Neustadt / Kreis Bad Dürkheim Gewalt im Elternhaus: Frauenzentrum richtet Angebot für Kinder ein
234 Kinder aus Neustadt und dem Kreis Bad Dürkheim lebten im Jahr 2024 in Haushalten, in denen Gewalt den Alltag bestimmt – mindestens. „Das sind die Kinder, die wir bei den Beratungen in der Interventionsstelle erfassen. Die Dunkelziffer ist viel höher“, sagt Amra Rapp-Ibrasimovic, Leiterin des Frauenzentrums Neustadt, an das unter anderem ein Frauenhaus angeschlossen ist. Der Begriff „häusliche Gewalt“ wurde vor zwei Jahren bei der Polizei bundesweit vereinheitlicht eingeführt und ersetzt frühere Bezeichnungen wie „Gewalt in engen sozialen Beziehungen“. Laut Definition beinhaltet häusliche Gewalt „alle Formen körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt“, die in familiären oder partnerschaftlichen Beziehungen stattfinden.
Für das Jahr 2024 wurden in den Kriminalstatistiken der Polizeidirektion Neustadt folgende Fallzahlen registriert: In der Polizeiinspektion (PI) Neustadt 330 Fälle (davon 229 Partnerschaftsgewalt), in der PI Haßloch 119 (78), in der PI Bad Dürkheim 105 und in der PI Grünstadt 72 Fälle. Zumeist ging es um Körperverletzungen, Nachstellung, Bedrohung, Nötigung sowie Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
„Wir zeigen Möglichkeiten und Wege auf“
Eskaliert die Situation derart, dass die Polizei involviert wird, fragen die Beamten die Betroffene, ob sie mit der Weitergabe ihrer Kontaktdaten an die Interventionsstelle (IST) des Frauenzentrums einverstanden ist. Falls ja, melden sich Mitarbeiterinnen proaktiv innerhalb von drei Tagen. „Wir zeigen Möglichkeiten und Wege auf, entscheiden oder raten aber nichts. Die Frauen schauen, was für sie passt, und wir begleiten sie“, betont Rapp-Ibrasimovic.
Die vertraulichen Gespräche in der IST drehen sich laut Rapp-Ibrasimovic um existenzielle Themen wie Anträge für ein Kontaktverbot, Wohnsituation und finanzielle Lage. „Die Kinder sind oft Zeugen der Gewalt oder selbst davon betroffen, kommen in dieser ,Überlebensphase’ aber meist erst später in den Fokus.“ Um auch die Kinder in der Beratung aufzufangen, ist im September die neue Kinderinterventionsstelle (KIST) als Erweiterung des IST-Angebots in Neustadt gestartet. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren sowie an gewaltbetroffene Eltern mit jüngeren Kindern aus Neustadt und dem Kreis Bad Dürkheim.
Fokus auf Hochrisikofälle
Zunächst sind fünf Wochenstunden eingeplant, die sich zwei Mitarbeiterinnen über Aufstockung aufteilen. „Mit der Stundenzahl können wir maximal drei Beratungen pro Woche anbieten und müssen uns zunächst auf die Hochrisikofälle konzentrieren“, erklärt Rapp-Ibrasimovic. Das sind Fälle, bei denen Polizei, IST, Jugendamt und weitere Stellen nach einer Gefährdungsanalyse davon ausgehen, dass eine Tötungsgefahr besteht.
„Unser Verständnis ist: Gewalt gegen Frauen ist auch Gewalt gegen deren Kinder. Rechtlich ist jedoch der Bezug zu beiden Elternteilen verankert, und die meisten Kinder lieben Mutter und Vater, kennen nichts anderes als den Alltag mit Gewalt. Wir wollen transportieren: Das ist nicht normal“, sagt Rapp-Ibrasimovic. Streit und Gewalt zwischen Erwachsenen lösten bei Kindern Angst, Trauer, Unverständnis, Ratlosigkeit und Schuldgefühle aus, einige würden verhaltensauffällig. „Die Kinder haben sehr viele Fragen und tragen eine schwere Last mit sich. Wir wollen in der Beratung einen Raum schaffen, um über diese Gefühle zu sprechen. Wir können die Angst zwar nicht nehmen, aber passende Hilfsangebote vermitteln.“ Dazu pflege das Frauenzentrum Kooperationen mit dem Kinderschutzdienst, dem Kinderschutzbund und der Caritas. Bei Kindeswohlgefährdung werde das Jugendamt involviert.
Finanzierung noch nicht gesichert
Versuche, Psychologen für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, sind der Leiterin zufolge bisher gescheitert. Einerseits, weil Therapieplätze Mangelware sind und die Aufgabe fachliche Kompetenzen im Bereich Traumatherapie voraussetzt, andererseits wegen Sprachbarrieren und dem Geschlecht der Therapeuten. „Den Frauen fällt es leichter, sich im Gespräch mit Frauen zu öffnen.“
Die Finanzierung der KIST ist langfristig noch nicht gesichert. Für den Start hofft Rapp-Ibrasimovic auf Spenden, um die Kosten decken zu können. „Eigentlich brauchen wir in der KIST eine halbe feste Stelle, die wir hoffentlich für 2026 finanziert bekommen.“ Man sei dafür bereits in Gesprächen mit der Stadt Neustadt und dem Kreis Bad Dürkheim über Fördermöglichkeiten.
Kontakt
Gespräche mit der Interventionsstelle des Frauenzentrums Neustadt setzen einen Kontakt mit der Polizei voraus. Frauen, die unabhängig davon Beratung in Krisensituationen, zu Trennung, Scheidung, Bedrohung, Gewalt oder Stalking wünschen, können sich unter Telefon 063212329 oder E-Mail beratungsstelle@frauenzentrum-neustadt.de an die Fachberatungsstelle des Frauenzentrums wenden.
Info
Wer das Frauenzentrum Neustadt unterstützen will, kann das unter folgendem Spendenkonto tun: Sparkasse Rhein-Haardt, IBAN DE24 5465 1240 1000 5507 13.