Neustadt Gut gehörnt und gut gebeutelt
Lambrecht muss schon mindestens seit 1534 alljährlich am „Dienstag nach der Pfingst“ einen Geißbock bei dem reichen Nachbarn Deidesheim abliefern. Vorbereitet wird die Übergabe mit einem Heimatabend am Pfingstsonntag im Hof der Lambrechter Grundschule.
Der Bock war in früherer Zeit der Tribut dafür, dass die Lambrechter ihr Vieh auf den Wiesen des Deidesheimer Hinterwaldes weiden lassen durften und die Lambrechter Holz in dem Wald sammeln konnten. Inzwischen dient die Geißbock-Übergabe seit vielen Jahren nur noch der Pflege der Tradition. Der Heimatabend, den die Stadt und der Verkehrsverein Lambrecht ausrichten, beginnt um 17 Uhr mit musikalischen Darbietungen des Musikvereins Esthal. Für die Bewirtung der Gäste sorgen Aktive des Verkehrsvereins Lambrecht. Tradition ist es, dass bei dem Heimatabend ein Spiel, das das historische Brauchtum zum Thema hat, aufgeführt wird. Im vergangenen Jahr war das ausnahmsweise nicht so und der Heimatabend stand deshalb unter dem Motto „Heimatabend einmal anders“. Doch in diesem Jahr wird wieder ein kleines Theaterstück zu sehen sein. „Die Geißbocklieferung mit Hindernissen“ heißt das Stück, bei dem Günter Lauer, langjähriger Regisseur zahlreicher Theateraufführungen in Lambrecht, Regie führen wird. Beim Heimatabend wird der Tributbock an das Ehepaar übergeben, das zuletzt in Lambrecht geheiratet hat. Denn das Brauchtum will es, dass dieses Paar den Tributbock nach Deidesheim bringen und dort abliefern muss. Kathrin Weisbrodt und Michael Mannsmann haben in diesem Jahr die ehrenvolle Aufgabe der Tributbock-Übergabe. Bevor den beiden ihre Aufgabe übertragen wird, werden der Deidesheimer Bürgermeister Manfred Dörr und der Deidesheimer Hof- und Stallviehmeister überprüfen, ob das Tier auch den Anforderungen genügt. „Bene cornutus et bene capabilis“ muss der Bock sein, das bedeutet gut gehörnt und gebeutelt. „In diesem Jahr sieht man das auch, der Bock im vergangenen Jahr hatte ja etwas lange Haare, da war das nicht so gut zu sehen“, sagt der Lambrechter Stadtbürgermeister Karl-Günter Müller. Doch sei der diesjährige Tributbock im Gegensatz zu seinem Vorgänger etwas nervös. Nach der Prüfung muss Michael Mannsmann einen Geleitbrief unterschreiben und verspricht damit, den Geißbock pünktlich und ordnungsgemäß abzuliefern. Über dieses ganze Geschehen wacht der Lambrechter Büttel. In diesem Jahr wird es sogar ein Ehrenbüttel sein. Denn Büttel Sven Sauer ist am Pfingstsonntag aus beruflichen Gründen verhindert. Deshalb springt sein Vater, der frühere Lambrechter Büttel und jetzige Ehrenbüttel Karl Sauer, ein. Am Pfingstdienstag beim Marsch nach Deidesheim und der dortigen Übergabe wird Sven Sauer wieder im Einsatz als Büttel sein. Karl-Günter Müller wird beim Heimatabend Ehepaare ehren, die in früheren Jahren den Bock übergeben haben und bei denen deshalb in diesem Jahr ein Jubiläum ansteht. Vor 60 Jahren haben Robert und Hildegard Sauer den Tributbock nach Deidesheim gebracht. Vor 50 Jahren waren dies Ruth und Heinz Bendenthal und vor 40 Jahren Beate und Rainer Strobel. Früh aufstehen müssen die Lambrechter dann „am Dienstag nach der Pfingst“. Um 5.30 Uhr startet am Friedrich-Ebert-Platz der Geißbock-Marsch nach Deidesheim. (ann)