Neustadt
„Italienische Nacht“ im Theater in der Kurve
Ob und in welchem Maß man die Anspielungen auf das öffentliche Leben auf die heutige Zeit übertragen sollte, mag das Publikum selbst entscheiden. Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ ist kein Lehrstück wie etwa Max Frischs „Andorra“ (1961). Entstanden rund zwei Jahre vor dem Ermächtigungsgesetz – das die NSDAP am 24. März 1933 quasi zum Alleinherrscher machte – nimmt es lediglich das Klima in der brüchigen Weimarer Republik aufs Korn. „Italienische Nacht“ ist eine Verballhornung des politischen Eifers per se.
Auf die Frage, wer oder was die politischen Spaltungen ausgelöst hat, gibt der Autor keine Antwort. Die Akteure verhalten sich wie Kasperlpuppen – Typencharaktere in provinzieller Kluft. „Links“ bleibt „links“, „rechts“ bleibt „rechts“, dazwischen scheint es nichts zu geben. Das Szenario prüft diese scheinbar in Stein gemeißelte Realität nur oberflächlich auf Herz und Nieren. Ob eine Ideologie besser ist als die andere, lässt sich schwer beurteilen, wenn die Dialoge auf Jargon und Zeitgeist vertrauen, wie sie die Öffentlichkeit damals gewiss flüssiger dechiffrierte als heute voraussetzbar.
Fokus auf die sozialistische Szene
Ein Quäntchen Positionierung hat Ödön von Horváth allenfalls in seinem Fokus auf die sozialistische beziehungsweise sozialdemokratische Szene verpackt: Deren Charaktere sind konkreter ausgearbeitet. Der Konflikt, der schließlich zum Eklat führt, erweist sich als „hausgemacht“. Der nationalistische Stoßtrupp fungiert darin wie eine Naturgewalt, ebenso seelenlos wie vorprogrammiert. Diese Ironie beginnt vom Prinzip her schon damit, dass der republikanische Schutzverband um die Frau Stadträtin sein Sommerfest ausgerechnet als „Italienische Nacht“ austrägt: Italien wurde seit 1922 von Benito Mussolini regiert – per Führerkult ein direktes Vorbild für Hitler. So sieht es aus, als biete man gegenüber dem „Deutschen Tag“ der Opposition gar keine echte Alternative mehr.
Der Humor entwickelt sich aus der Konfrontation zwischen dem Schwarz-weiß-Denken der Protagonisten und einer Welt aus Grautönen. Die komischsten Szenen verdanken ihre Doppelbödigkeit dem Umstand, dass bei vielen der Figuren der Geist willig aber das Fleisch schwach ist. Die Politik verdirbt ihnen das Privatleben, vom Flirt bis zu tieferen Beziehungen – eine Waagschale aus biologischem Trieb und Idealismus, auf die der Text mit Hinweisen auf Sigmund Freud anspielt. Selbst der Obernazi hält – im Begriff, ein Mädchen zu überwältigen – plötzlich inne, vergleichbar einer Katze, die sich per Übersprunghandlung lecken muss.
Wunderschöne Details beim Ambiente
Streng genommen, hält diese Situationskomik nur eine hauchdünne Dramaturgie zusammen. Was sie zu einem ergötzlichen, kurzweiligen Erlebnis aufwertet, ist den hinreißenden Darstellungen anzurechnen. Zunächst einmal haben die Regisseurin Hedda Brockmeyer, Silke Bender als Bearbeiterin der Vorlage und Bühnenbildner Heinz Kindler keine Mühe gescheut, das Ambiente der frühen 1930er Jahre in wunderschönen Details zu beschwören. Das Stück, das im Original an mehreren Schauplätzen spielt, haben sie den Bedingungen ihres Zimmertheaters angepasst. Jede Figur ist in charakteristischer Kleidung, bis hin zum Sprachduktus mit ihren eigenen Mätzchen ausgestattet, mit szenischem Effekt eindeutig konturiert.
Die mögliche Relevanz des Stoffes wird nicht forciert und doch erkennbar. Zu Beginn hocken die „Republikaner“ zum Stammtisch im Biergarten, eingeführt vom marginalen aber herrlich urwüchsigen „Schankwirt“ Armin Mohrs. Claudia Thiery hat ihre Figur der „Stadträtin“ (im Original ein Mann) mit dem halbseidenen Charme eines abgebrühten Realos entwickelt. Dazu gibt Heinz Kindler einen herrlichen Spießbürger, der mehr als einmal an einem Römerglas nippt. Ausgestattet mit Halstuch und Panamahut, gelang es Peter Arnheiter, seinem „Karl“, zwischen Lügenbaron und Liebhaber hin- und hergerissen, ein gewisses Etwas wie aus einer anderen Zeit zu verleihen. Dominant gestaltete Heike Schäffer-Roos ihre Hosenrolle als Aktivist „Martin“ – ein Störenfried, dessen Rotfront-Gang eine wichtige Aufgabe zukommt. Für die erkrankte Ulrike Späth war Laura Hans eingesprungen – trotz der Kurzfristigkeit ein bühnenpräsenter Gewinn.
Eva Billigen als Entdeckung des Abends
Die reizvollsten Momente waren in den Duo-Szenen zu erleben. So bricht die eingangs noch gesetzte Stimmung wortwörtlich mit einem Tusch auf. Während im Off der Königgrätzer Marsch erschallt, erscheinen Silke Bender und Eva Billigen vor dem Faschistenumzug. Während Silke Bender Ambivalenz und nervöse Spannung überaus wirksam verkörperte, bot Eva Billigen in ihren an sich „naiven“ Charakteren eine solch natürliche Frische, dass man sie, in Verbindung mit einer auffallenden sprachlichen Authentizität, unbestreitbar zur Entdeckung des Abends ausrufen darf. Hinzu kommt das humoristische Timing Michael Schlägers, der seinen „Nazi“ als willkommenen Paukenschlag, energisch, mit viel unterschwelliger Ironie einstreute. Die fliegenden Rollenwechsel liefern dem Ablauf zusätzliches Tempo.
Noch Fragen?
Weitere Aufführungen an den Sonntagen, 8. und 15. März, um 17 Uhr sowie an den Samstagen, 7. und 14. März, ab 20 Uhr. Karten unter www.theaterinderkurve.de.