Neustadt Haydn trifft Hendrix

Neustadt-Mussbach. Zwischen Avantgarde, Klassik und Pop bewegte sich der Cellist und Komponist Burkard Maria Weber in seinem Konzert am Sonntag im Herrenhof Mußbach zusammen mit dem Ensemble Celloland – und außerdem mit einem Kinder-Cello-Ensemble, dessen Teilnehmer zuvor mit ihm in einem Kinder-Kompositionskurs neue Töne entwickelt hatten.
Alles fließt, nichts muss festgelegt sein, Klassik muss man nicht „klassisch“ spielen, Rockmusik ist „klassischer“ Sorgfalt bei der Ausführung wert, und Avantgarde muss kein Schrecken für Konzertbesucher sein, sondern geht auch unterhaltsam. So etwa könnte man das Konzert am Sonntag auf den Punkt bringen. Als Symbol für diese Form der Kreativität gilt dem Musiker das Wasser, so leitete er das Konzert, dem er bezeichnenderweise den Titel „Entre deux mers“ (Zwischen zwei Meeren) gegeben hat, mit einer Lesung von Texten, meist Gedichten, zum Thema Meer ein. Kerstin Bachtler hatte sie, quer durch viele Jahrhunderte, zusammengestellt und trug sie so vor, dass man glaubte, den Sturm zu spüren und Salzwasser und Tang zu riechen. Zuvor aber waren die Kinder an der Reihe: Acht hatten sich mit Weber in einem Kompositionskurs versucht und Klänge für Cello und Percussion entwickelt. „Es ist wie ein neues Land“, meint ihr Lehrer. Grundlage war der spielerische Umgang mit dem Instrument und seinen Möglichkeiten, Töne zu entwickeln, mit dem Bogen, mit den Handflächen, mit kleinen Percussion-Instrumenten. Es scheint Spaß gemacht zu haben, das sah man den jungen Musikern an. „Mood for movies“ war dann die erste eigene Komposition Webers, für Cello, Gitarre und Kontrabass, die in der Melodik deutlich seine Liebe zur Barockmusik anklingen ließ. „Erst waren es Teile, dann fügten sie sich zusammen wie ein Film“, erklärte er den Titel. Einem der Wegbereiter der Moderne, Erik Satie, erwies er seine Reverenz mit der ersten „Gnossienne“. Etwa um 1890 komponiert für Klavier, wurde sie hier für Cello, Gitarre und Kontrabass umgesetzt. „Route 44“ („Route 66 war mir zu abgegriffen“) schlug mit seiner starken durchgehenden Rhythmik – ohne Percussion nur mit Cello, Gitarre und Bass – bereits die Brücke zur Rockmusik. Die wurde noch tragfähige mit „Share your dreams“. Hier kam das Elektro-Cello zum Einsatz, begleitet von Bass und Schlagzeug, und der klare, starke Sopran von Sängerin Karien Anna Weber gliederte sich wie ein weiteres Instrument ins Ensemble ein. Weber ist nicht nur beeinflusst von Bach, sondern auch von Jimi Hendrix. „Mich fasziniert sein damals ganz neuartiger Umgang mit dem Instrument“, sagt er. Den Rock-Klassiker „Little Wing“ spielten Weber und „Celloland“ dann ganz „klassisch“, ohne Elektronik mit Cello, Gitarre, Kontrabass, Sopran und einem zurückhaltendes Schlagzeug. In der zweiten Halbzeit gab’s mit der gleichen „klassischen“ Besetzung noch „Purple Haze“ - eine ganz neue „Hendrix-Experience“. Aber Weber kann einen Klassiker wie Haydn auch in einen Rockstar verwandeln, und das steht dem alten Herrn gar nicht schlecht: Als „Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Joseph Haydn“ stellte Weber ein Rockfeuerwerk mit Elektro-Cello und Schlagzeug vor, in das er eine Kadenz aus einem Cellokonzert des „Klassikers“ verwandelt hatte. Und noch eine weitere „Zusammenarbeit“, dieses Mal zu dritt, mit Hendrix: So wie der einst das „Star Spangled Banner“, die US-Nationalhymne, verwandelte, tat es ihm Weber mit der deutschen nach, deren Melodie ja von Haydn stammt. Da kamen auch Loop- und Hall-Effekte dazu, auf das Zertrümmern des Instruments verzichtete er aber. Immerhin riss mal eine Cello-Saite. Einige weitere Eigenkompositionen variierten virtuos Webers spielerischen Tanz mit den Gattungen, der so wohltuend Schubladen-Denken konterkariert.