Haßloch
Hochwasserschutz: Wie die Bürger gleich doppelt profitieren sollen
„Als die Feuerwehr erstmals alarmiert wurde, um ein Einfamilienhaus im Bruchhof einzudämmen, ahnten wohl die wenigsten, was im Verlauf der restlichen Wochentage noch auf sie zukommen würde“, schrieb ein RHEINPFALZ-Redakteur im Jahr 1979 über die Hochwasserkatastrophe in Haßloch. „Die Lage schien sich beruhigt zu haben, bis sich am Donnerstag die Fluten dem Bereich des Großdorfes näherten und einen Einsatz der Feuerwehr rund um die Uhr erforderlich machten.“
Dammbrüche, überflutete Straßen, Stromausfälle, vollgelaufene Keller – was sich damals über Haßloch ergoss, waren sintflutartige Regenfälle, die das ganze Dorf lahmlegten. Auch im Industriegebiet standen Lastwagen bis zum Auspuff im Wasser. „Mittels einiger Fuhren Rheinsand und großer Folien wurden Wälle errichtet, um das Hochwasser von Wohngebäuden und Lagerhallen abzuhalten“, schreibt der Autor weiter.
Ergänzung zur Rehbachverlegung
Fast fünf Jahrzehnte später wird in Haßloch wieder über Dämme gesprochen, diesmal nicht in hektischer Eile, sondern als Teil eines langfristigen Schutzkonzepts. Was einst improvisiert wurde, soll nun dauerhaft halten. Das Hochwasser- und Starkregenvorsorgekonzept der Gemeinde soll Überschwemmungen aus Rehbach und Speyerbach ebenso verhindern wie Schäden durch Starkregen.
„Die neuen Dämme ergänzen die bereits umgesetzte Rehbachverlegung südlich von Haßloch und sind ein weiterer wichtiger Baustein im Hochwasserschutz für unsere Gemeinde“, erklärte der Erste Beigeordnete und Bau- und Umweltdezernent Carsten Borck (parteilos) bei der Übergabe des Förderbescheids durch Staatssekretär Erwin Manz (Grüne) vom Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz. Das Projekt kostet insgesamt rund 1,14 Millionen Euro, das Land übernimmt 683.400 Euro, also 60 Prozent. „Das ist die Höchstfördersumme für den technischen Hochwasserschutz. Mehr geht nicht“, sagte Manz.
Vorbereitungen bereits im Gange
Geplant sind zwei neue Dämme, um das Industriegebiet Süd zu schützen. Der kleinere Damm, 60 Meter lang und 90 Zentimeter hoch, wird zwischen dem südlichen Rand des Industriegebiets und der Kreisstraße 14 entstehen, der größere mit einer Länge von 310 Metern und einer Höhe von 1,20 Metern wird von der Obermühle am westlichen Rand des Industriegebiets entlang nach Süden verlaufen. Beide Bauwerke sind so ausgelegt, dass sie auch ein sogenanntes hundertjähriges Hochwasserereignis bewältigen können. Damit soll das Industriegebiet Süd künftig zuverlässig geschützt sein.
Bevor gebaut werden kann, wurde bereits einiges vorbereitet. Zaun-Eidechsen wurden eingefangen und umgesiedelt, Bäume auf mögliche Fledermausquartiere überprüft. Westlich und südlich des Industriegebiets mussten Anfang des Jahres Bäume gefällt werden, um den nötigen Raum für den Dammbau zu schaffen. „In den betroffenen Bereichen gibt es einfach nicht genug Freiflächen“, argumentierte die Verwaltung damals mit Blick auf die Kritik, dass in den Waldbestand eingegriffen werde. Grundsätzlich, sagt Borck, sei das Verständnis für Hochwasserschutz in der Bevölkerung jedoch gewachsen – der Widerstand falle deutlich geringer aus als noch vor einigen Jahren.
Klarer Zeitplan und langfristige Perspektive
Der aktuelle Zeitplan sieht vor, dass die Planung bis Oktober abgeschlossen wird, die Ausschreibung zu Jahresbeginn erfolgt und der Bau im Frühjahr 2026 startet. „Damit haben wir eine klare Perspektive“, sagte Borck. Der vollständige Schutz werde allerdings erst dann greifen, wenn auch die noch ausstehenden Maßnahmen des Landkreises umgesetzt sind. Laut Verwaltung ist für den Bereich Rehbach, von der Gemarkungsgrenze Neustadt bis zur Obermühle, ein weiteres Projekt zum Schutz der westlichen Ortslage in Planung.
Bürgermeister Tobias Meyer (CDU) betonte die Bedeutung der Maßnahme für die Bürgerinnen und Bürger: „Hochwasserschutz ist das eine, aber er wird für die Menschen ganz praktisch“, sagt er. „Wir hoffen, dass die Bürger das am Ende auch im Geldbeutel spüren.“ Denn bislang gilt Haßloch als Hochwassergebiet und das führt zu hohen Versicherungsprämien. „Wenn das Risiko sinkt, können die Beiträge fallen“, so Meyer.
Besonders wichtig sei der Hochwasserschutz mit Blick auf die geplante Entwicklung des ehemaligen Industriegebiets zu einem Mischgebiet, in dem künftig auch Wohnen möglich sein soll, ergänzte Borck. „Wer dort später lebt, wird unmittelbar vom neuen Hochwasserschutz profitieren.“
Neue Herausforderungen durch Klimawandel
Hochwasserschutz habe in Rheinland-Pfalz eine lange Tradition, betonte Staatssekretär Erwin Manz. „Rhein und Mosel haben immer wieder große Katastrophen gebracht, und dort wurde viel investiert.“ Heute aber seien durch den Klimawandel alle Gebiete durch Starkregen, Sturzfluten und lange Regenperioden betroffen. „Die Gefährdung endet nicht mehr an den großen Flüssen. Starkregen kann überall zuschlagen.“
Deshalb setze das Land auf ein umfassendes Hochwasser-Risikomanagement – von der Vorsorge über den Ernstfall bis zur Nachbereitung. Ein zentrales Element sei das neue Landeswassergesetz, das derzeit im Parlament beraten wird. „Man kann sagen, es ist im Kern ein Hochwasserschutzgesetz“, erklärte Manz. „Wir wollen Überschwemmungsgebiete klar ausweisen und Gewässerrandstreifen besser schützen. Dort dürfen keine Ablagerungen oder Bauten entstehen, denn das führt im Hochwasserfall schnell zu gefährlichen Rückstaus.“ Das habe die Ahrtalkatastrophe schmerzhaft gezeigt.
Neben dem technischen Schutz setzt Rheinland-Pfalz verstärkt auf natürliche Maßnahmen. Dazu gehörten Rückhalteflächen, geschlossene Entwässerungsgräben, die Renaturierung von Auen und eine bessere Versickerung des Regenwassers in der Fläche. „So ein Beispiel ist Haßloch“, sagte Manz. „Der Rehbach wurde aus seiner künstlichen Trasse in die natürliche Tieflage verlegt. Wenn Hochwasser kommt, kann sich das Wasser dort ausdehnen. Wo das nicht reicht, helfen technische Bauwerke wie die neuen Dämme.“