während des Fastenmonats Ramadan erschienen sein und ihm den Koran, die Heilige Schrift des Islams, offenbart haben. Mit dem Fasten während des Ramadan soll an diese Offenbarung erinnert werden. Während des Ramadan streben die Muslime nach spirituellem Wachstum und dem Aufbau einer engeren Beziehung zu Allah. Dies geschieht durch das Gebet und die Rezitation des Korans, durch selbstloses Handeln und indem die Muslime auf Klatsch, Lüge und Streit verzichten. Das Fasten ist während des gesamten Monats von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für alle Muslime verpflichtend, mit Ausnahme von Kranken, Schwangeren, Reisenden und alten Menschen.
Die Fastenzeit soll bei den Christen an das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste erinnern. Im vierten Jahrhundert wurde dieses vorbereitende Fasten besonders den Täuflingen auferlegt, die an Ostern getauft werden sollten. Bald fingen auch andere Mitglieder der Gemeinde an zu fasten, um den Taufbewerbern zu helfen und ihren eigenen Glauben zu festigen. Später war nur noch eine Mahlzeit pro Tag erlaubt, die in der Regel am Abend eingenommen wurde. Der Verzehr von Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten war verboten, vorher durfte nur Wasser getrunken werden. Die römisch-katholische Kirche setzte das fort, was sich mit der Zeit durchgesetzt hatte – sie formalisierte die Essgewohnheiten der breiten Bevölkerung als Fastenregeln. Christen nehmen sich für die Fastenzeit oft vor, auf lieb gewordene Gewohnheiten zu verzichten, sei es in Bezug auf das Essen oder auf andere Dinge.
Ob der Verzicht auf Alkohol ausdrücklich katholisches Fasten ist, sei dahingestellt – aber wenn es hilft, Gott in dieser Zeit näher zu kommen, dann gerne!
Der Autor
Matthias Schmitt ist leitender Pfarrer der katholischen Pfarrei Heiliger Michael in Deidesheim und Prodekan des Dekanats Bad Dürkheim.