Neustadt
Haßloch: Spezielles Training beim Leichtathletikclub senkt Blutzuckerwert
Sport mit Handicap: Die Teilnahme am Diabetes-Sport im LC Haßloch macht Laune und kann die Insulinspritze ersetzen. Denn Bewegung ist neben richtiger Ernährung extrem wichtig für Patienten mit Diabetes Typ 2 und senkt deren Blutzuckerwert. Dieser Effekt lässt allerdings schon nach 48 Stunden nach.
„Heute haben wir viele gute Werte“, freut sich Heike Grimm. In der Umkleidekabine der Sporthalle der Haßlocher Schillerschule tritt sie vor dem wöchentlichen Treffen der Diabetesgruppe im LC Haßloch immer als Erstes in Aktion, um die aktuellen Blutzuckerwerte der Teilnehmer festzuhalten. Wenn die Diabetes-Assistentin nach der anschließend von Esther Voigt geleiteten Sportstunde erneut ihre Utensilien auspackt, werden die Zahlen mit großer Sicherheit noch besser sein, denn „das Training hilft wirklich“, betont der 70-jährige Günter. Wie auch der regelmäßig aus Lambrecht anreisende Otto (69), gehört er fast zu den Teilnehmern der ersten Stunde in der von Esther Voigt 2006 aus der Taufe gehobenen Diabetes-Sportgruppe. Die 55-Jährige hatte zuvor bereits eine Herzsportgruppe geleitet und sich danach einer weiteren speziellen Ausbildung unterzogen, bevor sie in Haßloch tätig wurde.
Zwischen den Übungen gibt es immer eine Pulskontrolle
Im Großdorf hatte sich auf Anregung eines örtlichen Arztes zuvor bereits eine Nordic-Walking-Gruppe gebildet, „denn Bewegung ist neben einer entsprechenden Ernährung gerade bei den in der Gruppe überwiegend vertretenen Diabetes-Typ-2-Patienten unheimlich wichtig“, betont Esther Voigt, die dabei die Balance zwischen körperlicher Anforderung und individueller Leistungsfähigkeit der zwischen 60 und 80 Jahre alten Diabetes-Sportler halten muss. Menschen mit Diabetes Typ 2 haben erhöhte Blutzuckerwerte. Der Grund dafür ist eine Insulinresistenz. Die Folgen: Langfristig werden Blutgefäße, Nerven und Organe geschädigt.
Trainiert wird daher ausschließlich im aeroben Bereich, was eine regelmäßige Pulskontrolle zwischen den Übungen notwendig macht. Auch deshalb sollte die Gruppe nicht zu groß werden, um die Übersicht behalten zu können. Voigt: „15 Teilnehmer sind da schon die Grenze.“
Viele Teilnehmer haben sich zuvor nie bewegt
„Wir haben dabei etliche bei uns, die sich vorher nie bewegt haben“, erklären Heike Grimm und Esther Voigt. Dennoch oder gerade deshalb ist bei allen schon in der Umkleidekabine bei den sich langsam sammelnden Seniorensportlern die Vorfreude auf die gemeinsame Bewegungseinheit spürbar. Übungen für Herz und Kreislauf, zur Kräftigung und zum Erhalt der Muskulatur sowie gymnastische Teile bilden später die Hauptinhalte der Stunde, „aber auch das Hirn wird trainiert“, verspricht Voigt. Das einleitende Aufwärmspiel vor dem anspruchsvolleren Zirkeltraining würzen neben der kontinuierlichen Bewegung daher auch kleine Denkaufgaben. Und dabei geht es unter den Teilnehmern locker und lustig zu. „Es ist allerdings nicht ganz so einfach, wie es für Außenstehende manchmal aussieht“, meint Günter, „oft spürt man erst am nächsten Tag, welche Muskeln tatsächlich beansprucht worden sind.“
Vergessen sind die zwischenzeitlichen Mühen aber spätestens dann, wenn nach Ende der Übungsstunde wieder einmal die Blutzuckerwerte nach unten gegangen sind. „Seit ich hier regelmäßig trainiere, muss ich nicht mehr Insulin spritzen, sondern komme mit einer Tablette aus“, berichtet Otto von einer Langzeitwirkung, die auch von den Krankenkassen im Einklang mit gesicherten Erkenntnissen der Medizinern anerkannt wird. Nachgewiesen ist bei Diabetes-Typ-2-Patienten eine Senkung des Blutzuckerspiegels nach körperlicher Aktivität in Kombination mit der Verbesserung der Insulinempfindlichkeit der Zellen. Allerdings sollte, will man den Blutzuckerlangzeitwert HbA1C auch dauerhaft senken, über die wöchentliche Sportstunde hinaus regelmäßige Bewegung Pflicht werden, da der Effekt nach 48 Stunden nachlässt.
Von aktiver Bewegung profitieren zudem auch Diabetes-1-Patienten mit verbesserter Fitness und Stressabbau und der damit einhergehenden Vorbeugung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Diese Patienten sind bei uns aber eher nicht vertreten“, erzählt Esther Voigt.
Mit ärztlicher Verordnung 50 Sporteinheiten kostenlos
Nach einer ärztlichen Verordnung können Diabetes-Patienten 18 Monate lang insgesamt 50 Sporteinheiten kostenfrei besuchen, „ohne dass es das Budget des Arztes belastet“, betont Esther Voigt ausdrücklich.
Die Übungsleiterin legt in ihrer Sportstunde, die vor dem Umzug an die Haßlocher Schillerschule in der Halle der Ernst-Reuter-Schule abgehalten worden ist, und bei der es im Sommer auch mal auf den Platz der Realschule oder auf den Schulhof nach draußen geht, zudem großen Wert auf den sozialen Zusammenhalt in der Gruppe, etwa bei einem Grillfest und der Weihnachtsfeier. Die Blutzuckerwerte werden dann allerdings nicht gemessen, weder vorher noch nachher ...
Die Serie „Sport mit Handicap“
Sport mit Handicap – das sind der erfolgreiche Paralympic-Teilnehmer und körperbehinderte Spitzensportler oder die Starterin bei den weltweiten Special Olympics ebenso wie die Übungsleiter und Teilnehmer an Reha- und Freizeitangeboten sowie an integrativen und inklusiven Sportgruppen. Über die ganze Palette des Angebots in unserer Region will unsere Serie von nun an informieren. Haben wir ein Angebot oder eine(n) Sportler oder einen Verein vergessen? Dann informieren Sie uns per E-Mail unter redneu@rheinpfalz.de rhp