Neustadt
„Iglous“ sollen Obdachlose vorm Kältetod bewahren
Jochen Schmidt hat einen neuen Stopp auf seinem täglichen Rundgang. Der Vollzugsbeamte, der sich in Neustadt um die soziale Betreuung von Obdachlosen kümmert, schaut am Morgen am Rande der Festwiese vorbei. Denn dort stehen seit einer Woche hinter einem Bauzaun zwei silberne Tunnelzelte aus etwa fünf Zentimeter dickem, isoliertem und feuerfestem Schaumstoff, daneben eine Mobiltoilette. Die sogenannten „Kälte-Iglous“ – vom Hersteller mit „ou“ geschrieben, um sie von denen aus Schnee abzugrenzen – sind Notunterkünfte für Obdachlose, die im Winter vor Unterkühlung, Frostbeulen und Erfrierungen schützen sollen. Das funktioniert allein über die Körperwärme, die durch die Isolierung im Iglou gehalten wird und es innen im Vergleich zur Außentemperatur bis zu 18 Grad wärmer werden lässt.
Die Iglous schlagen in der Öffentlichkeit – und speziell im Internet – hohe Wellen. Der Leiter der Tagesbegegnungsstätte Lichtblick, Robin Rothe, und Sozialdezernentin Waltraud Blarr von der Stadt zeigen sich schockiert von einigen Kommentaren unter einem Beitrag zu den Iglous in den sozialen Medien, die benachteiligte Gruppen gegeneinander ausspielten oder behaupteten, mit den Iglous die Obdachlosen zur Seite schieben zu wollen, anstatt sie in richtige Unterkünfte unterzubringen. „Jeder bekommt in Neustadt eine Wohnung angeboten“, betont Blarr. Die Iglous seien ein Zusatzangebot für diejenigen, die nicht in eine Notunterkunft wollen oder können, zum Beispiel, weil dort aus hygienischen Gründen keine Hunde erlaubt sind. Das Angebot solle keine bereits bestehenden ersetzen, sondern „eine akute Versorgungslücke schließen“, unterstreicht Rothe.
Bisher vier Iglous
Die Iglous erfunden hat der Franzose Geoffroy de Reynal, der sie mit zwei Partnern in Tschechien herstellen lässt. Nach eigenen Angaben werden die Tunnelzelte bereits in sieben europäischen Ländern sowie nach Kanada und in den USA verkauft, und zwar ausschließlich an Städte und Hilfsorganisationen. Der Preis: ab 120 Euro pro Stück. Es gibt sie für ein oder zwei Personen.
In Neustadt haben Stadt und Lichtblick das Pilotprojekt angestoßen, nachdem andere Städte mit den Iglous gute Erfahrungen gemacht hätten. Bei der Umsetzung waren das Dezernat für Soziales, Ordnungsbehörde, Polizei, städtischer Bauhof und „politische Akteure“ beteiligt. Zehn Iglous wurden bestellt, „damit man im Bedarfsfall auch mal eins ersetzen kann“, sagt Rothe, der die meisten Obdachlosen in Neustadt – nach seiner Einschätzung eine niedrige zweistellige Anzahl – über den Lichtblick kennt. Bei Bedarf werden dort auch Schlafsäcke ausgegeben. Vier Iglous sind bisher in der Kernstadt aufgestellt worden, neben denen an der Festwiese noch zwei auf Privatgelände, die laut Rothe „durch das ungebrochene Engagement von Einzelpersonen“ möglich wurden und auch direkt von einem Betroffenen mit Hund angenommen worden seien.
Diskussion um Standort
Einen geeigneten Standort zu finden, sei nicht so einfach gewesen, erklärt Rothe, warum es knapp ein Jahr gedauert hat, bis die Iglous aufgestellt wurden. Der Ort musste gut erreichbar und einsehbar sein, um Vandalismus vorzubeugen. „Andererseits gab es Bedenken, die Iglous an Schulwegen zu platzieren.“ Ein Platz auf dem St. Marien-Gelände in Kooperation mit der katholischen Kirche sei geplatzt, weil die Voraussetzungen, um eine vom Lichtblick finanzierte Mobiltoilette dort aufzustellen, nicht erfüllt werden konnten. Damit das WC wöchentlich gereinigt werden kann, muss es am Standort möglich sein, mit einem großen Reinigungsfahrzeug bis auf fünf Meter heranzufahren. In Kooperation mit Ämtern und Polizei habe man sich dann auf den Platz an der Festwiese geeinigt. Die Toilette ist Rothe zufolge „wichtig für die Würde der Menschen und für die Akzeptanz der Bevölkerung“, der Bauzaun spendet wenigstens etwas Privatsphäre.
Waltraud Blarr spricht von einem „breiten Schulterschluss“ bei dem Projekt. „Wir hoffen auf die nötige Akzeptanz der Bevölkerung und darauf, dass die Betroffenen das Zusatzangebot annehmen. Es geht hier um nicht weniger als den Kältetod.“ Neustadt könne Modellgemeinde für andere sein, ergänzt Rothe. Die Iglous helfen nach seinen Erfahrungen aber auch dabei, den Vertrauensvorschuss aufzubauen, den es brauche, um die Menschen für eine Beratung zu gewinnen. Im besten Fall könne man dann mit den Betroffenen weiter arbeiten und sie an Unterkünfte und andere Stellen vermitteln. „Es ist ein Versuch, anders auf diese Klientel zuzugehen“, sagt Blarr.
Evaluation bis ins Frühjahr
In der Pilotphase, die je nach Temperaturentwicklung bis in den März laufen soll, beobachten Lichtblick, Ordnungsamt und Stadt, wie die Iglous angenommen werden, ob es zu starken Verschmutzungen kommt oder dazu, dass einzelne Notzelte ausgetauscht werden müssen. Außerdem wird geprüft, ob die Sicherheitsmaßnahmen ausreichen und ob es gegebenenfalls andere oder weitere Stellplätze für die Notunterkünfte gibt. „Der Weg führt manchmal schneller in die Obdachlosigkeit, als man denkt. Viele könnten irgendwann im Leben davon betroffen sein“, meint Blarr. „Wir sind glücklich, wenn die Kälte-Iglous leer bleiben – denn dann sind alle gut untergekommen.“