Breitensport RHEINPFALZ Plus Artikel Inklusiver Sportabzeichentag in Deidesheim: Ergebnisse sind Nebensache

Aufwärmprogramm mit Erika Müller-Kupferschmidt (rechts).
Aufwärmprogramm mit Erika Müller-Kupferschmidt (rechts).

Sport kann so einfach sein. Und wichtig. Das zeigt der inklusive Sportabzeichentag in Deidesheim. Denn die Ergebnisse, die große wie kleine Sportler mit oder ohne Beeinträchtigung hier erreichen, sind Nebensache.

Es sind nur 20 Menschen mit Beeinträchtigung, dazu ein paar Sportler ohne Handicap, die zum inklusiven Sportabzeichentag des Leichtathletik-Verbandes Pfalz (LVP) in Deidesheim kommen. Doch Arno Schade, Inklusionsbeauftragter des LVP, gesteht: „Es ist für uns gerade gut, da wir Probleme mit den Kampfrichtern haben“. Er sei froh, vier von ihnen für das Behindertensportabzeichen vor Ort zu haben. Und muss trotzdem gleich zu Beginn die Regeln studieren. Ein Behinderter sei zwar angemeldet, „aber ich wusste nicht, dass er gehörlos ist“. Nun muss er die Bedingungen für diesen Mann heraussuchen.

Ob mit oder ohne Handicap – große wie kleine Sportabzeichenprüflinge wärmen sich unter Anleitung von Erika Müller-Kupferschmidt, Vorsitzende des Sportkreises Bad Dürkheim, auf. „Joggen auf der Stelle. Tempo eins“, ordnet sie an. „Tempo zwei – Tempo drei. Ein bisschen schneller.“ Bald ziehen alle die Arme zur Seite „wie ein Hammerwerfer“. Balance ist gefragt, als alle auf einem Bein stehend den Fuß des anderen Beins kreisen lassen. Müller-Kupferschmidt rät, „hebt euch an eurem Nachbarn fest, wenn ihr wollt“. „Dann fallen wir gemeinsam um“, reagiert eine Frau lachend.

Eltern warten im Ziel

Spaß ist das Wichtigste an diesem Vormittag. „Ob die Kinder gewinnen oder nicht, spielt für sie keine Rolle“, stellt die Mutter des fünfjährigen Marcel fest. Ihr Sohn hat das Down-Syndrom. „Es geht um den Spaß.“ So ist es auch kein Problem, als sich die ersten kleinen Prüflinge für den 30-Meter-Sprint aufstellen – und Samuel sofort losläuft. Kein Wunder, will der Bub mit Down-Syndrom doch zu seiner Mutter. Alle Eltern stellen sich hinter der Ziellinie auf, machen es ihren Jungen und Mädchen mit Beeinträchtigung so leicht zu wissen, wohin sie laufen müssen. „Mein Junge hat Energie“, sagt Samuels Mama. „Er läuft gerne, ist im LC Haßloch aktiv.“ Ihr sei es wichtig, dass er unter Gleichgesinnten sei. „Da kann sich einer was vom anderen abgucken.“

Und die Väter und Mütter haben zudem Zeit, sich auszutauschen. „Das Allerwichtigste ist für mich, ältere Kinder zu sehen“, verrät Marcels Mutter. „Das nimmt mir die Angst vor der Zukunft.“ Sie hat schon vorher Gruppen mit Menschen mit Down-Syndrom besucht. Marcel habe kurz vor den Sommerferien angefangen, die inklusive Sportgruppe des LC Haßloch zu besuchen. „Er geht gerne hin.“ Als sie ihm an diesem Morgen gesagt habe, dass sie zum Sport gingen, „war er total begeistert“.

Zielwerfen für die Koordination

Das Zielwerfen, ebenso wie der Weitsprung mit Anlauf eine Disziplin für die Koordination, ist für manchen eine Herausforderung, sollen kleine Sandsäckchen oder Ringe möglichst in der Mitte eines Feldes mit Ringen landen. Diese große Zielscheibe liegt auf dem Boden. Je weiter die Säckchen in der Mitte landen, desto mehr Punkte gibt es. Jeder hat sechs Versuche. Je nach Alter und Behinderung werfen die Sportler aus unterschiedlichen Entfernungen. Applaus ist ihnen allen sicher. Eltern, Geschwister, Sportabzeichenprüfer sowie Sportler schauen begeistert zu. Ebenso beim Weitsprung, egal, mit welcher Technik es auch in die Sandgrube geht. Als ein kleiner Haßlocher mit den Händen voraus in den Sand eintaucht, ruft ihm Frank Lieberknecht lachend zu: „Die Hände vorne zählen aber nicht.“ Der Initiator der inklusiven Gruppe in Haßloch ist mit zwölf Teilnehmern in Deidesheim. Speziell auf die Sportabzeichenprüfung habe er sie nicht vorbereitet, sagt er. „Aber ab und zu sind wir draußen und lassen sie laufen, springen, werfen.“ Derweil krabbelt der kleine Haßlocher stolz und strahlend aus dem Sand heraus.

Geld für die Inklusion

In einer Pause erhält der LVP eine 1000-Euro-Prämie vom Landessportbund. „Das verpflichtet den LVP, was für die Inklusion zu tun“, betont Evi Weis, Inklusionslotsin in der Vorderpfalz. „Die Angebote müssen inklusiv und nachhaltig sein.“ Arno Schade verrät, dass nach einer Veranstaltung für die Sportabzeichenprüfer 2022 der inklusive Sportabzeichentag nun die zweite Veranstaltung sei. Und Nummer drei sei in Planung: Im Frühjahr soll es Paraleichtathletik mit einem landesweiten Talenttag geben. Sportabzeichentage sind zudem regelmäßig immer an einem anderen Ort vorgesehen.

Mehr Angebote gewünscht

Ein 60-jähriger Landauer mit Unterschenkelprothese schaut derweil fast nur zu. „Meine Prothese muss repariert werden“, erzählt er. Er fühle sich unsicher. „Und Extrembelastung geht man nur ein, wenn man sich sicher fühlt.“ Aber er werde was für seine Ausdauer tun, „wenn das Walking losgeht“. Auch das Werfen absolviert er. „Ich bin völlig unorganisiert, und das ist gut so – ich bin offen für Neues“, geht er trotz seines Problems gut gelaunt den Sportabzeichentag an. Der Vater von Erik und die Mutter von Samuel sind ebenfalls gut drauf: In Jeans absolvieren sie spontan ihre leichtathletischen Sportabzeichen-Disziplinen. Offen für Neues ist auch Tim Nolte von den Tischtennisfreunden (TTF) Dannstadt-Schauernheim. „Das hier ist mal eine Abwechslung zum Alltag“, sagt der Betreuer dreier TTF-Sportler mit Handicap. Einer habe das Down-Syndrom, einer sei gehörlos, einer geistig beeinträchtigt. „Sie schlagen sich ganz gut durch.“

Eine Mutter wünscht sich aber noch mehr Sportmöglichkeiten für Jungen und Mädchen mit Beeinträchtigung. „Es gibt unheimlich wenige Angebote in der Region“, sagt sie. „Solche Sachen fehlen auch für Kinder im Rollstuhl.“

Arno Schade (rechts) zählt die Punkte, die Aurelie hier im Zielwerfen erreicht.
Arno Schade (rechts) zählt die Punkte, die Aurelie hier im Zielwerfen erreicht.
Mit Spaß beim Weitsprung.
Mit Spaß beim Weitsprung.
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