Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Im Portrait: der Neustadter Kontrabassist und Ausdauersportler Markus Kroell

Markus Kroell in seinem Zuhause in Haardt.
Markus Kroell in seinem Zuhause in Haardt.

„Nachts allein am Bahnhof mit diesem Ungetüm – man müsste lügen, wenn man behaupten würde, immer nur glücklich mit diesem Instrument zu sein“, gibt der Neustadter Kontrabassist Markus Kroell unumwunden zu. Dass ihm seine stattliche Größe von zwei Metern und sein „Nebenberuf“ als Ausdauersportler für das größte Streichinstrument geradezu prädestinieren, liegt aber auf der Hand.

Markus Kroell selbst beschreibt die Arbeit mit dem Kontrabass mit drastischen Worten: „Es ist kein Instrument, es ist ein Hindernis. Bis man irgendwann wirklich schön spielen kann, dauert lange. Denn es ist physisch sehr anstrengend. Allein die permanenten Lagenwechsel verlangen eine große körperliche Flexibilität. Sogar ein Spitzenbassist, so sehr er sich auch bemüht, wird ganz schnell von seinem Instrument platt gemacht.“ Gleichzeitig habe der unglaubliche Körpereinsatz etwas Erheiterndes, weiß der 58-Jährige aus eigener Podiumserfahrung: „Man kann das als Interpret für sich in die Waagschale legen oder aber auch daran scheitern. Denn die Gefahr des Danebenlangens ist unheimlich groß“, so der gebürtige Rheinländer, der nach Stationen in Köln, München und Theisbergstegen bei Kusel seit 2008 mit Frau und Tochter im Haardter Meisental lebt.

Alte Musik, Neue Musik – Kroell ist für sehr vieles offen

Bei der Wahl Neustadts als Wohnort spielte die gute Verkehrsanbindung eine nicht unmaßgebliche Rolle, denn der Musiker pendelt häufig zwischen Köln, Stuttgart, Belgien und den Niederlanden, dem Heimatland seines „Simurg Ensembles“, mit dem er einige Platten aufgenommen hat, die letzte im Sommer 2019. Interessanterweise steht auf dem Programm des mit Klavier, Klarinette, Cello und Kontrabass besetzten Quartetts keinesfalls Alte Musik, sondern ganz im Gegenteil die Moderne. „Angefangen haben wir mit ,Neuer Musik’, später haben wir uns dann immer mehr zu einem Crossover-Ensemble mit Einflüssen von Jazz, Pop und Rock entwickelt“, erklärt der Vollblutmusiker, der nach eigener Einschätzung nicht zum Spezialisten taugt, sondern in der Musik die große Bandbreite liebt. So widmet sich sein vor vier Jahren gegründetes Ensemble „Les Cyranos“ wiederum ganz der Alten Musik, also dem 17. und frühen 18. Jahrhundert. Mit ihm, zu dem auch der Neustadter Cembalist und Orgelexperte Koos van de Linde gehört, ist er unter anderem schon zweimal bei den Kirrweilerer Kammerkonzerten aufgetreten.

Auch sonst profitiert Kroell von der reichen Alte-Musik-Szene in der Region. So zählen der Weltklasse-Cembalist Miklós Spányi und Bezirkskantor Simon Reichardt zu seinen weiteren Musizierpartnern, allen voran aber der Blockflötist Norbert Gamm. Ob ein geplanter Auftritt mit diesem am 16. Mai ebenfalls in Kirrweiler stattfinden kann, steht allerdings momentan noch in den Sternen. Überhaupt leidet Kroell wie alle freischaffenden Musiker stark unter der Corona-Krise. „Eigentlich ist seit einem Jahr mein Beruf dahin“, stellt er bedauernd fest. „Auch für 2021 ist bis in den Herbst hinein alles abgesagt, unter anderem sind meine ganzen Orchesterkonzerte weggebrochen.“ Das einzige, was ihm bleibt, ist das Unterrichten. Sein Hauptstandort ist Neustadt, seine Schülerinnen und Schüler kommen aus der gesamten Umgebung, viele davon aus der Südpfalz. Das Fach „Viola da Gamba“, dem er sich nach seiner Studienzeit in Köln auch noch zuwandte, steht dabei eher im Hintergrund, hauptsächlich erteilt er Cello- und Kontrabass-Unterricht.

Die faszinierende Welt der Gamben

Auch hier gilt: Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Bei Markus Kroell war es nicht ganz so früh. Ein so großes Instrument eignet sich eben nicht für kleine Kinderhände. Wie üblich, hat auch er mit dem Cello angefangen und ist erst mit 16 Jahren auf den Bass umgestiegen. Als Grund nennt er Bach: Mit zwölf Jahren hörte er im Gürzenich in Köln erstmals dessen Brandenburgische Konzerte: „Es war meine erste Begegnung mit dem Bass, und es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt er. Ironie am Rande: die erste professionelle Orchesterstelle nach seinem Studium erhielt er dann im Gürzenich-Orchester Köln.

Parallel zu seinen Orchestertätigkeit, die ihn später auch noch für zwölf Jahre zum Sinfonieorchester München verschlug, begann er sich für historische Bassinstrumente zu interessieren. Und stieß dabei zwangsläufig auf die Gambe. Das Gambenspiel hat er sich im Wechsel mit einigen Unterrichtsstunden hauptsächlich autodidaktisch beigebracht. „Die Auseinandersetzung mit alten Instrumenten und Spieltechniken hat mir faszinierende musikalische Welten eröffnet“, sagt er.

Enorme Synergieeffekte zwischen Musik und Sport

Was viele nicht wissen: Markus Kroell führt ein „Doppelleben“. Er ist Ausdauersportler im „Nebenberuf“, trainiert täglich mehrere Stunden und nimmt regelmäßig an Radrennen teil. Die Synergieeffekte zwischen Musik und Sport seien enorm, sagt er. „Beides setzt die Bereitschaft voraus, hart zu trainieren. Wenn mein sportliches Niveau auf einer guten Ebene ist, habe ich auch mehr Energie für die Musik. Und über den Sport habe ich sehr viel für mein Unterrichten gelernt.“ Mittlerweile hat er sogar eine Zusatzausbildung zur Analyse von Bewegungsabläufen absolviert. Im Fokus steht die Frage, wie man die Energie des Radsportlers optimal auf die Straße bringt. Dies lässt sich auf die Spielhaltung des Instrumentalisten und die Auswirkungen auf seinen Ton und seine Technik übertragen.

Mit dem international bekannten Neustadter Vorzeige-Ausdauersportler und ehemaligen Höhenmeter-Weltrekordler Christoph Fuhrbach, einem seiner wichtigsten Trainingspartner, verbindet ihn eine enge Freundschaft. Für das nächste Jahr planen die beiden ein großes Radkriterium über 1.000 Kilometer und 2.100 Höhenmeter, das in Neustadt startet und endet und über Pfälzerwald, Vogesen und Schwarzwald führen soll. Im letzten Jahr haben die beiden an dem Ultra-Langstreckenrennen „Transpyr coast to coast“ in den Pyrenäen teilgenommen. Als Organisatoren des Neustadter Radmarathons werden sie allerdings ausnahmsweise nicht persönlich aufs Rad steigen, sondern dafür sorgen, dass organisatorisch alles reibungslos über die Bühne geht.

„Ich liebe an der Musik die große Bandbreite“, sagt Markus Kroell (rechts), der Kontrabass, Cello sowie sämtliche Vertreter der
»Ich liebe an der Musik die große Bandbreite«, sagt Markus Kroell (rechts), der Kontrabass, Cello sowie sämtliche Vertreter der Gambenfamilie beherrscht und von ganz alt bis ganz neu munter zwischen den Stilen pendelt. Unser Foto zeigt ihn im Mai 2019 zusammen mit Myriam Schwalbé an der Barockvioline und Koos van de Linde am Cembalo beim Kirrweilerer Kammerkonzert in der barocken Marienkapelle.
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