Neustadt
Inklusive Sportgruppe des LC Haßloch stellt Spaß vor Wettbewerb
Sport mit Handicap: Tobias ist stolz, und er hat sich gut vorbereitet. Kurz nach seinem 20. Geburtstag darf er in der inklusiven Sportgruppe des LC Haßloch die Spiele ansagen: Megadonnerblitz, Tigerball und Trampolinball stehen für die 15 jungen Teilnehmer mit und ohne Handicap auf dem Programm und auf einem eigens vorbereiteten Zettel.
Hassloch. „Normalerweise sind es jeden Mittwoch ab 17.30 Uhr 23 Kinder; diesmal sind einige auf Klassenfahrt oder krank“, berichtet der Initiator und Leiter Frank Lieberknecht, während seine Frau Annerose das Kommando beim Aufwärmen übernimmt. Der Haßlocher, nach einer beruflichen Umorientierung und vielen Aus- und Weiterbildungen unter anderem Übungsleiter für Rehasport für Menschen mit geistigen Behinderungen, hat zuvor bereits eine sechsköpfige Gruppe geleitet, „in der es etwas körperlicher zugeht“, sagt Lieberknecht, „die Spiele jetzt werden komplexer.“ Zuvor aber schnappt sich ein Junge erst einmal einen Basketball, Badminton-Schläger werden geschwungen. Und in der anderen Ecke wird gekickt, was das Zeug hält. Dazwischen werfen sich einige Teilnehmer, Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom oder anderen Handicaps und junge Sportler ohne Behinderungen einen kleinen Football zu.
Spaß an Bewegung wichtig
Berührungsängste gibt es spürbar nicht. Auch das im Sport oft so dominierende Leistungsprinzip ist für die folgenden 90 Minuten erst einmal aufgehoben. Ein wichtiger Aspekt für Frank Lieberknecht, der den „Spaß an der Bewegung“ in den Vordergrund stellt: „Vor einiger Zeit war ich einmal bei einem großen und auch sehr gut organisierten Sportfest für Teilnehmer mit Down-Syndrom. Aber das war mir alles viel zu eng.“ So kann er sich auch durchaus die Integration von Rollstuhlfahrern in die Gruppe vorstellen, denn „Grenzen gibt es für mich nicht. Ich freue mich über die Fortschritte, die alle Teilnehmer bei uns machen“.
Wie er sich den gemeinsamen Sport vorstellt, wird nach dem Ende der viertelstündigen Einstimmungsphase deutlich. Annerose Lieberknecht klatscht in die Hände, alle versammeln sich, und Tobias darf nach einer schnellen und problemlosen Einigung auf die Regeln als einer der Kapitäne die Mannschaften für das erste seiner Spiele auswählen. Dabei geht es ganz offensichtlich nicht nach Können, sondern eher nach Sympathie, was sich daran zeigt, dass die 14-jährige, offensichtlich sehr sportliche Hannah als eine der Letzten einem Team zugeordnet wird. Über Nachbarn schon vor knapp zehn Jahren in Kontakt mit der Familie Lieberknecht und deren integrativem Sportansatz gekommen, soll sie demnächst als eine der Trainerinnen mehr Verantwortung in der Gruppe übernehmen.
Personelle Entlastung können beide durchaus brauchen, denn neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Lehrerin und Pädagogische Fachkraft sind beide im Projekt „Motograps“ Haßloch zur Förderung der motorischen und psychischen Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen engagiert. Dazu plant der A-Lizenz-Trainer und frühere Coach des Fußball-A-Klasse-Teams SV Weisenheim/Sand den Aufbau einer dritten inklusiven Sportgruppe, die sich auf Wunsch vieler Interessenten dem Fußballspielen widmen soll. Austragungsort soll dabei ebenfalls die Sporthalle der Gottlieb-Wenz-Schule sein, die dem Projekt mittwochs nahezu ganzjährig zur Verfügung steht.
In Schulferien Halle geschlossen
Allerdings mit einer großen und für Frank Lieberknecht sehr bedauerlichen Ausnahme, denn in allen Schulferien ist die Halle grundsätzlich geschlossen, „und sogar die Schlösser werden ausgetauscht, damit man sie nicht betreten kann“. Und das gerade in den Zeiten, „in denen sportliche Betätigung in der Freizeit besonders wichtig wäre“.
Mittlerweile sind die Spiele beendet, die Matten und andere Utensilien in gemeinsamer Arbeit ruck, zuck weggeräumt. Doch noch wartet ein Höhepunkt, denn traditionell gibt es zum Abschluss ein gemeinsames Essen. Tobias hat mit Hilfe seiner Mutter kleine Snacks mit Gemüse vorbereitet, „sonst gibt es meistens Süßigkeiten“, erzählt Frank Lieberknecht lachend. Alle sitzen im Kreis und greifen zu, auch Tim (7) und Marisa (10) aus Lachen-Speyerdorf, die seit einigen Monaten zur Gruppe zählen und sich über die Spiele und „dass hier alle Kinder zusammen sind“ freuen. So ist schon bei der Verabschiedung die Vorfreude auf das nächste Treffen bei allen spürbar. Das Geburtstagskind der kommenden Woche hat sich auch schon gemeldet. Die passenden Spiele will es sich noch überlegen.
Die Serie: Sport mit Handicap
Sport mit Handicap – das ist der erfolgreiche Paralympic-Teilnehmer und körperbehinderte Spitzensportler oder die Starterin bei den weltweiten Special Olympics ebenso wie die Übungsleiter und Teilnehmer an Reha- und Freizeitangeboten sowie an integrativen und inklusiven Sportgruppen. Über die ganze Palette des Angebots in der Region will unsere Serie informieren. Haben wir ein Angebot oder eine(n) Sportler oder einen Verein vergessen? Dann informieren Sie uns per E-Mail unter redneu@rheinpfalz.de (rhp)