Neustadt Handeln, nicht (nur) reden

Großes Spiel mit sparsamen Requisiten: Pfarrer Nardini (Stefan Wriecz) nimmt einem armen Schuhmacher (Thomas Kölsch) die Beichte
Großes Spiel mit sparsamen Requisiten: Pfarrer Nardini (Stefan Wriecz) nimmt einem armen Schuhmacher (Thomas Kölsch) die Beichte ab.

«Deidesheim». Der Beifall wollte am Dienstag in der Deidesheimer Stadthalle fast nicht enden. Ein begeistertes Publikum erhob sich am Ende des Stücks „Wer die Wahrheit tut“ von seinen Plätzen und applaudierte den fünf Darstellern des „Chawwerusch-Theaters“ aus Herxheim im Stehen für ihre Leistung in dem eigens zum 200. Geburtstag der Neugründung des Bistums Speyer verfassten Schauspiel, bei dem sie in zweieinhalb Stunden über 20 Rollen zu bewältigen hatten.

Das von Danilo Fioriti verfasste und von Jürgen Flügge inszenierte Stück bietet eine Zeitreise in jene Epoche vor 200 Jahren, in der das in den Wirren der Französischen Revolution untergegangene Bistum Speyer wie Phönix aus der Asche neu erstand. Es ist allerdings keine Lobhudelei, sondern spart auch kritische Aspekte nicht aus. Dabei konzentriert das Stück das historische Geschehen in einigen markanten Persönlichkeiten, dem Bischof Nikolaus von Weis zum Beispiel, der beim 800-jährigen Jubiläum des Speyerer Doms 1861 zurückschaut auf die turbulenten Ereignisse des Jahre 1817, als er sich mit seinen Mitstreitern, den Pfarrer Paul Josef Nardini und Franz Tafel, nicht nur den schwierigen kirchlichen Aufgaben, sondern auch großen sozialen Problemen wie Armut, Hunger, aber auch großer Kirchenfeindschaft in der Bevölkerung stellen musste. Denn 1817 lag die Kirche in der Pfalz wirklich am Boden, wurde vom Volk verhöhnt und von den neuen bayerischen Herren obrigkeitsstaatlich drangsaliert. Es kam immer wieder zu Konflikten, denn Hirtenbriefe, Wallfahrten oder sogar das Läuten der Kirchenglocken mussten von staatlichen Stellen genehmigt werden. Kein leichte Aufgabe hatte da der von Michael Hergl gespielte Bischof, dem es aber gelang den bayerischen König Ludwig als wichtigen Mäzen für die Renovierung des Domes zu gewinnen. Hergl spielt den Bischof als gewieften Diplomaten mit profunder Menschenkenntnis, der weiß, was es braucht, um seine Ziele zu erreichen. Und der sich bei seinen Ideen auch nicht von Bürokraten wie dem arroganten bayrischen Regierungspräsidenten Zwack (Monika Kleebauer) aus der Bahn werfen lässt. Kleebauer schlüpft auch in anderen Rollen. Sie verkörpert auch die Ordensschwestern Agathe, die sich dem neuen Orden der „Armen Franziskanerinnen“ angeschlossen hat, einer Gründung des von Stefan Wriecz gespielten Pfarrers Nardini, den die soziale Not so umtreibt, dass er sich schier daran aufreibt. Die Bekämpfung der sozialen Misere war auch das Ziel des Zweibrückers Franz Tafel (Thomas Kölsch). Er aber wählt den politischen Weg, wird zum Demokraten, Anhänger der Revolution und Kirchenkritiker. Doch ein Priester, der nicht nur predigen, sondern die Gesellschaft verändern will, kam auch damals bei den Kirchenoberen nicht gut an. Hier kommt auch der Bischof Weis schnell an seine Grenzen. Nardini wiederum fuhr sogar nach München, um beim Königshaus Hilfe für das hungernde Volk zu erbitten. Für die Majestäten war dieser Mann schwer erträglich, da er ihnen etwas vor Augen führte, was sie lieber links liegen gelassen hätten. Doch Nardini bleibt sich treu, hilft weiter den Bedürftigen und bietet zahlreichen jungen Frauen Obdach in seinem Orden. Eine davon ist Katharina (Hanna Gandor), eine Mutter mit einem unehelichen Kind, die in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts keinen Platz für sich findet. Das Leben im Kloster aber gibt ihr Halt. Sie eignet sich mit viel Intelligenz und Fleiß, Bildung an und wird schließlich eine beliebte und angesehene Nonne, die viel Gutes leistete. Den notleidenden Menschen wurde also letztlich deswegen geholfen, weil jemand „die Wahrheit tat“, wie der Titel des Stücks besagt, und es nicht beim Predigen beließ. Und der Dom konnte nur deswegen in neuem Glanz erstrahlen, weil es Menschen mit Visionen gab und dem Mut und der Ausdauer, ihre Ziele auch zu verfolgen.

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