Neustadt
Kabarettistin Liza Kos bei der „Reblaus“ im „Metallwerk“ in Mußbach
In der Mußbacher Eventlocation mit industrieller Vorgeschichte war der Neustadter Kleinkunstverein erneut auf fremdem Terrain unterwegs – die angestammte „Katakombe“ ist wegen der Corona-Regeln noch immer nicht bespielbar, und die „Meerspinnhalle“ in Gimmeldingen als 1A-Ausweichort war an diesem Abend schon belegt.
„Wir probieren uns jedes Mal neu aus“, sagte denn auch der „Reblaus“-Vorsitzende Harald Kargus im Hinblick auf die „Wanderbühne“, bei der es zwar keine Künstlergarderobe, aber dafür endlich wieder eine Pause mit Ausschank gab. Das Garderobenproblem wurde mit einem abgehängten Teil der Bühne gelöst, aus dem die Künstlerin mit gut versteckter Euphorie vor ihr handverlesenes Publikum trat: Wegen der Pandemie sei sie Motivationscoach geworden, sagt sie mit russischem Akzent und Schlafzimmerblick – das Geheimnis ihres Erfolgs: Ihr Phlegma bringe die Leute dazu, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen.
Stärke bei deutschen Männern bezieht sich nur auf die Brille
Es sei schon ein Kulturschock, sich als Russin in Deutschland zu „intrigieren“, fährt sie in ihrem unterhaltsamen Programm mit dem Titel „Was glaub’ ich, wer ich bin“ fort: die Frauen trügen weder Miniröcke noch Stiefelchen, und die Männer sparten sogar beim Wodka, beschreibt sie ihre ersten Erfahrungen nach dem Wohnortwechsel von Moskau nach Aachen. Positiv daran sei, dass man mit dem Hund in den Niederlanden Gassi gehen könne – was ihrer Mutter eine ganz neue Sicht auf die Bedeutung des Wortes „Tütchen“ beschert hat: Da wird der Joint eben dem Hund gereicht, wenn sie einen Passanten nach einem Kotbeutel fragt ...
Doch es ist nicht nur die russisch-paradoxe Prägung, die Kos erfahren hat: Auf der Suche nach einem deutschen Freund – Kontakt mit Einheimischen sei ja das wichtigste für die Intrigation – sei sie mit Achmed zusammengekommen („Wo habe ich ihn noch mal kennengelernt? Ach ja, auf der Hochzeit“). Vier Jahre später habe sie das Kopftuch zwar wieder ausgezogen, doch habe ihr Achmed einen Sohn und die Rolle der Einur Gysel beschert, die am Idiomentest gescheitert ist, obwohl der Deutschlehrer ihr Annoncen gemacht und sie sich den Arsch der Welt aufgerissen hat.
Ein deutsches Visum ist nicht alles – ein belgisches tut’s zur Not auch
„Ich bin nach Deutschland gekommen, um mir einen neuen Ex-Mann zu suchen“, sagt sie später in der Rolle der Svetlana: die ist etwas enttäuscht, denn in Russland sei es eben so, dass der Mann stark ist und die Frau schön. Hier hingegen trennten die Männer Müll, und die Stärke messe sich an der Brille. Weil sie noch immer auf der Suche sei, habe sie sich eine CD mit Männergeräuschen gekauft und ihre Ansprüche heruntergeschraubt – „Es reicht, wenn er lebt und der Kontostand stimmt“ ... Überhaupt sei es ein Klischee, dass Russinnen wegen des Visums nach Deutschland kommen: Ein belgisches sei durchaus auch gut, schließlich gehe es um die bedingungslose Liebe – zum Geld.
Mit Rainer habe sie dann schließlich einen deutschen Mann gefunden, mit dem sie auch zum Fasching gegangen sei. Fürs Schunkeln sei sie da aber zu betrunken gewesen, obwohl es nur Bier gab. Im Suff sei sie dann in den Karnevalsclub eingetreten, was ihr die Erkenntnis „Es gibt Spaß, und es gibt Verein“ beschert habe.
„Ich bin ein russischer Döner mit Kartoffelsalat“
Nebenbei gibt es fürs Publikum eine logopädistische Übung fürs russisch rollende „R“, ein Lied über Klischees, das die Annahme widerlegt, dass die Menschen in Russland immer betrunken seien („Die gut Erzogenen nehmen lieber Drogen“) und die Erkenntnis, dass deutsche Männer immerhin gut reden können („Schatz, lass uns reden“) – „da habe ich gedacht, er ist schwanger“.
„Ich bin ein russischer Döner mit Kartoffelsalat“, fasst Kos ihre diversen Migrationshintergründe zusammen – eine zugegebenermaßen ungewöhnliche, aber durchaus amüsante Melange: Danke dafür.