Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Genau so fing es in den 30er Jahren an“ – Interview mit den Kulturpreisträgern Werner Korb und Michael Kaltenegger

Wurden beide überrascht von der Nachricht, dass sie in diesem Jahr den Neustadter Kulturpreis erhalten: der Grafiker und Pfalzpr
Wurden beide überrascht von der Nachricht, dass sie in diesem Jahr den Neustadter Kulturpreis erhalten: der Grafiker und Pfalzpreisträger Werner Korb (links) und Michael Kaltenegger, der einer alten Mannheimer Kino-Betreiber-Familie entstammt und 1994 das Roxy-Kino übernahm.

Werner Korb (86) und Michael Kaltenegger (70) kennen sich schon seit 1996, als der Künstler mit dem Herrenhof-Team in Neustadt das „Festival der Heiterkeit“ organisierte und den Kinobetreiber, der erst zwei Jahre zuvor das Roxy übernommen hatte, überredete, sich mit einem Open-Air-Angebot daran zu beteiligen. Jetzt erhalten beide zusammen den Neustadter Kulturpreis. Holger Pöschl hat sich vorab mit ihnen über Kunst, Kino und Politik unterhalten und darüber, was Neustadt vielleicht noch fehlt.

Wir treffen uns hier im Roxy, deshalb die erste Frage an Sie, Herr Korb, wann waren Sie zum letzten Mal im Kino, um sich einen Film anzusehen?
KORB: Oh, das muss schon eine ganze Weile her sein. Wahrscheinlich ein politischer Film. Früher waren meine Frau und ich echte Kinofans, sogar Mitglied im Filmclub der VHS, aber inzwischen gehe ich nur noch selten. Ich ärgere mich über das Chips-Gemampfe, und bei einem meiner letzten Besuche haben die Leute rechts und links von mir sogar ihre Füße über den Vordersitz gelegt.

Die äquivalente Frage an Sie, Herr Kaltenegger, wann waren Sie zuletzt in einer Kunstausstellung?
Gute Frage [überlegt]. Das muss wahrscheinlich in Speyer im Historischen Museum gewesen sein. Da bin ich öfter. Und die neue Kunsthalle in Mannheim habe ich mir natürlich auch angesehen.

Jetzt bekommen Sie beide zusammen den Neustadter Kulturpreis. Sie, Herr Korb, haben ja schon 1974 den Pfalzpreis für Grafik erhalten. Was bedeutet da diese späte Auszeichnung in Ihrer Heimatstadt für Sie?
KORB: Ich war überrascht und habe mich auch gefreut. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich in Neustadt gar nicht wahrgenommen werde. Es ist also schon auch eine Genugtuung.

Und Sie, Herr Kaltenegger, nach vielen Kino-Programmpreisen des Landes Rheinland-Pfalz nun auch eine solche Ehrung aus Neustadt ...
KALTENEGGER: Ich war auch überrascht und sehr erfreut. Weil ich dachte, dass mit dem Preis vor allem gestalterisch arbeitende Künstler ausgezeichnet würden. Man kann aber natürlich auch Programmkinogestaltung durchaus als schöpferischen Prozess bezeichnen. Ich bemühe mich ja tatsächlich, die Filme zu zeigen, die künstlerisch und gesellschaftlich relevant sind und über die gesprochen wird.

Es handelt sich hier ja um einen Preis des Stadtverbands für Kultur, deshalb die Frage: Wie beurteilen Sie denn die Kulturszene in Neustadt?
KORB: Ich denke, allgemein ist das Angebot ziemlich reichhaltig. Aber in der Musik deutlich stärker als in meinem Bereich, der bildenden Kunst. Da können wir froh sein, dass es den Herrenhof gibt.

KALTENEGGER: Ich finde, für die Größe der Stadt ist hier ein unglaubliches Kulturleben geboten. Auch für junge Leute. Und der Saalbau hat ein wirklich gutes Programm.

Bei Ihnen, Herr Korb, wird in der Preisbegründung neben ihrem direkten künstlerischen Schaffen auch noch besonders Ihr Einsatz für den Herrenhof hervorgehoben. Die Fördergemeinschaft Herrenhof hat nach dem Tod von Gustav-Adolf Bähr aber eine turbulente Zeit durchlebt. Andere Vereine, auch die Vereinigung Pfälzer Kunstfreunde (VPK), in der Ihre Frau und Sie sich sehr engagierten, haben sich sogar aufgelöst. Werden wir das Niveau, das wir mal hatten, in Zukunft noch halten können?
Das wird schwierig. Gustav-Adolf Bähr konnte durch seine Kontakte zum Beispiel internationale Künstler wie Victor Vasarely, HR Giger oder Heinz Mack im Herrenhof ausstellen. Das wird so nicht mehr kommen. Und die freiwilligen Helfer werden immer weniger. Der Herrenhof hat ja genau deshalb jetzt einen hauptamtlichen Geschäftsführer. Die Jungen engagieren sich nicht mehr genug.

Bei Ihnen, Herr Kaltenegger, wird in der Preisbegründung Ihr Kulturkonzept gelobt, aber ein Kino ist auch ein Wirtschaftsunternehmen: Filmkunst statt Blockbuster, rechnet sich das?
KALTENEGGER: Ja, es rechnet sich. Unser Programmangebot wird gut angenommen vom Neustadter Publikum. Es hat ziemlich lange gedauert, bis wir die Corona-Delle überwunden hatten, aber inzwischen sind wir wieder auf Vor-Pandemie-Niveau. Und es gibt immer wieder diese besonderen Momente, in denen die Besucher nach dem Film ganz bewegt aus dem Saal kommen. Unlängst bei „Die Fotografin“ über das Leben der Kriegsfotografin Lee Miller war das zum Beispiel wieder so.

Herr Korb, Sie sind ja ein sehr politischer Künstler. Wie sehen Sie denn aktuell die Lage der Republik?
KORB: [Holt, statt direkt zu antworten, einen Farbausdruck aus der Tasche, der Portraits von AfD-Politikern in Hakenkreuz-Form gruppiert und mit der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier kombiniert, in der dieser zu einem breiten Bündnis für Demokratie und gegen Extremismus aufruft] Das ist meine neueste Arbeit. Ich reagiere im Grunde nur noch auf das politische Geschehen. Ich muss mich auf diese Art abreagieren im Atelier. Denn genau so fing es doch in den 30er Jahren an.

KALTENEGGER: Ich kann das auch nicht verstehen. Aber es ist ja ein weltweites Phänomen. Ich will gar nicht dran denken, was in Amerika passieren kann.

Welche Rolle kann denn das Kino in einer solchen Lage spielen? Gibt es den klassischen politischen Film überhaupt noch?
KALTENEGGER: Das ist eine schwierige Frage. Ich würde eher nein sagen. Es gibt natürlich schon noch Filme, die klar Stellung beziehen, allerdings vor allem im Dokumentarfilmbereich. Aus der jüngeren Zeit fallen mir da spontan zwei Filme zur NS-Vergangenheit ein, „Führer und Verführer“ über den Propagandaminister Goebbels und „Der Schatten des Kommandanten“ über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß und seine Familie. Das ist gewissermaßen das Doku-Pendant zum Spielfilm „The Zone of Interest“ aus dem vergangenen Jahr. Das war ebenfalls ein guter Film und auch ein gut besuchter. Und wir haben natürlich auch noch die Filmreihe mit der Klimaaktion Neustadt, wo wir alle fünf bis sechs Wochen einen Film zu Umwelt und Klima zeigen und hinterher Publikumsgespräche haben.

Sie haben nun aber auch seit 2018 die Konkurrenz des Cineplex im Nacken. Ist Neustadt groß genug für insgesamt 14 Kinosäle?
KALTENEGGER: Ja, so wie sich die Dinge entwickelt haben, kann ich sagen, dass Neustadt groß genug ist, vor allem deshalb, weil beide Kinos Publikum aus dem Umland anlocken.

Sie sind ja ziemlich häufig auf Filmfestivals und -messen. Aber hat man als Kinobetreiber denn überhaupt noch eine große Auswahl bei der Programmgestaltung?
KALTENEGGER: Also ich orientiere mich schon stark an den Startterminen der Filme. Denn durch die Präsenz in den Medien ist dann natürlich auch die Nachfrage besonders groß. Vertragspakete, wie es sie noch bei meinen Eltern in den 60er und 70er Jahren gab, wo man fünf Flops mitkaufen musste, weil man sonst den einen Topfilm nicht bekam, haben wir heute nicht mehr. Ich kann bei jedem Film einzeln entscheiden, ob ich ihn möchte oder nicht.

Woran arbeiten Sie, Herr Korb, aktuell? Sie haben ja im letzten Jahr zu Ihrem 85. Geburtstag hin eine Art Inventur gemacht ...
KORB: Momentan habe ich keine neue Arbeit im Kopf. Das AfD-Plakat war das letzte. Aber ich reagiere ja immer spontan auf Tagesaktuelles. Ich lasse keine politische Sendung aus.

Ihr Vater ist im Krieg gefallen. Sie stehen allem Militärischen sehr skeptisch gegenüber. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Waffenlieferungen an die Ukraine?
KORB: Ich war ja selbst Kriegsdienstverweigerer in den 60er Jahren. Es war für mich undenkbar, zum Barras zu gehen. Aber jetzt finde ich die Waffenlieferungen richtig. Es ist eine andere Situation.

Und von der Weltpolitik noch mal zurück ins Lokale: Was würden Sie sich für die Kultur in Neustadt in Zukunft wünschen?
KORB: [Überlegt] Dass es weiterhin gute Ausstellungen im Herrenhof gibt. Dass es nicht provinziell wird und nicht beliebig. Und der Oberbürgermeister, der ja auch Kulturdezernent ist, könnte sich mal Gedanken machen, ob man die „Reblaus“, die ja auf der Suche nach einer festen Bleibe ist, und auch den Kunstverein nicht mit der Fördergemeinschaft zusammenbringen könnte. Dann wäre das Obergeschoss der Villa Böhm auch frei für das Stadtmuseum.

Gleiche Frage an Sie, Herr Kaltenegger, Sie blicken ja gewissermaßen von Mannheim aus auf die Stadt: Was fehlt aus Ihrer Sicht in Neustadt?
KALTENEGGER: [Überlegt ebenfalls lange] Es wird in Neustadt ja generell schon viel geboten. Aber vielleicht mehr Live-Musik wäre nicht schlecht, ein Jazz-Keller, eine Kneipe, wo man am Abend hingehen kann, um Musik zu hören und was zu trinken. Nicht unbedingt mit prominenten Musikern. Aber dass das Publikum eben weiß: Immer dienstags und donnerstags ist Live-Musik. Und das Lokal sollte auch bis 24 Uhr aufhaben. Wenn jetzt bei uns eine Vorstellung um 22 Uhr endet, wird es für das Publikum ja schon ziemlich eng.

Zur Sache: der Neustadter Kulturpreis

Der Neustadter Kulturpreis wird seit dem Jahr 2000 vom Stadtverband für Kultur vergeben und nahm damit eine 1991 eingeschlafene Tradition wieder auf, bei der die Stadt Neustadt seit 1984 einen gleichnamigen Preis noch selbst verliehen hatte. Er ist mit 1500 Euro dotiert. Bisherige Preisträger waren unter anderem die Fördergemeinschaft Herrenhof, das „Mandelring Quartett“, der Kunstverein oder die „Blue Note Bigband“. Aber auch Einzelkünstler wie Luise Hackelsberger oder Gerhard Hofmann wurden ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr wurde Bezirkskantor Simon Reichert geehrt, davor 2022 Michael Landgraf und das Bibelmuseum und 2021 Eberhard Dittus und die Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt.

Termin

Werner Korb und Michael Kaltenegger werden am Sonntag, 3. November, um 11 Uhr im Roxy-Kino mit dem Kulturpreis des Neustadter Stadtverbands für Kultur ausgezeichnet. Bei der Laudatio liest Tochter Svenja Korb ein Katalogvorwort, das die Schriftstellerin und Kulturjournalistin Gabriele Weingartner vor Jahren zu einer Ausstellung Werner Korbs beigesteuert hat. Der Neustadter Filmfan und Roxy-Stammgast Jürgen Duffner würdigt die Arbeit Michael Kalteneggers. Gezeigt wird auch ein Kurzfilm der Neustadter Regisseurin Bettina Höchel, bei dem das Roxy-Kino im Mittelpunkt steht. Für Musik sorgt die Formation „Gypsy Gold“.

x