Neustadt Im Handwerk wird die Luft dünn

Zumindest meist gut besucht: die Berufsinformationsbörse der städtischen Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft, hier 2016 in der R
Zumindest meist gut besucht: die Berufsinformationsbörse der städtischen Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft, hier 2016 in der Realschule plus im Böbig.

Die aktuellen Zahlen der Schulanmeldungen sieht die Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße mit Sorge: Sowohl an der Realschule plus im Böbig als auch in Edenkoben haben sich weniger Schüler angemeldet als im Vorjahr. Weniger Realschüler bedeuten weniger potenzielle Kandidaten für eine Ausbildung im Handwerk, das branchenübergreifend unter Azubi-Mangel leidet.

Während sich die Gymnasien der Region über gleichbleibende oder steigende Schülerzahlen freuen können, haben die Realschulen starke Einbußen zu verzeichnen. 23 Prozent weniger Anmeldungen im Böbig, 22 Prozent weniger in Edenkoben. Zahlen, die nicht nur Schreinermeister Dirk Fischer Kopfschmerzen bereiten. Fischer ist Vorstandsmitglied der Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße und verfolgt die Entwicklung seit langem. „Die Schüler mit Mittlerer Reife stellten bislang die stärkste Fraktion der Azubis im Handwerk. Inzwischen werden jedoch viele Absolventen der Realschulen plus direkt durchgeschleust in die gymnasiale Oberstufe. Eine Ausbildung im Handwerk kommt für viele dann nicht mehr in Frage“, hat er beobachtet. Allerdings werde die Entscheidung für die Schule und damit gegen eine Ausbildung oft gegen die Empfehlung der beratenden Lehrer getroffen. „Die jungen Leute wissen einfach nicht, was sie machen sollen, und bleiben dann lieber auf der Schule. Auch wenn das nicht der richtige Weg für sie ist“, berichtet Gerhard Wirtgen von der Realschule plus im Böbig. Als pädagogischer Koordinator begleitet er die Schüler bei der Berufsorientierung und stößt dabei immer wieder auf Vorurteile und Desinteresse. „Wenn ich zu einem Elternabend zum Thema Berufsorientierung einlade, kommen von hundert Eltern vielleicht fünf“, so das ernüchternde Fazit Wirtgens. 2017 gab es an den allgemeinbildenden Schulen im Kammerbezirk zum ersten Mal mehr Absolventen mit Abitur oder Fachabitur als Abgänger mit Mittlerer Reife. Dieser Trend zur höchstmöglichen Schulbildung schlägt sich in sinkenden Azubi-Zahlen nieder: Gab es 2016 noch 370 Auszubildende in Neustadt, waren es 2017 nur noch 350. Vom Nachwuchsmangel besonders betroffen sind der Baubereich – Zimmermann, Maurer, Straßen- und Betonbauer – sowie die Branchen Sanitär-Heizung-Klima und Lebensmittel. „Es fehlen insgesamt Leute“, konstatiert Fischer. Warum ist das Handwerk für die meisten Schulabgänger nicht attraktiv? Viele hätten noch ein antiquiertes Bild vom Handwerksberuf, meint Wirtgen. Daran hätten auch die Praxistage und der Erfahrungsaustausch mit Auszubildenden nichts geändert. „Bei den Schülern ist einfach noch nicht angekommen, wie modern und kreativ das Handwerk sein kann“, so die Erfahrung des Pädagogen. Dirk Fischer hat zudem festgestellt, dass viele Eltern und Schulabgänger das duale System der Ausbildung in Deutschland nicht kennen. „Mit dem Beginn der Ausbildung hört das schulische Lernen ja nicht auf“, stellt der Schreinermeister klar. „Die Azubis erhalten weiterhin Unterricht in Mathematik, Englisch, Deutsch und auch Sozialkunde.“ Auch sei die Durchlässigkeit des Systems vielen nicht bewusst. Ein Gesellenbrief berechtigt laut europäischem Qualifikationsrahmen zu einem fachgebundenen Studium, ein Meisterbrief zählt so viel wie die allgemeine Hochschulreife. Das bedeutet, dass man auch nach der Gesellenprüfung an eine Fachhochschule zum Studium wechseln kann. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung hat man allerdings bereits einen Abschluss und Berufserfahrung in der Tasche, zudem einige Euro in der Rentenkasse. Und: „In Deutschland ausgebildete Handwerker werden überall auf der Welt gesucht“, betont Fischer. Als Lobbyist des Handwerks arbeitet der Schreinermeister seit Jahren daran, Schüler und Eltern zu informieren, erste Begegnungen mit dem Handwerk zu ermöglichen und Vorurteile abzubauen. So ist Fischer auf Berufsmessen präsent, betreut Projektwochen in Betrieben und hält Vorträge – auch in den Gymnasien, denn seit zwei Jahren sind diese in Rheinland-Pfalz verpflichtet, eine berufliche Orientierung anzubieten. Auch dort begegnet er dem verstaubten Image, das dem Handwerk oft noch anhaftet. „Durch die Digitalisierung hat sich die Arbeitswelt im Handwerk sehr verändert“, erklärt Fischer. „Die Anforderungen sind gestiegen, und wir brauchen Leute, die sowohl analog als auch digital arbeiten können.“ Natürlich liege es an den Betrieben selbst, sich zu präsentieren und als Arbeitgeber attraktiv zu machen. Dennoch sieht Fischer auch die Politik in der Pflicht: „Wir wünschen uns ein politisches Signal, das unsere Bemühungen unterstützt und die Ströme der Schüler lenkt. Denn was nützen uns all die Pläne, wenn wir sie nicht umsetzen können.“

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