Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Gustav Rivinius begeistert mit Bachs Cellosuiten in Haardt

Könner am Werk: Gustav Rivinius ließ beim Mandelringkonzert in Haardt das Cello tanzen, hat aber auch einen Sinn für die elegisc
Könner am Werk: Gustav Rivinius ließ beim Mandelringkonzert in Haardt das Cello tanzen, hat aber auch einen Sinn für die elegischen Momente des Bach’schen Opus Magnum.

Sie gelten als musikalische Bibel und absoluter Prüfstein eines jeden Cellisten: Die sechs Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach. Drei davon wurden jetzt am Samstagabend im unlängst zum Konzertraum ausgebauten Gewölbekeller des Anwesens der Familie Schmidt am Haardter Mandelring in einer unvergleichlich vollendeten Weise präsentiert.

Kein Geringerer als der Starcellist Gustav Rivinius, langjähriger Freund des Hauses und an der Seite des „Mandelring Quartetts“ ein immer wieder gern gesehener Gast beim Hambacher Musikfest, erweckte das über 300 Jahre Opus Magnum von Altmeister Bach mit seinem kompromisslos leidenschaftlichen, über alle technischen und musikalische Zweifel erhabenen Spiel zu neuem Leben.

Als Bach komponierte, war das Cello noch ganz neu

Die Geschichte des legendären Pablo Casals, dem 1889 als 13-Jährigem in Barcelona eine alte Ausgabe der Bach’schen Cellosuiten in die Hände fiel, muss um die Anmerkung ergänzt werden, dass sich bereits Robert Schumann für das im 18. Jahrhundert berühmte, danach aber vergessen Lehrwerk interessierte, es gar mit einer Klavierbegleitung versah. Casals allerdings war es, der den hohen, weit über Übungszwecke hinausgehenden Wert des Zyklus erkannte. „Sie waren als Theoriewerk eingestuft worden, mechanisch ohne Wärme. Wie kann man sie nur für kalt halten, wenn sie doch strahlenden Raum und Poesie verströmen“, schrieb er.

Bach erforschte in den phantasievollen Präludien, figurenreichen Allemandes, rasanten Courantes, ländlichen Gigues, anmutigen Menuetten und würdevoll schreitenden Sarabanden die komplette Bandbreite und Farbnuancen der wenige Jahre zuvor von Stradivari entwickelten modernen viersaitigen Form des Cellos. Seine Cellosuiten, und das gilt vielleicht generell für Bach, vertragen viele Interpretationen. Im Wesentlichen lassen sie sich jedoch in zwei Kategorien unterteilen: In eine dem originalen barocken Sound Rechnung tragende und eine romantisierende, die nicht mit Gefühlen spart und versucht, die emotionale Seite Bachs in den Vordergrund zu rücken. Wie es nun dem Preisträger des Internationalen Tschaikowski-Wettbewerbs in Moskau 1990 – Rivinius war der erste deutsche Musiker, der dies hinbekam – gelingt, den Ausgleich zwischen historisch informierter Phrasierung und modernem Klanggeschmack zu finden, ist atemberaubend.

Wie ein Kosmos des ganzen menschlichen Daseins

Ein Mann, ein Cello: Als wäre das Instrument ein organisch und untrennbar mit ihm verbundene Teil seines Körpers und ein Stück seiner Seele, ein Wesen, mit dem er spricht und singt, mit dem er alle Ängste und Freuden teilt. Das infolge der Pandemie nach guter Musik lechzende Publikum saugt die überirdisch schönen Klänge des 56-jährigen Saarländers wie ein trockener Schwamm auf. Es herrscht knisternde Spannung, man hätte eine Stecknadel fallen hören.

Wann und für wen die Cellosuiten entstanden sind, konnte die Musikforschung noch nicht genau herausfinden. Man vermutet, dass sie aus Bachs Köthener Zeit stammen, also zwischen 1717 und 1720, möglicherweise in zeitlicher Nähe zu seinen gleichfalls berühmten Solopartiten für Violine. Ein Autograf existiert leider nicht, dafür aber eine aus besagtem Zeitraum stammende Abschrift seiner Frau Anna Magdalena. Jedenfalls waren sie zu Unterrichtszwecken gedacht – und stellen doch einen gigantischen Kosmos an allem dar, was menschliches Dasein ausmacht.

Es scheint, als wären vier Hände zugleich im Einsatz

Bevor nun Rivinius mit dem Prélude aus der Suite Nr. 1 in G-Dur den ersten Ohrwurm in den Orbit schickt, entschuldigt sich Gastgeber Jörg Sebastian Schmidt für die etwas niedrigen Temperaturen. Aber das Publikum ist gut gerüstet, lässt seine Mäntel und Jacken an oder bedient sich der bereitgestellten Wolldecken. Allein das kompromisslos leidenschaftliche, von purer Spiellust beseelte Spiel von Gustav Rivinius reicht, um die Stimmung im Saal und damit die Körpertemperatur kräftig anzuheizen. Typisch für die Kompositionen für Melodieinstrumente ohne Begleitung ist der Versuch, über ein einziges Instrument Mehrstimmigkeit zu erzeugen.

In diesem Zusammenhang erweist sich das Akkordspiel des Interpreten als unübertroffen brillant, angefangen von der wunderbar kraftvollen, fein abgestuft agierenden Bogenhand bis hin zur lupenreinen Intonation. Es scheint, als wären da mindestens vier Hände gleichzeitig im Einsatz, und es erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit der Mann am Cello mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen den Bogen spielfreudig und temperamentvoll über die Saiten hüpfen lässt, als wolle er mit seinem Cello tanzen, wie etwa in der Suite Nr. 3 in C-Dur. Gelegenheit dazu gibt es viele, denn die Standardsatzfolge wird immer wieder durchbrochen von Menuetten, Bourrées und Gavottes, den damals beliebten Modetänzen.

Vor allem aber sind es die elegischen Momente, die die Herzen des Publikums berühren und die Gustav Rivinius mit einer geradezu himmlischen Ruhe zelebriert, wobei er sich traut, bis an die Grenze des Hörbaren vorzudringen. Die überraschend gute Akustik im Gewölbekeller erlaubt dies. Ein kompositorisches Wunderwerk stellt diesbezüglich die Sarabande aus der Suite Nr. 5 in c-Moll dar. Bach blendet hier den tänzerischen Charakter völlig aus, und alleine mit der von schluchzenden Seufzermotiven durchdrungenen Melodielinie gerät Rivinius’ Interpretation zu einem unter die Haut gehenden Klagegesang, bevor eine tänzerisch beschwingte, herrlich rustikal übersetzte Gigue das Meisterwerk beschließt.

Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt – irgendwann

Eine außergewöhnliche Besonderheit sei zum Abschluss noch erwähnt, denn vielen Klassikfreunden ist es wahrscheinlich nicht aufgefallen: Während der Pause vor der letzten Suite dreht Gustav Rivinius kräftig am Wirbel der höchsten Saite seines kostbaren Giovanni-Granchino-Cellos von 1712 und stimmt sie einen ganzen Ton tiefer. Mit der Anweisung zur sogenannten Skordatur erzeugte Bach eine dunklere Klangfarbe und eröffnete dem Cellisten außerdem die Möglichkeit, spezifische Akkorde zu spielen, die in der normalen Stimmung nicht möglich wären.

Angekündigt wurden die drei Cello-Suiten als erstes Konzert. Beim nächsten Auftritt von Rivinius in Haardt stehen dann also Nr. 2, 4 und 6 auf dem Programm. Einen Termin dafür gibt es aber leider noch nicht.

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