Neustadt Junge Leute mit großer Zukunft
Neustadt. Lauter Jugendliche – zwischen 13 und 18 Jahren alt – zeigten am Donnerstagabend in der Alten Winzinger Kirche, was sie draufhaben. Unter Leitung des Mentors des Jugendkammerorchesters St. Petersburg Sergey Efaev erlebte das recht zahlreiche Publikum ein mitreißendes Konzert voller Hits aus Barock, Klassik und Romantik. Mit Standing Ovations erklatschten sich die begeisterten Zuhörer drei Zugaben! Das gleiche Programm war am Freitag dann auch noch einmal in der Musikschule Juphi zu erleben.
Was für ein Programm!, war man versucht auszurufen, wenn man sich ansah, was das jugendliche Kammerorchester da einstudiert hatte. Viel Bekanntes und Beliebtes aus dem 18. und 19. Jahrhundert: Bach, Mozart, Haydn, Tschaikowski, Paganini, Weber, Adam, Verdi und Strauß! Wie passt das alles zusammen, fragte man sich da. Die Antwort: gar nicht! Muss es auch nicht! Hier ging es nicht um Stringenz des Programms, sondern darum, das Kammerorchester und seine jungen Solisten vorzustellen und ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. „Vasiliev Island“, der Name des Orchesters, bezieht sich auf den Gründungsort, die St. Petersburger Wassilewski-Insel. Seit 20 Jahren betreut der Dirirgent Sergey Efaev in der Stadt an der Newa jugendliche Nachwuchsmusiker, die längst den Ruf hoher Professionalität genießen. Das übrigens völlig zu Recht – soviel sei schon mal verraten. Schließlich sind sowohl der Dirirgent, als auch einige aus den Reihen des Orchesters hochdekoriert und Preisträger internationaler Wettbewerbe. Jeden Sommer geht Efaev mit seiner jungen Künstlerschar auf Tour durch das westliche Europa, die heuer schon nach Skandinavien, Holland und Belgien führte. Aber genug der Vorrede. Wie war’s denn nun? Mit einem Wort: prima! Ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend mit einem Potpourri aus bekannten Melodien zwischen hochdramatischer Oper und luftigen Solokonzerten. Der Beginn mit dem Kopfsatz aus Bachs d-Moll Violinkonzert (BWV 1052) war noch ein wenig von Nervosität geprägt. Das wackelte ein wenig, war nicht immer ganz zusammen, und der der junge Solist Serafim Fedenko kämpfte sichtlich mit seiner Aufregung. Nun ja, wer will es ihm verdenken: Die Doppelgriffe in der Kadenz sind schließlich keine Kleinigkeit! Die Anspannung legte sich dann aber schnell. Schon die nächste Solistin, Polina Fedosimova an der Oboe, die sich den ersten Satz aus Alessandro Marcellos Oboenkonzert vorgenommen hatte, überzeugte. Marcello, Bach-Zeitgenosse, war Venezianer und erfolgreich als Maler, Dichter, Philosoph und Komponist! Mit samtigem Ton und raffinierten Verzierungen beeindruckte die Oboistin ihre Zuhörer. Außerdem scheint die Winzinger Kirche wie geschaffen für Solooboe. Es klang großartig. Elizaveta Malysheva schloss sich hier direkt an. Mit dem Allegro aus Mozarts Flötenkonzert (KV 313) hielt sie das Niveau auf Kurs. Dann wurde das Publikum mit der Sopranistin Laura Meenen bekannt, die eine Susanna-Arie aus Mozarts „Nozze“ vortrug. Auch sie noch jugendlich, schaffte sie es, Ton und Duktus einer gestandenen Operndiva in die Kirche zu zaubern. Beeindruckend, was hier für ein Talent heranwächst! Fast wie zur Entspannung fetzte sich das Orchester dann im Anschluss durch das Finale aus Haydns 88. Sinfonie. In Tschaikowskis „Nocturne für Cello und Orchester“ ist der vertrackte Dreiertakt mit seinen Synkopen das Komplizierteste. Das beherrschte Ivetta Sheveleva und spielte innig mit schmatzenden Seufzern. Mit Tschaikowskis Walzer aus „Dornröschen“ ging es in die Pause. Danach konnte sich Nikita Shelyapin mit Paganinis Cantabile für Violine und Orchester in Szene setzen. Dieser junge Mann spielte die Pièce, äußerlich ungerührt, souverän mit großem, schmeichelndem Ton. Webers „Concertino für Klarinette und Orchester“ folgte, und Grigorii Avetisian zog alle Register in diesem hinreißenden Stück Musik. Satt und fleischig im Klang rückten Efaev und sein Solist Weber eher an Schubert als, wie üblich, an Mozart. Wie gesagt: Das Holz klingt in der Winzinger Kirche einfach Klasse! Eine ebenso „erwachsene“ Art des Spiels muss man Ariana Suleiman Shakh bescheinigen, die in Adolphe Adams Pas de deux aus „Giselle“ die Solobratsche beisteuerte. Immer wenn die viel zu seltene Solobratsche auftaucht, fragt man sich unwillkürlich, warum es für dieses einschmeichelnd klingende Instrument so wenig Literatur gibt … Schließlich beeindruckte die Sopranistin des Abends erneut mit Verdis Cavatine der Leonora aus „Rigoletto“ – immerhin eine Da-Capo-Arie der großen Damen der Opernwelt! Mit zwei Strauß-Kompositionen ging es schließlich auf die Zielgerade. Hier kam dann auch Bewegung ins Orchester, da wurde kräftig mitgeschunkelt, und es huschte hier und da ein Lächeln über die Gesichter. Die Besucher waren begeistert und erklatschten sich stehend drei Zugaben. Übrigens: Bei der Verbeugung beinahe aller Solisten und Solistinnen merkte man dann doch deren junge Jahre. Nach mitunter „ausgebufft“ zu nennendem Vortrag, wirkten die Verbeugungen meist eher schüchtern. Auch das trug zum Charme des Abends bei! Einziger Wermutstropfen waren die mitunter halblauten Unterhaltungen, das Mitsingen der Lieblingsmelodie und das Zuschmeißen der Tür, das manche Zeitgenossen im Publikum nicht unterlassen konnten. Das hatten diese Musiker nicht verdient!