Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Handwerker: Durch Selbstständigkeit mehr Zeit für die Familie

Florian Wilhelmy (rechts) und sein Kollege Nikolas Freitag haben viel zu tun. Auf einer Baustelle sägen sie die neue Schwelle fü
Florian Wilhelmy (rechts) und sein Kollege Nikolas Freitag haben viel zu tun. Auf einer Baustelle sägen sie die neue Schwelle für das Dach eines 400 Jahre alten Fachwerkhauses zu.

Handwerker sind aktuell überaus begehrt. Das spielt dem Mußbacher Florian Wilhelmy in die Karten. Denn der Zimmerermeister, der in den sozialen Medien stark aktiv ist, hat sich kürzlich selbstständig gemacht. Trotzdem hat er mehr Zeit für die Familie.

Das Telefon von Florian Wilhelmy steht kaum noch still. Nicht nur aus der Region erreichen ihn Anfragen, ob er Zimmerer-Arbeiten übernimmt. Auch aus Hamburg oder München melden sich Menschen. Und selbst die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat Kontakt zu dem Mußbacher aufgenommen und gefragt, ob er ein Auslandsprojekt übernehmen würde.

Dass er über die Grenzen der Pfalz hinaus auf Interesse stößt, hängt vor allem mit dem Internet zusammen. Während der Zimmerermeister noch in einer großen Zimmerei in der Region gearbeitet hat – im Januar 2020 machte er sich darüber hinaus nebentätig selbstständig –, veröffentlichte er Lehrvideos auf Instagram zum Beispiel darüber, wie man Hölzer anreißt: „Das Video ging durch die Decke. Es haben sich auch einige Firmen bei mir gemeldet, die mit mir kooperieren wollten.“ Gute Bewertungen bei Google tun ein Übriges.

Rund 20.000 Abonnenten

Dabei ist dem 28-Jährigen wichtig, in den sozialen Medien kein geschöntes Bild des Handwerks zu zeichnen, sondern den authentischen Arbeitsalltag darzustellen. Knapp 20.000 Abonnenten folgen ihm allein auf Instagram, wo er als @carpenter_flo aktiv ist. Der schöne Nebeneffekt seines Auftritts: „Ich habe in den vergangenen zwei Jahren einige Nachrichten von jüngeren Leuten bekommen, die ich über meine Videos dazu bewegt habe, ins Handwerk zu gehen.“ Er selbst hat mit einem Schreiner-Praktikum angefangen, wobei es ihm nicht reichte, nur Türen und Fenster einzubauen. Die Zimmermannsarbeit, bei der er dank einiger Weiterbildungen mit Holz, Blech und Ziegeln arbeitet, ist da schon mehr sein Ding.

Alle Aufträge, die nicht mit seinem Hauptberuf zusammenhingen, wurden zunächst am Wochenende erledigt: Hier baute Wilhelmy ein Dachfenster ein, dort erstellte er ein Carport. Kleinere Reparaturen wurden erledigt. Viele Projekte musste er aus Zeitgründen absagen: „Es geht nun mal nicht, nur an Wochenenden einen Altbau zu sanieren.“

Seit 1. November selbstständig

In seiner ohnehin schon begrenzten Zeit bildete er sich weiter, machte im vergangenen Jahr bei der Handwerkskammer der Pfalz in Kaiserslautern seinen Betriebswirt in der Abendschule. Und das, nachdem er bereits seine Urlaube zwischen 2012 und 2015 für Weiterbildungen geopfert hatte, finanziert über eine Begabtenförderung. Auch privat gab es 2020 mit der Hochzeit und der Geburt seines Sohnes einschneidende Veränderungen. Bei aller Freude darüber, dass es beruflich und zu Hause gut lief: „Diese Zeit war körperlich und auch moralisch anstrengend.“

Der Gedanke der Selbstständigkeit reifte. Seine Frau bestärkte ihn darin, schließlich kann er sich als sein eigener Chef die Zeit frei einteilen. Seit 1. November zieht Wilhelmy sein eigenes Ding durch, startete mit einem Angestellten, seinem Freund Nikolas Freitag. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, was ist, wenn ich ihn nicht bezahlen kann. Aber meine Frau hat mir gut zugeredet“, berichtet der Handwerker. Überhaupt halte sie ihm den Rücken frei, liefere unter anderem Ideen für Instagram-Inhalte.

Dem Rohstoffmangel getrotzt

Bis Mai 2022 hat Wilhelmy Großprojekte im Auftragsbuch stehen, kleinere werden zwischendurch erledigt. Aktuell arbeiten er und Freitag am Dach eines 400 Jahre alten Fachwerkhauses in der Südpfalz. Als „OP am offenen Herzen“ bezeichnet er die Baustelle, das komplette Dach wird gemacht. Denn die tragende Konstruktion ist kaputt, wodurch sich das Dach verschoben hat. Der Dachstuhl soll nicht nur erhalten, er soll auch energetisch saniert werden. „Wir dämmen mit Holzfaser, chemische Dämmstoffe verwenden wir nicht.“ Der ökologische Gedanke ist wichtig.

Doch wie wirkt sich der Rohstoffmangel auf das junge Unternehmen aus? „Für die bestehenden Aufträge sind wir komplett eingedeckt“, so Wilhelmy, der sein Materiallager in Lachen-Speyerdorf hat. „Holz ist wieder zu haben, der Preis ist ein bisschen nach unten gegangen, auch wenn er immer noch hoch ist.“ Für elektrische Dachfenster und Rollläden braucht es jedoch Chips, „da bekommen wir dieses Jahr nichts mehr“. Weil Dachfenster um zehn Prozent teurer würden, habe er bereits welche für seine Projekte im nächsten Jahr gekauft.

Passion Holzbau

Bei seinem jetzigen Fachwerkprojekt hat der 28-Jährige viel mit Eiche zu tun. Mit welchem Holz er arbeitet, ist ihm gleich, denn: „Meine Passion ist der Holzbau, das ist einfach das Schönste, egal ob es sich um Eiche oder um Konstruktionsvollholz aus Fichte oder Tanne handelt.“ Grundsätzlich schätzt er an seinem Beruf die Abwechslung. „Wir haben es mit Dämmungen, Bedachungen oder Dachfenstern zu tun, in Alt- oder Neubauten.“ So sei jede Baustelle anders.

Weil die Arbeit erst mal nicht ausgeht, denkt Wilhelmy schon weiter: Vielleicht, sagt er, stellt er noch einen zweiten Mann ein. Und irgendwann will er den Dachdeckermeister machen.

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