Neustadt Heiteres zur Pubertät

Deidesheim. Fast wäre Matthias Jung Lehrer geworden. Doch bevor der Diplom-Pädagoge hätte tätig werden können, habe ihn die Bühne gerufen. Am Samstagabend war es die des Deidesheimer Boulevardtheaters.
Bei den Deidesheimer Lachtagen unterhielt Jung leger in Schlabbershirt und Jeans seine Gäste in einer Mischung aus „Einmannshow“, unterhaltsam plätschernder Comedy und etwas Unterricht der saloppen Art zum unerschöpflichen Thema „Generation Teenitus – Pfeifen ohne Ende“. Neue, bahnbrechende „wissenschaftliche“ Erkenntnisse gab es zwar keine in der Stadthalle Paradiesgarten, dafür aber eine Menge „Szenen“ mit Wiedererkennungswert und der beruhigenden Erkenntnis, dass pubertäre Schrecken meist vorbei gehen. Weltuntergangsstimmung, euphorische Höhenflüge zur ersten Liebe, motzige Wortkargheit, theatralische Verzweiflungsszenen und Stylingwahn contra Hygienemuffligkeit. Irgendwann erwischt sie jeden, manche sogar mehrfach, und begegnen kann man ihr nur mit Geduld, Humor und nimmermüdem Einsatz. Die Rede ist von der Pubertät, durch die man sich anstrengenderweise nicht nur selbst entwickeln muss, sondern die sich dann auch noch unerbittlich bei eigenen und fremden Kindern wiederholt. Jung als „Fastlehrer“ schöpft er aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz. Der entwickelt sich sogar dann weiter, wenn er die Sprache der Jugendlichen und Teenager nicht immer auf Anhieb versteht. Denn Jung ist neugierig und lernfähig. Wie seine Zuschauer auch. Mal gibt’s Zwischenapplaus, dann wieder zustimmendes Gemurmel, lautes Gelächter oder Zwischenrufe. Nicht nur ständiges Smartphonegedaddel fordert nervlichen Tribut von den Erwachsenen, auch Naturalieneinkäufe wie Kaffeevariationen und Törtchen mit von Jugendlichen verinnerlichten Anglizismen bedeuten Herausforderungen. Selbst aus Wandern wird ein „Chillen to go“. Gekauft und kommuniziert wird daueronline über Internet, Soziale Medien und viel „GeAppe“. Jung gedenkt seiner eigenen ruhigen Jugend mit Szenenbeschreibungen zum heimischen Familienleben, wo er mit seinem Vater noch zum Fußballspielen gegangen sei. Wer hier als Jugendlicher von den Eltern zum Abendprogramm in Deidesheim „durfte oder musste“ und zudem noch in der ersten Reihe sitzt, der wird nun schon mal zum ein oder anderen Thema von der Bühne runter nach seiner Meinung gefragt, auch wenn er längst die Arme fest vor dem Körper mit leicht abweisendem Gesichtsausdruck verschränkt hat. Da ist Jung „gnadenlos dynamisch“, obwohl er es sonst seiner eigenen Aussage nach schon seit seiner Jugend und dem „Mofa mit Stützrädern“ eher langsam liebt. Große Heiterkeit entfacht das Thema Hygiene, das Jung weit fasst. Nicht nur schlechte Luft aufgrund der Ausdünstungen Jugendlicher ist Thema, auch Lerneinheiten zur Zimmerordnung, zum „Türenschmeißen“ und gegen asthmatische Bettwanzen stehen auf dem Programm. Untermalt werden Jungs Ausführungen von Seitenhieben auf exotische Namensgebungen, die nach erster Überforderung bei den Pubertierenden zu ungeahnter Kreativität führen. Da kommt Hoffnung auf, dass bei diesen Neuschöpfungen intellektuelle Weiterentwicklung folgen kann, ist doch oft zunächst der hormonüberfrachtete Körper entwickelt, bevor die „Baustelle Gehirn“ hinterherkommt. Jung hat mittlerweile nicht nur ein Buch geschrieben, sondern bietet auch an, in Schulen zu kommen, um Mut zu machen zur individuellen Berufswahl nach dem Motto „du hast die unerschöpfliche Fähigkeit, deine Zukunft selbst positiv zu gestalten“. Es ist die Mischung von ironischer Überzeichnung bei gleichzeitig wohlwollend liebevollem Verständnis, die aus Informationen, Comedy und Poetry bei den Gästen gut ankommt und die Schwierigkeit zwischen Anpassung und Abgrenzung Jugendlicher deutlich macht. Eine unterhaltsame Zugabe gewährt Jung. |aew