Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Grünflächen: Bewuchs stehenlassen oder wegschneiden?

Der Holzhofkreisel an der B38 wird als öffentlich-repräsentative Fläche bepflanzt und gepflegt.
Der Holzhofkreisel an der B38 wird als öffentlich-repräsentative Fläche bepflanzt und gepflegt.

Geht es ums Mähen von Grünflächen, gehen die Meinungen weit auseinander: Die einen fühlen sich von „Wildwuchs“ gestört, die anderen sehen an seler Stelle einen wichtigen Lebensraum. Gleichzeitig setzt der Klimawandel die Natur unter Druck. Wie reagiert die Stadt?

Um wie viele Flächen und Quadratmeter sich die sechs Pflegekolonnen des Neustadter Grünflächenamts mit insgesamt rund 30 Mitarbeitern kümmern, kann man derzeit nicht punktgenau sagen – die Fertigstellung des städtischen Grünflächen-Katasters steht noch aus. Zu wenig Arbeit gibt es für die Grünpfleger aber nicht. „Wir stehen jedes Jahr vor neuen Herausforderungen, einer anderen Situation, in der sich bestimmte Pflanzen durchsetzen“, sagt Michael Fuhrer, Leiter des Grünflächenamts. Neustadt sei topographisch kompliziert, jeder Boden anders, jede Pflanze spezifisch. „Man muss schauen, was am Standort funktioniert und was nicht. Jede Kommune probiert Dinge aus, und jeder macht es anders.“ In Neustadt werden zum Beispiel städtische Flächen seit 2018 mit trockenresistenten Stauden bepflanzt, innerhalb von zehn Jahren sollen sie zu deren Erkennungsmerkmal werden.

Die Blütenpracht an der Hetzelanlage soll Bewohnern wie Besuchern ein positives Bild der Stadt vermitteln.
Die Blütenpracht an der Hetzelanlage soll Bewohnern wie Besuchern ein positives Bild der Stadt vermitteln.

Der Pflegeaufwand einer Fläche kann je nach Bewuchs und Nutzung variieren. Entlang des Speyerbachs zwischen Winzinger- und Landwehrstraße wurde bei der Renaturierung des Grünzugs Wallgasse eine sogenannte Regio-Saatmischung aus dem Oberrheingraben ausgebracht. Solche Flächen werden zweimal jährlich gemäht, je nach Reife der Samen und Niederschlagsmenge Mitte bis Ende Juni und erneut etwa acht Wochen später. Spielplätze und Friedhöfe werden wegen des hohen Nutzungsdrucks öfter gepflegt.

Die Stadt will laut Nicole Wernerus aus der Unteren Naturschutzbehörde Balkenmäher anschaffen, bei denen sich die dreieckigen Schneidmesser ähnlich wie bei einer Heckenschere schnell an dem starren Mähbalken hin und her bewegen. Das Gerät eignet sich für unwegsames Gelände und feuchtes, langes Gras wie auf den Blühwiesen und gilt als besonders schonend.

Störend oder unverzichtbar?

„Wir beobachten in Neustadt einen Schwund der Artenvielfalt“, sagt Umweltdezernentin Waltraud Blarr. Deswegen würden immer mehr Flächen bewusst nicht gemäht – auch wenn es dann häufiger Bürgerbeschwerden gebe. Dass die Bürger sich mit den Blühflächen auseinandersetzen und deren Entwicklung verfolgen, freut die Vertreter der Stadt. Gleichzeitig gingen die Meinungen beim Mähen oft auseinander. „Manche empfinden es als störend oder denken, wir wären untätig, wenn wir Flächen ungemäht lassen, andere wie beispielsweise Naturschutzvereine bestehen darauf“, sagt Blarr.

Die Stadt setzt auf Kompromisse, mäht nur einen Streifen oder lässt eine Insel stehen. Man unternehme Versuche auf Flächen mit weniger Konfliktpotenzial und weite diese dann aus. Es würden zudem Schilder mit Erklärungen und im Bedarfsfall auch Absperrungen aufgestellt – denn Blühwiesen werden zerstört, wenn Menschen sie betreten. Bis sich eine Wiese selbst trägt und man einen Erfolg sehen kann, dauere es drei bis fünf Jahre, erklärt Fuhrer. „Wenn die Pflanzen vor der Reife vertrocknen, können sie sich nicht halten.“

„Wir wollen den Blühhorizont fördern, müssen aber auch berücksichtigen: Es wird in Neustadt mediterran-trocken werden“, sagt Wernerus. Auf öffentlich-repräsentativen Flächen wie am Bahnhofsvorplatz, an der Hetzelanlage und auf dem Holzhofkreisel konzentriert das Grünflächenamt deshalb die Pflanzen, damit nur kleinere Bereiche bewässert werden müssen. Ganz ohne Wasser geht es aber nicht, vor allem nicht bei jungen Bäumen: Aktuell werden laut Fuhrer alle Neupflanzungen der letzten fünf Jahre gewässert – trotzdem gebe es Verluste.

Damit öffentlich-repräsentative Flächen wie hier am Bahnhofsvorplatz weniger bewässert werden müssen, werden vermehrt Stauden ge
Damit öffentlich-repräsentative Flächen wie hier am Bahnhofsvorplatz weniger bewässert werden müssen, werden vermehrt Stauden gesetzt und Bepflanzung gebündelt.

Die 150 bis 200 Liter umfassenden Wässerungsgänge wurden in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt bis verdreifacht, was Kosten und Personalbindung bedeute, verdeutlicht Wernerus. Bei einer Baumpflanzung sind in der Regel drei Jahre Pflege im Preis inbegriffen. Nötig wären wegen des Klimawandels dem Amtsleiter zufolge mittlerweile zehn Jahre – gleichzeitig müssten die Pflanzungen für die Kommune bezahlbar bleiben. Das Grünflächenamt nutzt die Sämlinge von trockengeplagten Bäumen, die trockenresistenter als üblich zugekaufte Kreuzungen sind.

Bürgern Handeln erklären

„Man braucht einen langen Atem bei der Pflege, jeden Tag zehn Liter bringen nichts“, erklärt Fuhrer. Es komme auf die richtige Menge zur richtigen Zeit an, weshalb Gießpatenschaften oder andere Unterstützungen von Bürgern Beratung und Betreuung erforderten. „Wir müssen alle Beteiligten mit ins Boot holen. Was fachlich richtig ist, kommt jedoch nicht immer gut an.“ Deshalb müsse man – auch wenn es mühsam und zeitintensiv sei – die Vorgänge erklären und Vertrauen aufbauen. „Wir müssen mehr tun, um das Bewusstsein der Bürger für den Sinn der Maßnahmen zu stärken. Wenn wir sie erklären, haben wir auch eine größere Akzeptanz der Bürger“, ist auch Blarr überzeugt. Die Stadt hat eine geförderte Stelle für einen Biodiversitätsmanager beantragt, der oder die dann auch für die Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden könnte.

„Wir haben durch die Biodiversität einen anderen Anspruch an die Grünflächenpflege“, sagt Blarr. Wichtig sei daher auch die Schulung der Mitarbeiter, sodass sie wissen, welche Pflanzen stehenbleiben können. „Da sind wir dran für alle, die mit den Grünflächen zu tun haben.“ In der Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer sei etwa die Wiesenpflege nur ein kleiner Teil. Fuhrer ergänzt selbstkritisch: „Wir Führungskräfte müssen ebenfalls in einer Sprache sprechen und unser Wissen nach unten weitergeben.“ Die Stadt sei im Austausch mit Forschungsgesellschaften, Büros und anderen Gartenamtsleitern sowie Baumsachverständigen, um ihr Wissen immer wieder zu aktualisieren. Doch auch das brauche Zeit, die mit Blick auf die Klimaveränderungen immer knapper werde. „Wir sind zu spät dran und müssen jetzt anfangen. Im Augenblick reagieren wir nur.“

Was Bürger privat gegen den Klimawandel tun können, lesen Sie hier.

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