Haßloch RHEINPFALZ Plus Artikel Hendrix auf der Viola

Spannten einen weiten Bogen von Barock bis Rock: Bratscher Nils Mönkemeyer und Lautenist Andreas Arend mit seiner Lyra Polyversa
Spannten einen weiten Bogen von Barock bis Rock: Bratscher Nils Mönkemeyer und Lautenist Andreas Arend mit seiner Lyra Polyversalis im Haßlocher Kulturviereck.

Bratscher Nils Mönkemeyer ist ein Klassik-Star. Im Haßlocher Kulturviereck wirbelte er zusammen mit Andreas Arend durch die Musikgeschichte.

Da waren barocke Teufelstriller zu hören. Aber auch rockige Riffs und Entspannungsmusik von Erik Satie. Ein neues Instrument für Alte Musik kam zum Einsatz – sowie eine Wäscheklammer aus dem Publikum. Ein Coup! Anders kann man das nicht nennen. Hinter dem Namen „Dubbeschubser“ würde man jetzt nicht von vorneherein hochmusische Ambitionen vermuten. Trotzdem ist es dem erst vor einem Jahr gegründeten Haßlocher Verein gelungen, mit dem Bratscher Nils Mönkemeyer jetzt einen veritablen Klassikstar ins Großdorf zu lotsen.

Mönkemeyer, 1978 in Nordrhein-Westfalen geboren, hat es in den vergangenen 15 Jahren geschafft, sein von den meisten Komponisten eher stiefmütterlich behandeltes Instrument, die Viola, ins solistische Rampenlicht zu rücken. Und das vor allem mit meisterlichen Transkriptionen von Werken, die ursprünglich gar nicht für die Bratsche geschrieben wurden. Seit 2009 ist er bei einem der großen Klassiklabel unter Vertrag. Seine Discographie ist stattlich, drei seiner Alben wurden mit einem Echo-Klassikpreis geadelt.

Lyra statt Theorbe

Im Haßlocher Kulturviereck trat Mönkemeyer am Karsamstag zusammen mit dem befreundeten Lautenisten Andreas Arend auf, mit dem er zum Beispiel auch das Programm des 2018 veröffentlichten Albums „Baroque“ realisierte. Arend ließ die angekündigte Theorbe, die barocke Erzlaute, zu Hause und spielte in Haßloch stattdessen ausschließlich auf der sogenannten „Lyra Polyversalis“, einem Instrument, das er während der Corona-Zeit selbst erfunden hat, halb Gitarre, halb Gambe, mit sechs Saiten, die wahlweise gezupft oder gestrichen werden können. Mönkemeyer seinerseits griff für seine Bratsche nicht zum herkömmlichen modernen Bogen, sondern zum dezent anders geformten Barockbogen.

Barocker Wirbelwind

Mit Hilfe dieses instrumentalen Rüstzeugs absolvierten die beiden Musiker einen fantastischen Ritt quer durch die Musikgeschichte, von Barock bis Rock und wieder zurück. Wobei man so einiges über musikalische Wahlverwandtschaften lernen konnte. Die meditative, von einem wellenartigen Grundmotiv geprägte „Badinage“ des am Hofe des französischen Sonnenkönigs tätigen Gambisten Marin Marais zum Beispiel ließen Mönkemeyer und Arend sinnigerweise mit dem Spiritual Jazz eines John Coltrane korrespondieren, dessen Stück „Naima“ sie ganz wunderbar auf ihre Instrumente übertrugen. Etwas später machten sie dann hörbar, wie sehr sich ein Presto-Satz des Venezianers Antonio Vivaldi und die volkstümliche Tarantella in tänzerischer Rasanz ähneln können.

Höhepunkt im ersten Teil des Abends war definitiv jenes Medley, in dem Mönkemeyer und Arend Musik von Jimi Hendrix mit einem weiteren, nun aber schnellen Charakterstück von Marin Marais fusionierten. Da wurde geschrammelt, was das Zeug hält. Mönkemeyer traktierte die Saiten seiner Viola, die stellenweise auch als Perkussionsinstrument herhalten musste, Arend fetzte über seine Lyra. Am Ende, als Hendrix im „Tourbillon“, dem Wirbelwind, von Marais aufging, sah das fast aus, als wolle man einen Geschwindigkeitsrekord in Sachen Tonerzeugung aufstellen.

Spieltechnisches Erlebnis

Mithin war dieser Abend auch ein spieltechnisches Erlebnis. Nicht nur durch Arends Lyra Polyversalis, die ein kurioses neues Ding in der Alte-Musik-Szene ist, sondern auch durch Mönkemeyer selbst: Durch die vertrackten Teufelstrillerkaskaden eines Giuseppe Tartini fingertänzelte der Bratscher mit stupender Virtuosität. Den einen oder anderen Schlussakkord servierte er, verschmitzt lächelnd, mit quecksilbrigen Flageoletttönen, die das Alte sofort ins Moderne katapultierten. Und die enorme sangliche Qualität seines Spiels trat unter anderem in einer Transkription von Erik Saties erster „Gnosienne“ für Klavier zutage, einem Stück, das durch die Klangfarben von Bratsche und Lyra ungemein gewinnt.

Besonderen Charme erhielt der Abend nicht zuletzt dadurch, dass die beiden Musiker ihr Programm klug und witzig moderierten. So erfuhr man unter anderem, warum es unbedingt der Wäscheklammer einer Dame aus dem Publikum bedurfte, um die Bratsche für das Eröffnungsstück – Marais’ „La Guitare“ – lieblicher und mehr nach Gambe klingen zu lassen.

Skurriles Husarenstück

Andreas Arend baute außerdem in die zweite Hälfte eine Lesung aus einem Text des österreichischen Dichters H.C. Artmann (1921 bis 2000) ein: „Von einem Husaren, der seine guldine Uhr in einem Teich oder Weiher verloren, sie aber nachhero nicht wiedergefunden hat“ ist ein schnurriges kleines Sprachkunstwerk, eine literarische Pastiche, die barocke Dichtung imitiert, tatsächlich aber aus den 1970er-Jahren stammt. Mönkemeyer griff die barocke Rückstilisierung des Artmann-Textes auf, indem er ihn mit Stücken aus Johann Sebastian Bachs erster Suite für Cello solo garnierte. Übersetzt auf die Bratsche, versteht sich.

Dieses skurrile literarische Intermezzo war das i-Tüpfelchen in diesem Haßlocher Kammermusikabend, den man in dieser Qualität und Originalität wohl eher bei den Schwetzinger Festspielen oder dem Musikfestival „Heidelberger Frühling“ erwarten würde.

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