Neustadt Inferno am Bahnübergang

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Schlagartig war die Erinnerung an die Zeiten des Zweiten Weltkriegs wieder wach. Wer das Inferno miterlebt hat, das heute vor genau 50 Jahren urplötzlich über das friedliche Dorf hereinbrach, fühlte sich für kurze Zeit wieder zurückversetzt in jene Tage, als Bomben fielen. Und bei allen Zeitzeugen blieb im Nachhinein das Gefühl: Es hätte noch viel schlimmer kommen können. 27. April 1965, später Nachmittag. Die US-Streitkräfte üben in der Vorderpfalz bei einem Manöver mit dem Namen „Weinbrand“. Eine Panzerkolonne durchquert Haßloch und rattert durch die Bahnhofstraße in nördlicher Richtung. Damals besteht dort in der Nähe des Bahnhofs noch ein schienengleicher Bahnübergang. Möglicherweise geschieht es aus Unkenntnis, vielleicht wird es von den Besatzung schlicht vergessen: Die Funkantenne des Panzers wird nicht eingezogen, als das schwere Kettenfahrzeug den Übergang passiert. Ein verhängnisvoller Fehler: Denn die Antenne berührt den Fahrdraht, die Oberleitung der elektrifizierten Bundesbahnstrecke. Im Panzer gibt es einen Kurzschluss. Dadurch entzündet sich der Treibstoff. Der Panzer fängt sofort Feuer. Fluchtartig springen die Soldaten aus dem brennenden Stahlkoloss. Sofort versuchen ihre Kameraden aus der Panzerkolonne, den Brand zu löschen, aber mit ihren Schaumlöschgeräten können sie nicht viel ausrichten. Kurz darauf trifft auch die Haßlocher Feuerwehr ein. Der inzwischen verstorbene Norbert Schnurr, der später Wehrleiter werden sollte, gehört zur Besatzung des ersten Tanklöschfahrzeugs, das ausgerückt ist. „Brand beim Bahnhof“ hieß die Meldung, erinnert er sich 2005 im RHEINPFALZ-Gespräch an seinen spektakulärsten Einsatz. Als die Wehr am Bahnübergang ankommt, steht mitten auf den Gleisen ein qualmender Panzer, so Schnurr. Von der Besatzung ist nur ein wild gestikulierender Soldat zu sehen, alle anderen haben schon das Weite gesucht und sich in Sicherheit gebracht. Die Wehleute gehen davon aus, dass der Panzer keine scharfe Munition an Bord hat, weil er sich auf einer Übungsfahrt befunden hat. Also entscheidet der damalige Wehrleiter Horst Kastenholz einen „Schaumangriff“: Der Panzer soll mit Löschschaum gefüllt werden, um das Feuer innen zu ersticken. Was die Wehrleute zu diesem Zeitpunkt aber nicht wissen: Der Panzer ist beladen mit 70 Granaten und scharfer MG-Munition. Plötzlich erschüttert eine gewaltige Explosion den Bereich am Bahnübergang, kurze Zeit später folgt eine zweite, noch heftigere Detonation. Der Explosionsdruck reißt den Panzerturm mitsamt dem Geschütz vom Panzer. Norbert Schnurr und sein Wehrkamerad Dieter Stahler bekämpfen in dieser Sekunde das Feuer mit einem Schaumrohr vom Heck her. Sie stehen etwa sechs Meter hinter dem Panzer, als Turm und Geschütz unmittelbar neben dem brennenden Fahrzeug aufschlagen. Die beiden Wehrmänner haben dabei großes Glück: Die Druckwelle zieht über sie hinweg. Beiden platzen jedoch dabei beide Trommelfelle. Alle Einsatzkräfte gehen sofort in volle Deckung. Der Explosionsdruck lässt zahlreiche Fensterscheiben der umliegenden Häuser zu Bruch gehen. Die Panzertrümmer und Munitionssplitter schlagen in umliegenden Gebäuden wie Geschosse ein. Vor allem die Jahre später abgerissene Gastwirtschaft „Zum Bahnhof“ wird erheblich in Mitleidenschaft gezogen: Die Hausfassade wird stark beschädigt, das Dach zum Teil abgedeckt. Die Gaststube gleicht einem Trümmerhaufen: überall zerborstene Gläser, zertrümmertes Mobiliar. Auch aus dem mittlerweile abgerissenen Stellwerk schlagen Flammen. Die Wehrleute, die nicht mehr zum Panzer vordringen können, weil die US-Soldaten den Bereich hermetisch abriegeln, löschen dort das Feuer. Doch hat der Brand eine riesige Hitze freigesetzt. Mit der Folge, dass die Kabel, die vom Stellwerk zu den in Richtung Ludwigshafen liegenden Weichen und Signalen führen, schmelzen. Die Oberleitung haben die Explosionen zerfetzt, und auch die Gleise sind beschädigt. Dadurch kommt der Zugverkehr völlig zum Erliegen – und genau zu dieser Zeit am späten Nachmittag und frühen Abend haben viele Arbeitnehmer, insbesondere „Aniliner“, Feierabend und sind auf dem Nachhauseweg. Busse werden eingesetzt, um die Menschen an andere Bahnhöfe zu transportieren. Diesel- und Dampfloks kommen zum Einsatz, als die gröbsten Schäden an den Bahnanlagen gegen Mitternacht beseitigt sind. In der Zwischenzeit brennt der Panzer völlig aus. Als es die Sicherheitslage wieder zulässt, kann die Feuerwehr die Löscharbeiten wieder aufnehmen. Insgesamt kommt Haßloch noch glimpflich davon. Die Bilanz: fünf Leichtverletzte, darunter zwei US-Soldaten der Panzerbesatzung. Der Sachschaden wird auf weit über 300.000 Mark geschätzt. Von zahlreichen Schaulustigen wird in der RHEINPFALZ damals übrigens auch berichtet – aber nur bis zum „großen Knall“.

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