Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Kalter weißer Mann“: Trauerfeier mit Sternchen

Eine Komödie mit Tiefgang ist „Kalter weißer Mann“.
Eine Komödie mit Tiefgang ist »Kalter weißer Mann«.

Das Theater der Liebe zeigt beim Theatersommer Freinsheim die Komödie „Kalter weißer Mann“. Ein Probenbesuch.

Eine Trauerfeier ist normalerweise nicht lustig und mit Tabus behaftet. Die Autoren des aktuellen Kinohits „Extrawurst“, Dieter Jacobs und Moritz Netenjakob, aber verwandeln diesen Anlass zu einer topaktuellen Komödie, in der Menschen verschiedener Generationen mit ihren übertrieben dargestellten Einstellungen aufeinanderprallen: Der „alte weiße Mann“ der Boomer-Generation trifft auf die Feministin alten Schlages, der Workaholic auf die Work-Life-Balance-orientierte weltoffene Praktikantin. Dazwischen steht die nett-naive Chefsekretärin des Verstorbenen, die zuerst nicht rafft, worum gestritten wird. Und dann gibt’s noch den technikaffinen jungen Mitarbeiter, der live alles ins Netz stellt. Der Pfarrer wird dabei zur „Randfigur“– die man einfach wie eine Puppe beiseite schiebt.

Weiter so oder offen sein für Innovationen?

Geprobt wird im von-Busch-Hof in Freinsheim, die Vorstellung findet Open Air vor dem Casinoturm statt. Auf der Bühne steht eine „echte“ Urne. Am Trauerkranz hängt ein Band mit der Aufschrift „Die Mitarbeiter“. Verstorben ist der 94-jährige Firmengründer einer Wäschefirma. Alle Trauergäste sind seine Angestellten. Das Unternehmen war seine einzige Familie. Die Mitarbeiter aber trauern nicht, für sie ist die Veranstaltung ein Firmenevent. Sofort entbrennt ein Wettkampf um die Nachfolge und um die Ausrichtung: Weiter so oder offen sein für Innovationen?

Die Aufschrift „Die Mitarbeiter“ wird zum Zündstoff. Der „alte weiße Mann“ Horst Bohne (Uwe Heene) hat sich bei der Beauftragung des Schriftzuges nichts gedacht. Für ihn sind die Mitarbeiterinnen automatisch „mitgemeint“. Doch für Alina Bergreiter, Marketingleiterin und Chefin in spe (Coralie Wolff), ist die Aufschrift untragbar. Sie ist glühende Feministin. Auf dem Band müsse „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ stehen. Dozierend mit tiefer Stimme und körperlich größer als der Macho alter Schule, klärt sie auf, dass Studien eindeutig beweisen, dass sich Schülerinnen unter einem „Arzt“ einen Mann vorstellen und keine Frau. Die Verwendung der männlichen Form für alle sei demzufolge keine Lappalie. Der junge Social-Media-Beauftrage und Ex-Lover Kevin Packert (Hagen Lutz) gibt ihr recht. Zudem befürchtet er einen Shitstorm in den sozialen Medien.

An der Meinungsfront

Hilflos sucht der korrekt gekleidete „alte weiße Mann“ Schutz bei der ehemaligen Sekretärin des Verstorbenen, Rieke Schneider (Anja Kleinhans). Volltreffer. Sie hat an der Beschriftung nichts zu beanstanden. „Zum Dank“ erntet sie einen „anerkennenden“ Altherren-Klaps auf den Hintern, der sie erschreckt einen halben Meter vom Boden abheben lässt. Sie wundert sich, wehrt sich aber nicht. Mit ihrem biederen Outfit wirkt sie rückständig. Ihr ironisch-erhabener Blick lässt aber erahnen, dass sich die bodenständige Figur, die „hochdeutsches Pfälzisch“ spricht, weiterentwickeln wird. Besonders gekonnt ist die Szene mit dem Pfarrer (Dieter Malzacher): Er kommt nicht dazu, die Zeremonie zu starten. Die Arme hat er bereits zum Segen ausgebreitet, da schiebt ihn Coralie Wolff samt ausgebreiteter Arme wie eine Zinnfigur zur Seite. Er müsse warten, die Gruppe habe eine Besprechung. Statt eines respektierten Geistlichen ist er nur noch eine erstarrte Tradition und leere Hülle. Die Diskussion wird in absurde Höhen getrieben, eskaliert in Richtung Political Correctness und die Frage, ob man Gendersternchen benutzen sollte oder nicht.

Für Regisseurin Anja Kleinhans geht es in dem Theaterstück aber gar nicht ums Gendern, sondern vielmehr darum, wie verbissen aktuelle Diskussionen geführt werden und wie verhärtet die Meinungsfronten seien. Das Gendern stehe exemplarisch für weitere Themen wie Klimakrise und E-Mobilität. Für den Schauspieler Hagen Lutz, Absolvent der Theaterakademie Mannheim und Lehramtsstudent, ist die Diskussion ums Gendern hochaktuell.

Info

Die Premiere findet am Freitag, 12. Juni, um 19.30 Uhr statt. Weitere Aufführungen zu gleicher Zeit am 13., 18., 19., 20., 25., 26. und 27. Juni. Einlass ist eine Stunde vorher auf dem Freilichttheatergelände vor dem Casinoturm an der historischen Stadtmauer. Eintrittskarten gibt’s für 24 Euro unter www.theaterderliebe.de und an der Abendkasse.

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