Neustadt Ich bin ein Star, baut mir ein Haus

Der geschwätzige Star wurde vom Naturschutzbund (Nabu) zum Vogel des Jahres 2018 erkoren. Eigentlich ein Allerweltsvogel, ist er zunehmend in seinem Bestand bedroht. Es fehlt an Lebensräumen mit Brutmöglichkeiten und Nahrung, lautet die Begründung des Nabu. Im Kreis Kaiserslautern ist er noch immer zigtausendfach auf Schlafplätzen zu beobachten.
Wenn die pfeilschnellen Stare zu Hunderten wie eine dichte, schwarze Wolke am Himmel manövrieren, fällt es schwer, zu glauben, dass sie immer weniger werden. Zu beobachten ist das Schauspiel im Lautertal bei Stockborn. Dort sammeln sich im Herbst tausende Stare, um gemeinsam im Schilf schlafen zu gehen. „In diesem sind es deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Wir schätzen, dass sich hier mehr als 10.000 Stare zum Schlafen einfinden“, sagt Alfred Klein vom Naturschutzbund Weilerbach. In Rodenbach nahe Kaiserslautern fehlt dagegen in diesem Herbst die gewohnte Schlafgemeinschaft. Möglicherweise sind die nun auch an der Lauter, vermutet Klein, der auch auf Schlafplätze in den nahen Gemeinden Ramstein und Steinwenden hinweist. Die würden allerdings nicht in jedem Jahr angeflogen. Unsere Stare verlassen die Region mit Einsetzen extremer Kälte oder Schnee in Richtung Südwesten. Zu uns kommen Durchzügler und Wintergäste aus meist nordöstlichen, kalten Regionen. „Stare reagieren ganz flexibel auf das Wetter“, erläutert Klein. Immer am späten Nachmittag treffen sich die geschwätzigen Vögel im Lautertal. Bevor sie im Schilf zur Ruhe gehen, sitzen sie auf den vorbeiführenden Stromleitungen oder fliegen als dunkle Formation herrliche Manöver − ein Schauspiel, das seinesgleichen sucht. Jeder hat im Rundumblick alle Kollegen im Visier und folgt ihnen genau. Die hohe Kunst der schnellen, gemeinsamen Fortbewegung hat einen Grund: Im Pulk sind sie vor Greifvögeln sicher. Und noch etwas beherrscht der Star perfekt: Er kann andere Geräusche imitieren. Ob Handyklingeln, Martinshorn oder aufdringliche Elsterschreie − der Star kann locker alles in den eigenen Gesang einbinden. Der metallisch schillernde Vogel hat ein ernsthaftes Problem. Eine Million Starenpaare hat Deutschland in den vergangenen 20 Jahren verloren. Der Mensch räumt die Landschaft auch unter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf, beseitigt beerentragende Hecken, schafft weite Flächen mit immer gleichen Pflanzen. Aber mit Getreide- oder Maisfeldern bis zum Horizont kann der Star nichts anfangen. Zu allem Übel legt der Mensch noch Steine in seine Gärten, wo eigentlich Natur sein sollte. So dezimiert er Lebensraum und Nahrungsgrundlage für Vögel. Diese Erkenntnis ist nicht neu und passt leider auf ungezählte Vogelarten. Aber auch auf den Star? Der ist doch ganz wild auf Weintrauben, Beeren und Kirschen, muss in den Wingerten gar mit Knallerei vergrämt werden. Da sollte das fehlende Insekt, der nicht mehr vorhandene, dicke, fette Käfer doch nicht so dramatisch sein. Falsch. Denn während der Brut und Aufzucht der Jungen sind Insekten mit ihrem Chitin-Panzern als Kalk-Lieferanten auch beim Star nicht zu ersetzen. Und noch eine Bürde plagt den Vogel des Jahres 2018. In aufgeräumter Landschaft findet er immer weniger Gestrüpp oder Bäume, die ihm Bruthöhlen bieten. Der rund 22 Zentimeter große Vogel mit dem purpur-glänzenden Gefieder, dem kurzen Schwanz und dem langen Schnabel ist deshalb dem Menschen in die Siedlungen gefolgt. Dort zieht er problemlos sein Jungvolk in Löchern unterm Dach auf. Bedauerlicherweise ist der Mensch auch hier schon wieder eingeschritten, hat seine Gebäude akribisch saniert. Kein Loch mehr in Sicht. Der Lebensraum ist also wieder bedroht. Der Nabu ruft deshalb dazu auf, Starenkästen (mindestens vier Meter über dem Boden) aufzuhängen und im Garten wieder mehr Natur und Unaufgeräumtheit zuzulassen.