Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Groteskes Spiel – die beiden Theaterreihen in der Saison 2023/24 im Saalbau

Das Neue Globe-Theater aus Potsdam inszeniert Klaus Manns Roman „Mephisto“ als revuehaften Tanz auf dem Vulkan.
Das Neue Globe-Theater aus Potsdam inszeniert Klaus Manns Roman »Mephisto« als revuehaften Tanz auf dem Vulkan.

Ungewöhnlich lange, bis Mitte November nämlich, müssen die Theater-Freunde diesmal warten, bis sie in der neuen Saison im Saalbau endlich wieder zum Zuge kommen. Auch sonst haben die beiden städtischen Theater-Reihen mit einigen Problemen zu kämpfen. Aber das Publikum kann sich trotzdem auf schöne Stücke freuen.

„Die Buchungen sind sehr viel teurer geworden“, benennt auch Rainer Nosbüsch, der ehrenamtliche Theaterbeauftragte der Stadt, das, was derzeit viele umtreibt: die Inflation. Fünfstellige Euro-Beträge – darunter sei inzwischen keine Gastspielproduktion mehr zu haben. Da das Budget im städtischen Haushalt gedeckelt ist, erfordert dies immer größere Verrenkungen und Tricks, um noch ein attraktives Programm zustandezubringen. Die Aufnahme der Tanzproduktion „Anonymus/Sense“ des Pfalztheaters Kaiserslautern, die vom Programm „Tanzland“ der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird, in die altehrwürdige Schauspielreihe ist einer davon. Dass man jemals die erstmals in der abgelaufenen Saison durchexerzierte Reduktion von zehn auf acht Stücke in den beiden Reihen Schauspiel und Komödie (früher „Leichte Muse“) zurückdrehen kann, erscheint da eher unwahrscheinlich.

Im ersten Stück spielt ausgerechnet Jochen Busse

Gerade die Lustspielreihe stand dabei bei politischen Gedankenspielen in der Vergangenheit auch schon mal als Ganzes vor dem Abschuss – der damalige OB-Kandidat und Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer (CDU) nannte in diesem Zusammenhang 2017 ausdrücklich eine Boulevardkomödie mit Jochen Busse als absolut verzichtbar. Ausgerechnet dieser fernsehbekannte Schauspieler und Kabarettist beendet nun mit seinem Gastauftritt am 16. November die lange Durststrecke der Neustadter Theater-Enthusiasten – und bringt für die Komödie „Komplexe Väter“ mit Hugo Egon Balder auch gleich noch einen weiteren Promi mit.

Busse, Balder sowie René Heinersdorff, der Gründer und Leiter des „Theaters an der Kö“ in Düsseldorf, von dem auch das Stück stammt, spielen drei nicht mehr ganz so junge Väter, die auf unterschiedliche Weise versuchen nachzuholen, was sie bei ihren Töchtern versäumt haben, und die sich dabei natürlich gewaltig in die Quere kommen. Es geht um Seitensprünge, Liebe, Eifersucht, Lebensfehler, Versäumtes und die Erinnerung an große Taten. Als „typische Boulevardkomödie“ beschreibt Rainer Nosbüsch das 2018 uraufgeführte Stück, das Heinersdorff seinen beiden Mitakteuren direkt auf den Leib geschrieben hat, aber auch diese Theaterform habe durchaus noch viele Fans – besonders natürlich, wenn sie auf so spritzige und pointierte Weise vorgetragen wird, wie es die Kritik bei dieser Komödie konstatierte.

Viel weniger Konkretes lässt sich bislang über „Anonymus/Sense“ sagen, den Tanzabend, mit dem zwei Wochen später nach dann über halbjähriger Pause auch die Schauspielreihe wieder an den Start geht. Die Uraufführung dieser von der Baskin Jone San Martin einstudierten Choreographie findet erst im Oktober im Pfalztheater statt, daher bleibt eine Beschreibung eher vage. Es gehe um „Anonymität und Vertrautheit, Animus und Anima sowie die Symbiose und wechselseitige Ergänzung von Sinnhaftigkeit und sinnlicher Wahrnehmung“, heißt es in der Ankündigung. Für die Freunde des modernen Tanzes an der Weinstraße steht aber vermutlich ohnehin mehr das Faktum im Vordergrund, dass hiermit zum allerersten Mal überhaupt auch die Balletttruppe des Kaiserslauterer Dreispartenhauses in Neustadt vorbeischaut. Und auch der Name Jone San Martin hat einen gewissen Klang: Die 1966 in Donostia/San Sebastiangeborene Choreographin gehörte als Tänzerin über 20 Jahre lang dem legendären Ballett Frankfurt unter der Leitung von William Forsythe sowie der Forsythe Company an.

Das „Altonaer Theater“ stellt sich erstmals in Neustadt vor

Anders als bei den anderen Terminen der Schauspielreihe gibt es bei diesem übrigens nicht nur eine Einführung (um 19.30 Uhr mit Tanzdramaturgin Annabelle Köhler und Ballettleiterin Luisa Sancho Escanero), sondern auch noch ein öffentliches Warm-Up zuvor (ab 19 Uhr) sowie ein Publikumsgespräch im Anschluss.

Danach stehen in der Schauspielreihe nacheinander zwei Roman-Adaptionen eines literarischen Vater- Sohn-Gespanns an: die Hochstapler-Story „Felix Krull“ von Nobelpreisträger Thomas Mann in der Bühnenfassung von John von Düffel im Advent und „Mephisto“, die der Biografie von Gustaf Gründgens nachempfundene Geschichte eines hemmungslosen Karrieristen im Dritten Reich, von Sohn Klaus im Januar. Mit den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“ stellt sich erstmals das „Altonaer Theater“ aus Hamburg in Neustadt vor, das im März dann auch nochmals für die Komödienreihe gebucht wurde. Die Inszenierung feierte 2021 Premiere und bietet, wie das „Hamburger Abendblatt“ schreibt, „ein groteskes Spiel von Komödianten in einer Welt, die getäuscht werden will und die auf Lügen von rhetorisch versierten Heilsbringern hereinfällt“. Klingt das nicht sehr aktuell? Passenderweise tragen die Akteure zu Beginn Fatsuits und Masken.

Ein „Mephisto“ im Kabarettstil der 20er

Das Stück „Mephisto - Der Pakt mit dem Teufel“ bringt eine Wiederbegegnung mit dem „Neuen Globe-Theater Potsdam“, das schon in der Vergangenheit durch sehr farbige Saalbau-Gastspiele für sich einnahm – zuletzt im Oktober 2021 mit den „Streichen des Scapin“. Für die Klaus-Mann-Adaption bediente man sich nun der Bühnenfassung, die Till und Chris Weinheimer für das „Berliner Ensemble“ entwickelten und verwandelt die Story um den gnadenlosen Opportunisten Hendrik Höfgen so in einen revuehaften „Tanz auf dem Vulkan“ mit Livemusik, Conférencier und Elementen des politischen Kabaretts der 1920er und 30er Jahre.

Davor gibt es im neuen Jahr aber als erstes noch eine weitere Komödie: „Achtsam morden“, die Bühnenversion des gleichnamigen Krimi-Bestsellers von Karsten Dusse, in dem ein Rechtsanwalt auf Drängen seiner Frau ein Achtsamkeitstraining absolviert und das Gelernte dann auf ungewöhnliche Weise anwendet. Hierbei handelt es sich um eine Neuinszenierung der Konzertdirektion Landgraf, die erst einige Tage zuvor ihre Premiere erlebt. Die Hauptrolle hat Fernsehstar Martin Lindow.

In der Abo-Reihe Komödie folgt danach im März noch eine weitere Roman-Adaption, „A Long Way Down“, nach der 2014 mit Pierce Brosnan verfilmten Londoner Selbstmörder-Tragikomödie von Nick Hornby, bei der sich vier von ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund her höchst unterschiedliche Menschen an einem Silvesterabend auf der Plattform eines Londoner Hochhauses einfinden – um den schnellsten Weg nach unten zu nehmen. Aber natürlich kommt es ganz anders. Er habe das Buch öfter mit seinen Schülern gelesen, erinnert sich Rainer Nosbüsch, bis zu seiner Pensionierung 2021 Lehrer für Deutsch und Geschichte am Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium, und es sei „immer sehr gut angekommen“.

„Wir kaufen da die Katze im Sack“

Den Abschluss der Schauspielreihe macht im Mai 2024 das von Miloš Forman kongenial verfilmte Mozart-Stück „Amadeus“ von Peter Shaffer, das bereits im Februar 2022 im Saalbau gezeigt werden sollte, aber wegen der damaligen Corona-Lage flach fiel. Davor gibt es im April noch ein weiteres Gastspiel des Pfalztheaters: eine Neu-Inszenierung von Shakespeares be- und verzaubernder Liebes- und Verwechslungskomödie „Ein Sommernachtstraum“, von der man bislang aber nur weiß, dass sie als Stück für die große Bühne und mit Live-Musik angelegt ist. „Wir kaufen da die Katze im Sack“, bringt Nosbüsch hier das grundsätzliche Problem auf den Punkt. „Es kann ganz toll werden oder ganz fürchterlich.“

Er kritisiert generell bei der Zusammenarbeit mit der Bühne des Bezirksverbands, dass man als lokaler Veranstalter keinerlei Planungssicherheit habe – und dann eben zum Beispiel schon auch mal Werkstattproduktionen in Neustadt auf der großen Bühne landen, für die sie schlicht nicht ausreichend dimensioniert sind. Insgesamt zieht Nosbüsch aber eine positive Bilanz: Die Auslastung bei den beiden Theaterreihen sei inzwischen wieder „sehr beachtlich“ und bei den Abos sogar besser als vor Corona.

Noch Fragen?

Alle Theater-Abende finden im Neustadter Saalbau statt und beginnen um 20 Uhr. Karten gibt es unter www.ticket-regional.de und bei Vorverkaufsstellen wie Tabak-Weiss oder den Tourist-Informationen in Neustadt und Maikammer. Vor den Schauspiel-Terminen (nicht jedoch vor denen der Komödienreihe) gibt es jeweils um 19.15 Uhr Einführungen im Beethoven-Saal – außer, wie erwähnt, beim Tanzabend.

Zur Sache: Die Schauspiel- und Komödien-Termine der Saison 2023/24 im Saalbau

SCHAUSPIEL

Dienstag, 28. November: „Anonymus/Sense“, ein Tanzabend von Jone San Martin und dem Ballett des Pfalztheaters Kaiserslautern

Dienstag, 12. Dezember: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, Bühnenfassung von John von Düffel nach dem Roman von Thomas Mann, Altonaer Theater, Hamburg

Dienstag, 30. Januar: „Mephisto“, Bühnenfassung des Romans von Klaus Mann, Neues Globe-Theater Potsdam

Donnerstag, 4. April: „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, Pfalztheater Kaiserslautern

Donnerstag, 2. Mai: „Amadeus“, Schauspiel von Peter Shaffer, Konzertdirektion Landgraf

KOMÖDIE

Donnerstag, 16. November: „Komplexe Väter“, Komödie von René Heinersdorff mit Jochen Busse und Hugo Egon Balder, Theater an der Kö

Donnerstag, 18. Januar: „Achtsam morden“, Krimikomödie nach dem Bestseller von Karsten Dusse mit Martin Lindow, Konzertdirektion Landgraf

Dienstag, 12. März: „A long way down“, Tragikomödie nach dem Roman von Nick Hornby, Altonaer Theater

Nicht zu weit vorlehnen: Das Altonaer Theater adaptiert Nick Hornbys Selbstmörder-Tragikomödie „A Long Way Down“.
Nicht zu weit vorlehnen: Das Altonaer Theater adaptiert Nick Hornbys Selbstmörder-Tragikomödie »A Long Way Down«.
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