Neustadt Geißbock-Erinnerungen aus dem Ratskeller

91-83807786.jpg

Das passt zum Brauchtum, das an Pfingsten in Lambrecht und Deidesheim hochgehalten wird: ein Geißbockteller. Marianne Karch-Zscharnack, die in Bad Dürkheim lebt, besitzt dieses Unikat noch aus den Zeiten, als Familie Karch die Gaststätte „Ratskeller “ in Deidesheim führte.

Der Geißbock-Teller hing als Deko in der familieneigenen Gaststätte „Ratskeller“, ehemals „Bayrischer Hof“. Dieser und weitere Schmuckteller wurden von der Firma Schäfer aus Edenkoben gemalt. Die Familie Karch hat den Ratskeller nach Umbau 1934 wieder eröffnet und unter Leitung von Anna Karch mit den Töchtern Marianne und Lucia bis 1978 betrieben. Marianne Karch-Zscharnack, die seit 1999 in Bad Dürkheim lebt, besitzt neben den Tellern viele andere Original-Stücke von ihrem Großvater Ferdinand Karch, wie die erste Weinlagekarte Deidesheims, mitgestaltet vom Maler Eduard Klug. „Er war ein stiller Denker und hatte doch den Spitzbub im Genick …“, so beschreibt Marianne Karch-Zscharnack ihren Großvater. Der gebürtiger Lambrechter war Erfinder und hat sich in Deidesheim auch kulturell und politisch engagiert. Karch sei als Maschinenbauingenieur ein Tüftler und Denker gewesen und habe viele Hobbys gepflegt. So hat er 1924 sein erstes Patent auf die sogenannte „Wingertspritze“ bekommen, einen Apparat zum Zerstäuben von pulverförmigen Stoffen. Erweitert wurde dieses „System Karch“ später mit einer Vorrichtung zum Streuen, hergestellt von der Deidesheimer Werkstätte für Apparatebau und der Spenglerei Platz. Schnell machte sich Karch, der 1913 Anna Barbara Mees geheiratet hatte, in Deidesheim einen Namen mit der Gründung des Verkehrsvereins im Jahr 1927. Als Lambrechter kannte er die Historie der Weiderechte seines Heimatortes im Deidesheimer Wald, für die jährlich ein Zuchtziegenbock geliefert werden musste. Als die beiden Städte in Streit gerieten wegen des Tiers, konnte er schlichten. Ferdinand Karch machte sich als BASF-Angestellter 1928 für eine Buslinie zwischen Deidesheim und Ludwigshafen stark. Dafür musste er mit dem Ministerium in München verhandeln, da die Pfalz noch zu Bayern gehörte. 1929 gründete er als Stadtratsmitglied seine eigene Wählergruppe, die er in den 40er-Jahren auflöste. Karch schrieb das Buch „Links und rechts der Weinstraße“ und ist für Tochter Marianne Karch-Kube und die Enkelin eigentlich der geistige Vater der „Deutschen Weinstraße“. Die Zeit und Muße für seine Hobbys wie Komponieren, Schreiben von Theaterstücken wie der Elwedritsche-Jagd und Gedichten konnte sich das Multitalent Karch dank einer Frühberentung schaffen. Durch eine Explosion im BASF-Werk 1931 waren seine Ohren verletzt worden und er kurzfristig taub. „Der Opa hat manchmal dagesessen, geraucht und immer nur gedacht“, erinnert sich Marianne. Auch sie schreibt leidenschaftlich gerne, meist Gedichte. (piw)

91-83826031.jpg
x