Neustadt
Interview mit Eberhard Dittus, dem scheidenden Vorsitzenden des Gedenkstätten-Vereins
Herr Dittus, ich denke, man kann schon sagen: Gedenkarbeit ist Ihr Leben. Aber wie kam es dazu? Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das den Schalter bei Ihnen umgelegt hat?
Nein, das hat sich langsam entwickelt. Wenn Sie mich vor 30 oder 40 Jahren gefragt hätten, hätte ich Ihnen das nicht vorausgesagt. Aber ich war als Nachkriegskind natürlich schon in gewisser Weise vorgeprägt. Meine Mutter war schwer kriegsbeschädigt, weil ihr als 14-Jähriger beim Einmarsch der Franzosen ein Auge ausgeschossen worden war. Für mich persönlich stellte sich später die Frage: Wehr- oder Zivildienst? Als Kriegsdienstverweigerer kam ich dann über die kirchliche Jugendarbeit in die Pfalz und – nach meinen Religionspädagogik-Studium – über verschiedene Tätigkeitsfelder bei der evangelischen Landeskirche zur Gedenkarbeit. Die Beschäftigung mit dem Thema Frieden, auch ehrenamtlich als Vorsitzender der Friedensinitiative Neustadt, war für mich dabei besonders wichtig.
Für viele Deutsche bedeutete ja die Ausstrahlung der US-Fernsehserie „Holocaust“ 1979 ein einschneidendes Erlebnis. Für Sie auch?
Nein, die hatte ich damals überhaupt nicht im Blick. Das war während meiner Studienzeit in Wuppertal. Da beschäftigt man sich mit anderen Dingen. (lacht)
In Neustadt gab es 1988 erstmals eine Ausstellung des Stadtarchivs, die sich intensiver mit der lokalen NS-Geschichte befasste. Sie waren damals gerade frisch in die Stadt gezogen. Hat Sie diese Schau irgendwie beeinflusst?
Ja, auf alle Fälle. Das war die erste Auseinandersetzung in Neustadt mit dem Thema. Mich hat damals besonders beschäftigt, dass die in der Ausstellung genannten Namen der Brandstifter der Pogromnacht nach öffentlichen Protesten geschwärzt werden mussten. Da wurde mir klar, dass es noch viel aufzuarbeiten gibt.
Wie kam es dann einige Jahre später zur Gedenkstätte für NS-Opfer?
Der entscheidende Impuls war eigentlich ein von mit betreutes Konfirmanden-Projekt, bei dem ein selbst gebasteltes DIN A4-Heft mit dem Titel „Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung“ erstellt wurde, an dem auch Heiko Müller und Karl Fücks maßgeblich beteiligt waren. Das versammelte über 30 Stationen der Verfolgung und des NS-Terrors in Neustadt, und eine davon war die ehemalige Nachrichten-Kaserne, in der die Nazis 1933 ein frühes Konzentrationslager eingerichtet hatten. Fast zeitgleich erhielten wir aus dem Nachlass eines verstorbenen Heidelbergers eine Liste mit Häftlingsnamen. Und als dann auch noch die Kaserne wenig später unter Denkmalschutz gestellt wurde, war die Idee im Raum: Hier sollte etwas entstehen!
Wie ging es dann weiter?
Die Kaserne war im Jahr 2000 von der Hornbach AG gekauft worden. Aber weder der Eigentümer Albrecht Hornbach noch Oberbürgermeister Hans Georg Löffler wussten etwas von der Vorgeschichte. Beide haben die Gedenkstätte dann aber sofort tatkräftig unterstützt, und 2013 konnte sie dann wirklich eröffnet werden, nachdem der Förderverein ja schon 2009 gegründet worden war. Insgesamt wurden von Land, Stadt und Hornbach rund 140 000 Euro für die Einrichtung investiert.
Wo sehen Sie die Gedenkstätte heute? Oder anders gefragt: Was fehlt ihr vielleicht noch?
Ich sehe die Gedenkstätte als wesentlichen Bestandteil der Stadt Neustadt, aber auch der Erinnerungskultur des Landes Rheinland-Pfalz insgesamt. Man kann in Neustadt eben exemplarisch deutlich machen, wie die NS-Zeit in der Pfalz funktioniert hat. Wesentlich ist, dass wir inzwischen feste jährliche Fördermittel vom Land in Höhe von 40 000 Euro erhalten. Die investieren wir hauptsächlich ins Personal. Wir haben inzwischen anderthalb hauptamtliche Stellen. Deshalb können wir jetzt seit zwei Jahren jeden Tag öffnen und damit auch die Öffentlichkeitsarbeit ausweiten. Davor wurde ja alles ehrenamtlich gestemmt. In der nächsten Phase könnte man nun daran gehen, die Kulturarbeit zu intensivieren – mit Lesungen, Filmvorführungen und so weiter.
Nun lautet ein nicht so selten zu hörendes Erzählmuster: „Die NS-Zeit, die ist ja schon so lange her. Kann man sich nicht endlich einmal etwas Neuem zuwenden?“ Was entgegnen Sie solchen Stimmen?
Wenn das Jahr 1933 etwas zeigt, dann wie schnell eine politische Situation kippen kann. Das kann auch heute wieder passieren – Stichwort AfD. Deshalb ist politische Bildung so wichtig, und zu der gehört eine ordentliche Erinnerungsarbeit. Ich ärgere mich immer ganz besonders, wenn Neustadt mit seinem Hambacher Schloss als Demokratiestadt gefeiert wird und man gleichzeitig ausblendet, dass es eben auch die Diktaturstadt Neustadt gegeben hat. Es geht dabei ja gar nicht darum anzuklagen, sondern zu lernen.
Bei der gerade genannten Argumentation wird manchmal das Bild der Wunde benutzt, die man endlich zuwachsen, heilen lassen sollte. Was ist falsch an diesem Bild?
Wundheilung ist notwendig, das weiß jeder Mediziner. Dabei entstehen in der Regel Narben. Die Nazi-Zeit ist so etwas wie eine Narbe unserer Geschichte. Die kann man nicht einfach wegoperieren, und das ist auch gut so. Aber ich komme ja aus der Religionspädagogik und bin deshalb fest überzeugt, dass Heilung an Leib, Seele und Geist möglich ist. Ich bin von Haus aus kein Historiker, aber inzwischen weiß ich, dass man auch als Theologe immer auf die Geschichte schauen muss.
Sie haben sich ja auch viel mit Jugendarbeit beschäftigt. Wie verhält es sich denn mit dem Interesse der jungen Leute an dem Thema?
Das ist unheimlich stark. Jugendliche und Schüler sind ja unsere „Hauptkunden“, und ich versuche immer persönliche Geschichten zu erzählen. Das hat eine ganz andere Wirkung, als nur Zahlen zu referieren. Ein Schlüssel ist dabei das Thema Menschenrechte. Das, was die Nazis getan haben, waren nicht anderes als Menschenrechtsverletzungen. Und dann hat Gewalt ja auch viele Gesichter. Auch Mobbing und Ausgrenzung gehören dazu. Darüber kann man mit Schülern immer reden.
Deutschland wird immer multikultureller. Wie erklären Sie denn einer Consuelo oder einem Karim, dass sie sich für diesen Teil der deutschen Geschichte interessieren sollen?
Rassismus ist weltweit ein Thema, kein Problem nur der „Bio-Deutschen“. Das verstehen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund sehr gut. Und wir hatten auch schon die Situation, dass junge Leute zum Beispiel aus Afghanistan in einer unserer Gefängniszellen standen und sagten: Das ist genauso, wie wir es erlebt haben.
Nun ist der Nationalsozialismus ja eine Epoche voller grausamer Exzesse, Elend, Niedertracht, Kälte. Wie halten Sie das persönlich aus?
Nur durch die Glaubenshoffnung, dass wir aus der Geschichte lernen können. Natürlich war auch für mich der erste Besuch in Auschwitz ein riesiger Schock. Den Ort zu sehen, wo Millionen Menschen ermordet wurden, ist für niemanden leicht. Man kommt aber nicht umhin, sich irgendwann einen Schutzpanzer anzulegen, sonst könnte man gar nicht weitermachen. Dabei ist für mich entscheidend, dass ich weiß: Es gibt die Möglichkeit des Neuanfangs, theologisch gesprochen: der Vergebung. Außerdem spielt vielleicht eine Rolle, dass ich ja von Berufs wegen als Notfallseelsorger ohnehin immer viel mit Tod, Leid und Not zu tun hatte.
Die Beschäftigung mit der NS-Zeit und auch heutigem Rechtsextremismus bringt einem wahrscheinlich nicht nur Zustimmung ein. Wie haben Sie das persönlich erlebt?
Ja, es hat anonyme Postkarten gegeben mit der Aufschrift „Dich müsste man umbringen!“ und Anrufe nachts um drei. Das hat mich nie groß beeindruckt. Ich lasse mich nicht einschüchtern, und ich bin unglaublich stur, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe. Beängstigend war es allerdings, als mir einmal ein Anrufer sagte: „Wir wissen, wo du wohnst, und dass du drei Kinder hast.“ Aber ich hatte immer großes Vertrauen in unsere Polizei und habe mir immer gesagt: Jetzt erst recht!
Nun haben Sie durchblicken lassen, dass Sie den Vorsitz des Gedenkstättenvereins demnächst abgeben werden. Warum?
Weil mein Kardiologe mir gesagt hat: Entweder Sie hören freiwillig auf, oder der Gedenkstätten-Förderverein muss sich irgendwann ganz plötzlich einen neuen Vorsitzenden suchen. Das Ganze ist ja mit enormer Verantwortung verbunden. Wir haben einen Haushalt von 60.000 Euro, Angestellte. Das kann und will ich gesundheitlich nicht mehr leisten.
Und ist die Nachfolge geregelt?
Ja, klar. Das überlassen wir doch nicht dem Zufall. Wer vorgesehen ist, wollen wir noch nicht bekannt geben, aber bei der Mitgliederversammlung am 26. Oktober in der Martin-Luther-Kirche wird es einen Vorschlag geben, und ich habe ein gutes Gefühl dabei.
Wird Ihnen danach nicht langweilig werden?
Nein, sicher nicht. Etliche Projekte, die ich angezettelt habe, werde ich weiterführen. Ich bleibe Gedenkstättenbeauftragter der Evangelischen Landeskirche und Beauftragter der Kultusgemeinde für die jüdischen Friedhöfe. Und wenn ich zur Bundeskonferenz des Gedenkstättenverbands gehen will, kann ich das auch als persönliches Mitglied tun.
Sie haben ja unglaublich viele Kontakte aufgebaut, gerade zu Opfern und deren Nachfahren in aller Welt. Besteht nicht die Gefahr, dass vieles abreißt, was Sie angestoßen haben?
Die persönlichen Kontakte werden ich weiterpflegen, aber eben nichts Neues mehr aufbauen. Da sind jetzt andere gefragt. Aber das Ganze war ja immer schon eine Team-Leistung. Ich konnte immer zugreifen auf sehr viele Menschen, die Fachwissen eingebracht haben – als Historiker, als Baufachleute. Ohne diese Kollegen hätte ich das gar nicht geschafft. Dass ich jetzt nicht mehr am operativen Geschäft beteiligt bin, ändert also nicht so viel.
Jetzt steht aber ja noch das große Projekt einer Neustadter Gedenkstättentopographie zur NS-Geschichte mit den drei Säulen KZ, Gestapo-Zentrale und Villa Böhm an. Werden Sie sich da weiter einbringen?
Ich habe dem OB gesagt, wenn er Unterstützung braucht, bin ich dabei, aber als Vorsitzender des Gedenkstättenvereins bin ich offiziell raus. Darüber bin ich auch heilfroh, denn gerade das Projekt Gestapo-Keller wird in der Umsetzung noch einige Hürden zu nehmen haben. Und die Villa Böhm ist noch einmal ein ganz anderes Thema. Ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde, dass die drei Säulen wirklich stehen.
Termin
Die Verleihung des Neustadter Kulturpreises an Eberhard Dittus und den „Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer“ findet vor geladenem Publikum am Sonntag, 7. November, um 11 Uhr im Festsaal des Mußbacher Herrenhofs statt. Die Laudatio hält Oberbürgermeister Marc Weigel. Die musikalische Umrahmung übernimmt der Chor des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums unter Leitung von Fritz Burkhardt.