Geschichten aus der Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Hans Ruff – der Improvisationskünstler der Spiele 1972

Der ehemalige Handball-Nationalspieler Hans Ruff und seine Frau Brigitte zeigen Erinnerungsstücke von den Olympischen Spielen 19
Der ehemalige Handball-Nationalspieler Hans Ruff und seine Frau Brigitte zeigen Erinnerungsstücke von den Olympischen Spielen 1972.

Vor 50 Jahren waren die Olympischen Spiele in München zugange. Viele Menschen aus der Pfalz nahmen daran teil. Sportler, Betreuer und Funktionäre. Einer davon war Hans Ruff, der beim Einmarsch der Nationen zu einer wichtigen Aufgabe kam.

Eröffnungs- und Schlussfeier waren bei den Olympischen Spielen 1972 in München fest in pfälzischer Hand. Gut geplant ist halb, aber eben nicht ganz gewonnen. Weil es bei der Generalprobe beim Einmarsch der Teilnehmer – geübt mit Bundeswehrsoldaten – drunter und drüber ging, musste der Chef der Leitzentrale, der Haßlocher Siegfried Perrey, handeln. Ordnung musste her, das Fernsehen übertrug live. Es musste alles passen.

„Wenn einer das von der Nervenstärke kann, dann ist das der Hans Ruff“, sagte Perrey in Ruffs Erinnerung und gab ihm einen Spezialauftrag. Angebrachte Markierungen zum Aufstellen der Länder, festgelegte Abmarschzeiten – alles war nur noch Makulatur, weil eben die Teams mit anderen Kopfzahlen kamen als ausgemacht. „Ich stand am Marathontor, am Eingang zum Stadion, hatte das hellblaue Jackett und graue Hosen an und eine Sonnenbrille auf. Alle wussten, auf diesen Mann mit Sonnenbrille, auf dessen Kommandos, ist zu achten und zu hören“, erzählt Ruff, der Mann der Improvisationskunst, heute. Die ganze Welt hatte zugeguckt, „leider haben wir die Zeitung nicht mehr, in der mein Mann mit seiner Aufgabe abgebildet war“, sagt Ruffs Frau Brigitte. Aber das Ehepaar Ruff aus Ruchheim, er bald 89, sie bald 83, hat noch viele Kleinigkeiten und wichtige Unterlagen und holt sie herbei. Bücher, Zeitungsartikel, den Ausweis zum Beispiel, aus heutiger Sicht ein sehr schlicht gehaltener. „Er war der Türöffner für alles“, sagt Ruff.

Weltmeister als Feldhandballer

Hans Ruff war 1955 Weltmeister mit den deutschen Feldhandballern und Siegfried Perrey neben Fritz Fromm einer der beiden Trainer. Perrey hatte sieben Handball-Weltmeister ins Organisationsteam geholt, darunter den berühmten Bernhard Kempa und Hans Ruff, aber auch Otto Weber, Chef von ABC Ludwigshafen, und Erich Reimann, Ludwigshafens Sportbürgermeister und Perreys Saunafreund, sowie andere Pfälzer.

Zu seinem Spezialauftrag war Ruff kurzfristig gekommen, „es gedenkt mir ewig, nach regnerischen, kühlen Tagen war der Himmel plötzlich blau“, sagt Ruff. Er hatte täglich die Hände voll zu tun, zog von Sportstätte zu Sportstätte, schaute nach dem Rechten. Als Kontrolleur. Kamen die Athleten rechtzeitig an? Können die Wettkämpfe rechtzeitig beginnen? In der Basketballhalle war eines Tages die Anzeigetafel heruntergefallen. Kein Problem für Ruff & Co. Hans Ruff war schon zwei Wochen vor Beginn der Spiele unten, wohnte in Pfaffenhofen wie all die anderen, hatte seinen Urlaub geopfert, wurde zu Teilen von der BASF freigestellt, zu der er 1948 nach dem Explosionsunglück gekommen war.

Tolles Erlebnis für Ruffs Ehefrau

„Es war eine harte Zeit für mich mit den Kindern. Der eine wurde eingeschult, der andere ging damals gerade aufs Gymnasium“, erinnert sich Brigitte, die auch den olympischen Geist aufsog. Zum Beispiel beim Vorlauf des Mit-Ruchheimers Alois Bierl, des späteren Ruder-Olympiasiegers. „Ich bin am 10. September, einem Sonntag, wieder runtergefahren und am 15. September heim“, sagt Brigitte. An seinem 39. Geburtstag. „Ich hatte ein tolles Erlebnis. Ich war dabei, als Wilfried Dietrich den Taylor umgeschmissen hat, ich habe so was noch nicht gesehen. Ich habe das Bild ewig vor Augen“, fährt sie fort.

Das Attentat

Unvergessen: natürlich das Attentat. „Hans hatte jeden Morgen angerufen, nur an diesem 5. September nicht, das war mir komisch“, erinnert sich Brigitte Ruff. Er ergänzt: „Wir mussten fortan überall, an jeder Sportstätte, jeden Stein umdrehen. Bei der Trauerfeier, da stand ich mit anderen als Schutzschild der israelischen Mannschaft im Stadion.“ Sie war am 6. September, die Spiele endeten einen Tag später als geplant. Hans Ruff hielt es für richtig, dass es weitergeht. „Ein Abbruch? Nein, das wäre unvollendet gewesen. Die Athleten wollten, dass es weitergeht“, sagt er. Natürlich stand er auch bei der Schlussfeier seinen Mann. Er organisierte den minutiösen Ausmarsch der Nationen, was denn sonst.

„Es war schon toll, was sie da in München geschaffen haben, das Olympiadach, das Dorf mit der Idee, dass es später ein Wohnviertel wird. Wenn ich mir ansehe, wie lange sie heute brauchen, um einen Flughafen zu bauen“, schwärmt Hans Ruff.

Seine Frau sagt: „Er geht heute noch darin auf, wenn er davon erzählt. Er zehrt heute noch davon. Und für mich war das ein Traum.“ Stolz zeigen beide die Widmung von Siegfried Perrey in einem pompösen Olympiabuch. Brigitte Ruff: „Er reißt mich mit, ist die treibende Kraft.“ In einem Jahr wird Hans Ruff, der Feldhandball-Weltmeister von 1955, 90 Jahre alt.

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