Neustadt Haus für festliche Musik
«Deidesheim». Mit minutenlangem Beifall endete am Samstagabend in der katholischen Pfarrkirche St. Ulrich in Deidesheim das Abschlusskonzert des 20. Deidesheimer Musikherbstes. Mit beeindruckender Dichte und Schönheit hatten das Palatina-Klassik Vokalensemble und das Palatina-Klassik Brassensemble unter der Leitung von Leo Kraemer „Venezianische Mehrchörigkeit. Musik aus San Marco“ vorgestellt.
Dass die Werke der venezianischen Mehrchörigkeit – eine Richtung, die sich Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien entwickelt hatte – und Kompositionen aus ihrem Umfeld an diesem Abend eine ganz besondere Klangfülle entfalten können, ist auch der Akustik in der Kirche St. Ulrich zu verdanken. Leo Kraemer beschreibt sie als Raum mit einem musikalischen Ambiente, in dem sich besonders „die festliche Musik zu Hause fühlt“. Dieses Gefühl überträgt sich auch auf die Besucher. In Abänderung des Programms hat Kraemer, der auch das Cembalo spielt, eine Bläsersuite des franko-flämischen Instrumentalisten und Komponisten Tielman Susato an den Anfang gesetzt. Das Palatina-Klassik-Brassensemble spielt drei der fünf Tänze. Festlich und klar setzten beim ersten die Bläser ein, heben Motivwiederholungen durch unterschiedliche Lautstärken hervor. Der zweite Tanz erinnert an ruhig dahinfließende volkstümliche Weisen, der dritte könnte mit seinen ausgeprägten Hornklängen und modern anmutenden Elementen auch bei einer Jagdgesellschaft am Waldrand angesiedelt sein. Die rhythmische Bewegung mit ihren an- und abschwellenden Stimmen sehr stark herausgearbeitet haben Chor und Bläser auch in der folgenden doppelchörigen Motette „Jubelt dem Herrn“ von Giovanni Gabrieli. Johann Pachelbels „Singet dem Herrn“ ist dagegen zu Beginn ein sehr fröhliches Gotteslob, leicht und voller Freude, sehr akzentuiert gesungen und zurückhaltend von den Bläsern begleitet. Erst nach und nach verkehrt sich die Heiterkeit zu breiten Klängen, gerade so, als solle der Glaube in seiner Tiefe und Festigkeit bestätigt werden. Wie unterschiedlich Gotteslob ein und derselben musikalischen Epoche und Stilrichtung ausfallen kann, zeigt auch das mächtige „Laudate Dominum“ für Chor von Giovanni Pierluigi da Palestrina, der wiederum in der Nachfolge des franko-flämischen Stils steht. Eingebettet hat Kraemer das Gotteslob zum Teil in zwei Sätze aus Samuel Scheidts „Gaillard battaglia“, der „Battle Suite“ für Bläser. Ein beeindruckendes Werk, in dem die Trompeten an den Aufbruch in eine Schlacht erinnern, an Fanfaren, begleitet von Hufgetrappel. Klingt im ersten Satz noch Siegesgewissheit an, setzt der zweite so langgezogen und schleppend ein, als senke sich ein Schleier über das Geschehen. Die Musik gewinnt etwas Tröstliches, bevor sie sich zu einer lautstarken Beschwörung steigert. Ganz verschiedene Ausprägungen liturgischer Gesänge zeigen sich auch mit Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei aus Giovanni Croces stimmgewaltiger „Missa sexti toni für Bläser und fünfstimmigen Chor“. Übertroffen wird diese Tonfülle noch von Kyrie und Sanctus aus der zweiten großen Messe von Anton Bruckner aus dem 19. Jahrhundert. Kraemer lässt den Klang von Chor und Bläsern beim Kyrie anschwellen wie einen Sturm, der in einem gequälten Schrei gipfelt, das Sanctus klingt nach beinahe wütender Überzeugung, in die wie aus einer anderen Welt einige Cembalo-Takte mit Jazz-Charakter fallen. Sehr viel versöhnlicher, doch ebenfalls von faszinierender Klangfülle, untermalt von den Bläsern, beschließt der Chor das einstündige Konzert mit Claudio Monteverdis „Magnificat“ aus der Marienvesper, eine für die damalige Zeit hochmoderne Komposition, die bis heute nichts von ihrer Kraft und Schönheit verloren hat.