Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Iggelbach: Seit 2015 erster Wolf im Pfälzerwald

Bei Iggelbach von der Kamera erfasst: der ein- bis zweijähriger Wolf.
Bei Iggelbach von der Kamera erfasst: der ein- bis zweijähriger Wolf.

Ein Wolf ist im Dezember 2019 bei Iggelbach aufgetaucht. Im Bereich des Grünbergs ist er in einer „Fotofalle“ abgelichtet worden. Warum Experten sicher sind, dass es sich wirklich um einen Wolf gehandelt hat und sich ein Wanderschäfer nun Sorgen macht.

Am 20. Dezember 2019 ist es passiert: Beim Elmsteiner Ortsteil Iggelbach ist ein Wolf in eine von zwei Fotofallen getappt, die im Bereich des Forstreviers Elmstein aufgestellt worden sind. In Rheinland-Pfalz handelt es sich um den 19. Nachweis eines Wolfes im vergangenen Jahr. Im Pfälzerwald ist es seit August 2015 bei Ludwigswinkel zum zweiten Mal der Fall, dass ein Wolf aufgetaucht ist. Der Grünberg ist nach Angaben des kommissarischen Revierleiters Johannes Zorniger ein über 300 Hektar großes Gebiet, das sich um Iggelbach herum erstreckt.

„Hundertprozentig“ überzeugt, dass es sich beim abgelichteten Tier um einen Wolf handelt, ist Michael Back von der Forschungsanstalt für Wildökologie und Forstwirtschaft (FAWF) in Trippstadt. Dort laufen alle Meldungen und Fotonachweise aus Rheinland-Pfalz über Luchse und Wölfe zusammen. „Die Verwechslungsgefahr ist groß“, sagt der Experte im Gespräch mit der RHEINPFALZ: Auch Hunde bestimmter Rassen können leicht für Wölfe gehalten werden. „Aber jede Meldung wird ernstgenommen“, betont er. Auf der „Wolfs-Hotline“ (06306/011199) gehen viele Nachrichten ein. „Und wenn ein Wolf aufgetaucht ist, steigt die Anzahl der Meldungen“, weiß Back. Häufig aber entpuppen sich vermeintliche Wölfe als frei laufende Hunde.

Experte: Unklar, ob es ein Einzelgänger ist

Bei Wolf-Fotos, erklärt Back, schauen die Fachleute genau hin: Wie sehen Gesicht, Ohren, Rückenlinie und Rute des Tieres aus? Bei Videos wird auch das Verhalten analysiert. Um sicher zu gehen, gilt das Vier-Augen-Prinzip: Das Fotomaterial wird von der FAWF und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf in Görlitz geprüft. Erst wenn für die Experten beider Einrichtungen eindeutig feststeht, dass es sich um einen Wolf handelt, wird die Öffentlichkeit informiert. Deshalb sind zwischen der Sichtung im Dezember und der offiziellen Bestätigung am Donnerstag sieben Wochen vergangen.

Der Iggelbacher Wolf ist sozusagen versehentlich in die Fotofalle geraten: Denn wie Back erläutert, sind die Kameras in diesem Bereich des Pfälzerwalds eigentlich auf Luchse ausgerichtet, die nach den Auswilderungsaktionen mittlerweile immer mal wieder vor der Linse einer Fotofalle auftauchen. Die FAWF betreibt in Rheinland-Pfalz ein systematisches Monitoring mit 160 Fotofallen an 80 Standorten. Dass bei Iggelbach ein Wolf die Kamera ausgelöst hat, ist „reiner Zufall“. Aufgrund des Fotos schätzt Back den Wolf auf ein Alter von ein bis zwei Jahre. Ob es sich um einen Wolfsrüden oder eine Fähe gehandelt hat, ist wegen der Kameraperspektive nicht erkennbar.

Ob es sich um ein einzelnes durchwanderndes Tier gehandelt hat oder sich der fotografierte Wolf in der Region angesiedelt hat, kann man laut Back aufgrund eines einzelnen Bildes nicht sagen: „Eine definitive Aussage lässt sich erst treffen, wenn weitere wissenschaftliche Nachweise hinzukommen.“ Das kann der Fund eines toten Wolfes sein, häufig nach einem Verkehrsunfall wie zuletzt Mitte Januar bei Mainz. Aber auch ein gerissenes Wildtier, vor allem, wenn es die typischen Bissspuren an der Kehle aufweist, kann ein Hinweis sein. Proben werden dann an das Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen geschickt, dessen Labor Referenzzentrum für die Wolfsgenetik in Deutschland ist.

Bis auf den Iggelbacher Wolf sind 2019 sämtliche Nachweise von Wölfen in Rheinland-Pfalz im Norden des Landes – die meisten in den Landkreisen Neuwied und Altenkirchen – gelungen. Für nicht ausgeschlossen hält es Back, dass der Wolf aus dem Pfälzerwald beispielsweise aus diesen Regionen stammt: „Die Wanderwege von Wölfen können sehr weit sein.“

Schäfer: Berufliche Existenz in Gefahr

Freuen sich auf der einen Seite Tierschützer darüber, dass der Wolf stellenweise wieder anzutreffen ist, so bereiten Nachrichten darüber einem Wanderschäfer wie Christian Ruther Sorgen. „Erschreckend“: So findet der Schäfer, der sich derzeit mit seiner Herde in der Nähe von Kaiserslautern aufhält und zweimal im Jahr auf Weiden bei Iggelbach zieht, die aktuelle Wolfs-Meldung. Bis jetzt war er noch nie unmittelbar betroffen, sagt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ, „aber das wird ein Problem geben, nicht nur für Schäfer, sondern auch für Landwirte.“ Als Wanderschäfer ist er stets unterwegs in freier Flur und hat keine Gelegenheit, seine derzeit 300-köpfige Herde mit einer Einzäunung zu schützen. Ob die Altdeutschen Hütehunde, mit denen er arbeitet, abschreckend wirken, wenn einmal ein Wolf auftauchen sollte: Dahinter setzt Ruther ein Fragezeichen. Und der Einsatz von „richtigen Herdenschutzhunden“ wie der Kaukasische Owtscharka ist seiner Ansicht nach hierzulande zu wenig in der Praxis erprobt.

„Das Problem ist nicht nur, dass ein Schaf gerissen wird“, erklärt der Schäfer. „Meistens bleibt es nicht bei nur einem Riss. Zudem kann die ganze Herde in Panik geraten. Das kann Folgeschäden auslösen, zum Beispiel kann es bei trächtigen Tieren zu Fehlgeburten kommen.“

Sollten sich Wölfe einmal dauerhaft in der Pfalz ansiedeln, sieht Ruther seine Existenz in Gefahr: „Wenn ich deswegen von der Weidetierhaltung auf Stallhaltung umstellen müsste, würde ich aufhören.“ Wenn aber immer mehr Schäfer aufgeben, „was wird dann aus unserer Kulturlandschaft?“, fragt er im Blick auf die landespflegerische Bedeutung der Schafherden.

Ob er wie geplant im September wieder nach Iggelbach kommt? Das macht Ruther davon abhängig, ob es weitere Wolfs-Nachweise in unserer Region geben wird. „Aber vielleicht haben wir ja Glück, und der Wolf verschwindet wieder.“

Im Bereich Grünberg ist der Wolf „geblitzt“ worden.
Im Bereich Grünberg ist der Wolf »geblitzt« worden.
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