Neustadt Gelungene Premiere
Deidesheim. Der Aufführungsort, das Thema, die Ausführenden – die Inszenierung des Musicals „Anatevka“, die derzeit in der ehemaligen Deidesheimer Synagoge zu sehen ist, ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Dass sie das Publikum begeistert, bewies am Mittwoch der lange und häufige Applaus.
Ein Stück, das in einem jüdischen „Schtetl“, einem Dorf im Osten spielt, in der ehemaligen Synagoge von Deidesheim aufzuführen – das macht künstliche Kulissen unnötig. Nicht, dass man eine Pfälzer Synagoge des 19. Jahrhunderts mit einem jüdischen Dorf in der Ukraine in einen Topf werfen wollte, nur weil beide was mit Judentum zu tun haben, aber atmosphärisch „stimmte“ die Sache. Alle Darsteller sind entweder angehende oder fertig ausgebildete Lehrer: Seit dem Wintersemester 2014/15, also seit einem Jahr, bietet die Universität Landau einen Zertifikatsstudiengang Darstellendes Spiel/Theater an, ausschließlich für diese Berufsgruppe. Er ist auf vier Semester angelegt, es gibt also derzeit noch keine geprüften Absolventen. „Anatevka“ ist nun die erste Theaterproduktion dieses Studienganges. Das war zu spüren, alles wirkte sehr neu, sehr enthusiastisch, aber auch sehr professionell. Die Zuschauer saßen rundherum, die Schauspieler spielten in der Mitte und bezogen ihr Publikum nach Kräften mit ein, sei es, dass Zuschauer Kerzen halten mussten, im Takt klatschten oder schnipsten oder sich einfach das Spielfeld in die Zuschauerbänke hin erweiterte. In einer Ecke war die kleine Klezmer-Musikantentruppe postiert mit zwei Geigen, Klarinette, Akkordeon und Kontrabass. Die Geschichte vom Milchmann Tevje und seinen heiratsfähigen Töchtern spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im Russland kurz vor der Revolution. Arm und traditionell fromm sind die Bewohner des kleinen jüdischen Dörfchens, auch Tevje und seine Familie. Reichtum ist was zum Träumen („Wenn ich einmal reich wär“). Deutlich steckt aber schon der Keim der Veränderung im alltäglichen Leben. Traditionell verheiraten die Eltern ihre Kinder mit Hilfe eines Heiratsvermittlers, hier ist es die Witwe Jente (Lea Philine Fandrey), die für komische Auftritte sorgt. Tevje (Florin Dausch) ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinen Kindern und der Tradition. Alle drei heiratsfähigen Töchter treffen ihre eigenen Entscheidungen, und da spielt Geld keine Rolle, so sehr Golde, Tevjes Frau (Svenja Lesch) sich auch einen reichen Schwiegersohn, nämlich den Metzger (Jan Keller), wünscht. Tevje gibt ihm schon sein Wort, obwohl er sich doch einen Schwiegersohn gewünscht hätte, „der ein kleines bisschen jünger als ich selbst“ ist. Gegen die Liebe kommt er aber nicht an, Tochter Zeitel (Maike Jokisch) nimmt den armen Schneider Mottel (Joshua Meyer). Auch die zweite Tochter Hodel (Freya Hemesoth) trifft ihre eigenen Wahl, den revolutionären Studenten Perchik (Markus Johann), mit dem sie nach seiner Verurteilung nach Sibirien geht, eine der berührendsten Szenen. Die dritte schließlich, Chava (Anna Eyskens), will gar einen Nichtjuden heiraten und wird verstoßen. Neue Zeiten, nämlich Pogrome und Vertreibung werden aber auch vom Wachtmeister und seinen Freunden hineingebracht ins Stück. Sebastian Schmitz spielt mit Bundeswehruniform und irrem Gelächter einen SS-Vorläufer. Viel Komik kommt außerdem vom sehr familiären Umgang Tevjes mit seinem Gott („Manchmal wünsche ich mir, Herr, du würdest zur Abwechslung mal ein anderes Volk erwählen“), vom Streit der Dörfler untereinander, vom uralten meschuggenen Rabbi, gespielt von einer sehr jungen Frau (Maria Fischer/Nora Sostmann), und den äußerst gelungenen Tanz- und Bewegungsszenen, wobei so gut wie jede Szene diese Elemente enthält. Ein schöner Abend! Termine Insgesamt noch vier Aufführungen des Musicals „Anatevka“ stehen bis Ende November in der ehemaligen Deidesheimer Synagoge auf dem Programm: heute und morgen, 20./21. November, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am Sonntag, 29. November, um 11 Uhr. Außerdem ist das Stück Teil einer Solidaritätsveranstaltung für die Opfer des Terrors in Paris, die die Verantwortlichen kurzfristig für Montag, 23. November, 19.30 Uhr, angesetzt haben. Kartenreservierung unter zkw@uni-landau.de.