Hassloch
Igelstation muss immer mehr Tiere aufnehmen
Fehler machen bei der Igelpflege – das passiert schnell. Zu viele Klischees sind in den Köpfen der meisten Leute, die plötzlich einen verletzten oder kranken Igel entdecken: „Ich hab’ ihm sofort ein Stück Apfel und Milch gegeben, aber jetzt geht es ihm noch viel schlechter – was nun?“ Solche Sätze hört Claudia Klippel von der Igelstation in Haßloch zu oft. Zur besseren Aufklärung habe auch der jährliche „Tag des Igels“ am 2. Februar noch immer nicht flächendeckend beitragen können. Die 60-Jährige ist eine von rund 20 ehrenamtlichen Helfern im Haßlocher Tierheim und zugleich Schriftführerin im „1. Haßlocher Tierschutzverein und Umgebung“. Das Wort „Umgebung“ ist dabei ein weiter Begriff: „Quasi aus der gesamten Pfalz und sogar von weiter weg bekommen wir Anrufe, weil die Leute in der Suchmaschine nach einer eher seltenen Igelstation geschaut haben“, berichtet die im Verein liebevoll nur „unsere Igelmama“ genannte Vorruheständlerin.
Obst, Milch oder Haferflocken ist aber alles keine geeignete Nahrung, sagt Claudia Klippel. Obwohl leider gerade das in den Köpfen vieler Leute „gespeichert“ sei. „Der Igel ist ein Wildtier und kein Vegetarier“, betont Tierheimleiterin und Vereinsvorsitzende Nicole Fützenreiter. Aber alles beginnt immer mit dem Igelfund: Irrt der stachelige kleine Kerl irgendwo umher – vor allem am Tag – ist das ein Zeichen, dass mit dem nachtaktiven Wildtier vermutlich etwas nicht stimmt. Manchmal werden Igel vom Auto angefahren oder von Mährobotern verletzt.
Rat auch am Telefon
Ein Anruf in der Igelstation kann helfen: Ist einer der elf begehrten Stationsplätze frei, kann das Tier nach Absprache vorbeigebracht werden. Doch sind die Boxen alle belegt, wie es im Winter häufig der Fall ist, müssen die Helfer die Finder um Mithilfe bitten. „Wir stehen dann trotzdem mit Rat zur Seite“, sagt Klippel. Zur Überbrückung empfiehlt sie, mit einem kranken Igel nach Absprache einen Tierarzt aufzusuchen, der aber „unbedingt igelkundig“ sein müsse. Der Verein „Pro Igel“ hat, so Nicole Fützenreiter, sogar extra sein Fachbuch „Igel in der Tierarztpraxis“ für Veterinäre überarbeitet. Der Tierarztbesuch koste zwar leider etwas, weil die Ärzte laut Gebührenordnung dazu verpflichtet seien. „Aber die allermeisten achten darauf, dass es dann keine zu hohen Kosten für Helfer werden“, betont sie. Wird der Igel zur Überbrückung noch eine Weile im Privathaushalt weiterversorgt, müsse das dem Veterinäramt mitgeteilt werden.
Ein unterkühlter Igel – zu erfühlen am kalten Bauch – kann laut den Fachfrauen der Haßlocher Igelstation vorsichtig auf eine mit einem Handtuch umwickelte, handwarme Wärmflasche oder einen Handwärmer gesetzt werden. Ein Kaninchenkäfig sei geeignet, alternativ eine glatte Box oder ein großer Karton. Ein leichtes Tuch aus Baumwolle oder Mikrofaser darf eine Decke sein, bis weitergeholfen werden kann.
Immer mehr Igel versorgt
2021 hat die Haßlocher Igelstation 91 Tiere versorgt: 2020 waren es noch 67 Igel und in den Vorjahren meist um die 40 stachelige Patienten. „Durch den Klimawandel und die milden Winter werden es immer mehr“, bedauert Fützenreiter. Auch Steingärten oder zu „aufgeräumte“ Gärten ohne Laubhaufen seien Gründe.
Alle Kosten für seine seit rund 25 Jahren bestehende Igelstation, die es im 2006 eröffneten Tierheim gibt und die vorher im Gebäude eines Vereinsmitglieds ihre Anfänge hatte, muss der Verein selbst stemmen. Aufgrund coronabedingt ausgefallener Veranstaltungen sind viele Spendenanlässe weggefallen. 2020 erst wurde die Station umgebaut: Utensilien wie Zeckenzangen sind in Schubladen verstaut. Noch mehr Steckdosen wurde gesetzt, da die Tiere auf Wärmematten sitzen, die auf Berührung reagieren. Die kleinen Einzelgänger sitzen in geräumigen Boxen und haben lange Papierschnitzel als Einstreu.
Nachwuchs in der Station
Im August haben die Tierhelfer ein desorientiertes Igelmädchen aufgenommen, dem ein verletztes Auge operativ entfernt werden musste. Im September dann die Überraschung: Drei Junge kamen zur Welt. Inzwischen durfte die Mutter aber, nach einiger Zeit im Übergangs- und im geschützten Außenbereich der Station, zurück in die Freiheit entlassen werden. Eins der Jungen ist auch schon im Außenbereich, erzählt Klippel.
Ein Holzplättchen vor der Box – umgeworfen oder unberührt – zeigt den Helfern, ob ein Igel schon im Winterschlaf ist oder ob er noch nachts wach zum Trockenfutter läuft. Mit etwa 800 Gramm dürfen die Igel in den Außenbereich, sofern es nicht bereits zu kalt ist. Im Frühjahr ist der Winterschlaf um, die Auswilderung naht. In der Station selbst gibt es keinen Winterschlaf, die dafür noch viel zu leichten Igel werden bei 20 Grad Raumtemperatur mit hochwertigem Katzenfutter und anderen geeigneten Speisen versorgt. Igelbabys werden mit Hundeaufzuchtmilch gepäppelt: Claudia Klippel muss dann alle zwei Stunden eine Flaschenfütterung vornehmen. Dazu nimmt sie die Kleinsten mit heim: „Anders ginge das ja gar nicht.“ Ein bis zwei Wochen läuft das so, bis erste festere Nahrung möglich ist. In der Igelstation kümmern sich sonst fünf Mitarbeiter mit unterschiedlichen Stellenanteilen um die Fütterung. Helferin Klippel übernimmt zudem jeden Sonntagabend die Fütterung auf Station.
Info
- 1. Tierschutzverein Haßloch, Telefon 06324/4944; www.tierschutzverein-hassloch.de.
- Spendenkonto: 1. Tierschutzverein Haßloch und Umgebung (Sparkasse Rhein-Haardt): IBAN DE25 5465 1240 0001 0108 00. Geeignete Futterspenden für die Igel und Patenschaften für alle Tiere sind jeweils nach Absprache willkommen.