Neustadt „Ist auch was für moderne Leute“

In seinem Arbeitszimmer dreht Pfarrer Wolfram Kerner seine TheoLogo-Videos unter anderem auch zur Alltagstauglichkeit des Glaube
In seinem Arbeitszimmer dreht Pfarrer Wolfram Kerner seine TheoLogo-Videos unter anderem auch zur Alltagstauglichkeit des Glaubens.

«Ludwigshafen.» Ein Ei pochieren, den perfekten Lidstrich ziehen, Löcher bohren, ohne die ganze Wand zu zerstören – da helfen „Tutorials“ – Videos aus dem Internet. Warum nicht auch die Themen Theologie und Kirche in Kurzclips erklären? Im Interview spricht der protestantische Pfarrer Wolfram Kerner (47) aus Fußgönheim über seinen Youtube-Kanal TheoLogo und die Alltagstauglichkeit des Glaubens.

Herr Kerner, erinnern Sie sich noch an das erste Tutorial, das Sie sich angeschaut haben?

Das waren Scott’s Bass Lessons. Ich bin übers Bassspielen zu Youtube-Tutorials gekommen. Es ist toll, zeitunabhängig auf diese Streaming-Dienste zugreifen zu können. Seine Tutorials sind eine moderne Version des Musikunterrichts. Sie ersetzen nicht den Live-Lehrer, aber unterstützen beim Üben. Ja und so kam mir die Idee, Theologie-Tutorials zu machen. Nun sind praktische Tipps zum Bassspielen massentauglicher als Theologie und Kirche, oder? Ich finde, Glaube ist etwas Praktisches fürs Leben, und Gemeindearbeit ist immer praktisch. Es geht bei TheoLogo zum Beispiel um Arbeit mit Jugendlichen. In einem Video geht es darum, wie man eine Jugendband startet. Aber ich beantworte auch themenorientierte Fragen. Etwa, wie man an Gott glauben kann, wenn es so viel Leid auf der Welt gibt. Einen 20-seitigen Aufsatz darüber lesen die wenigsten. Ich habe dazu ein Video über Leibniz’ Theorie gemacht. Ich erkläre in elf Minuten, ob und wie man noch glauben kann. Für die, die tiefer gehen wollen, empfehle ich Bücher. Wie kommt Ihr Channel an? Besser als gedacht. Ich habe mir angeschaut, wie man ein Youtube-Video macht. Die erste These war, dass es ein Jahr dauert, bis man Rückmeldung bekommt. Ich war erstaunt, wie viele Klicks ich bekomme. Es ist schön, dass die Leute es sich anschauen. Zum Beispiel haben das Jugendband-Video innerhalb eines Tages 100 Leute angeklickt. Das ist nicht schlecht. Erreicht man auch Menschen, die mit Glauben und Religion nicht so viel am Hut haben? Gerade über Youtube und Facebook – dort teile ich die Videos – bekomme ich Rückmeldung von Menschen, die nicht in den Gottesdienst gehen. Sie finden es cool. Warum braucht es einen Youtube-Kanal, um den Menschen die Themen Theologie und Kirche zu vermitteln? Es gibt viele Kanäle, über die sich die Leute Informationen beschaffen. Internet-Videos sind eine attraktive Möglichkeit. Aber Youtube ist kein Allheilmittel. Ja. Man braucht trotzdem Leute zum Reden. Es ist wie beim Bassspielen. Ohne Lehrer geht es nicht. Ein Video kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Es ist aber eine gute Ergänzung. Videoclips kann man abrufen, wann man Zeit und Lust hat. Ich habe an der Uni unterrichtet, gebe Glaubenskurse, halte Schulunterricht. Wer nicht dabei ist, bekommt von den Themen nichts mit. Sie lassen sich oft etwas einfallen. Sie fahren mit dem Motorrad durch die Gemeinde, sprechen über Ihren Beruf, erklären Bibellesen mit einer Playmobil-Arche-Noah. Allzu theoretisch darf man vermutlich nicht rangehen? Ich finde, man sollte die Schwelle nicht so hoch setzen. Es gibt viele Leute, die denken, sie würden gerne etwas machen, aber ihnen fehlt die Idee. Wenn ich sie liefern kann und sie was ausprobieren, ist das toll. Viele Leute wissen etwa nicht, wie man betet, dass es nicht nur darauf ankommt, auswendig gelernte Texte nachzusprechen, sondern dass man mit Gott wie mit seinen Kindern sprechen kann. Aber ist Glaubensferne nicht auch eine Kritik an der Kirche? Heutzutage gibt es oft nur noch schwarz und weiß, kirchennah und kirchenfern. Wenn Menschen heutzutage mehr Interesse an Glaube, Mystik und Spiritualität haben, gehen sie in eine Buchhandlung und kaufen ein Esoterik-Buch, statt im Glauben danach zu suchen. Das hat sich die Kirche selbst zuzuschreiben. Sie hat in ihrer eigenen Mitte zu viele Leerstellen. Wir müssen mehr zeigen, dass wir was anzubieten haben. Leider trauen viele der Institution Kirche nicht zu, dass sie etwas Qualifiziertes zu sagen hat. Sie haben eben gesagt, dass ein Video allein nicht ausreicht. Was muss ergänzend angeboten werden? Man muss Gandalf-mäßig drauf sein: ein guter Mystiker sein und gerne was mit Hobbits machen. Also die Theorie gut beherrschen, aber auch eine attraktive und lebendige Praxis bieten. Wenn das Projekt ein halbes Jahr gelaufen ist, möchte ich Abende zu den Videothemen in der Kirchengemeinde anbieten. Die Clips kann man sich vorher angucken und dann gemeinsam darüber sprechen. Es ist schön zu sehen, dass Menschen übers Internet die Diskussion suchen, es ist ein tolles Medium. Aber ich möchte auch live die Möglichkeit dazu geben und konkret Fragen beantworten. 13 Beiträge stehen im Netz. Wie oft posten Sie? Die Idee war, einmal pro Woche ein Video online zu stellen. Aber es hat sich so ergeben, dass es mehr geworden sind. Ich mache das seit Anfang Januar so ein- bis zweimal in der Woche. Mittlerweile habe ich den Kanal in Unterkategorien sortiert. Damit jeder schnell das Passende für sich findet und umsetzen kann? Ja. Zum Teil sind es Sachen, die praktisch für den Alltag sind, etwa wie man mit einem Luftballon betet, dass man seine Sorgen so einfach rauspusten kann. Da habe ich Rückmeldung aus einer Konfirmationsgruppe bekommen, dass das Spaß gemacht hat. Oder beim Thema Mystik light – es geht darum, Gottesbeziehungen mit in den Alltag zu nehmen – hat mir ein Gefängnisseelsorger geschrieben, dass er die Anregung mit Häftlingen ausprobieren will. Sind es Ihre ersten Gehversuche weg vom klassischen Gesprächskreis? Ich habe als Jugendlicher für den Offenen Kanal Radiosendungen über christliche Pop- oder Metalmusik produziert. Glaube kommt oft etwas verstaubt daher. Er ist aber auch für moderne Leute. Glaube ist attraktiv. Filmen Sie selbst? Wenn ich alleine zu sehen bin, filme ich mich selbst. Anfangs habe ich zehnmal probiert, bis es gepasst hat. Jetzt weiß ich: Es muss nicht perfekt sein, sondern authentisch. Ich habe eine neue Kamera, ein Schnittprogramm und Scheinwerfer besorgt. Wenn es aufwendiger ist und andere dabei sind, habe ich einen Jugendmitarbeiter, der es übernimmt. Gehen Ihnen die Themen leicht von der Hand? Ja, ich habe noch viel Stoff im Kopf. Es kommen immer mehr Ideen dazu. Ich habe tolle Mitarbeiter hier in der Gemeinde und ich möchte zeigen, dass meine Arbeit hier keine Ein-Mann-Sache ist. Ich möchte Menschen interviewen, die sich engagieren und etwas Besonderes machen. Es soll sich schließlich nicht allein um mich drehen. Internet www.theologo.de

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