Neustadt „Geht auch im Silicon Wingert“

Kann sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen als Neustadt und will deshalb hier was Großes schaffen: Tino Latzko.
Kann sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen als Neustadt und will deshalb hier was Großes schaffen: Tino Latzko.

Tino Latzko ist kein Typ von der Stange. Der 41-jährige Geschäftsführer der überregional erfolgreichen Produktionsfirma Screenday will mit seinen Partnern eine Keimzelle für kreative Köpfe schaffen. Und zwar unbedingt in Neustadt – denn Berlin, Frankfurt oder Köln sind für Latzko kein Thema.

Herr Latzko, Sie haben am vergangenen Montag das Konzept für die geplante „CoFactory“ vorgestellt. Ihre Präsentation war ungemein unterhaltsam, sehr witzig und ziemlich lässig. Das ist so Ihre Art, oder?

Kommt darauf an, in welcher Jahreszeit wir uns befinden (lacht). Ich versuche, mich ganz bewusst nicht zu verstellen. Die Präsentation habe ich „uff Pälzisch“ gehalten, da alles andere aufgesetzt gewirkt hätte. Nur so hatte ich das Gefühl, dass unser Herzblut für dieses Projekt auch bei den Leuten ankommt. Nun haben Sie als Geschäftsführer der Produktionsfirma Screenday ja häufig mit großen und seriösen Firmen zu tun. Ich schätze mal, dort treten Sie auch so auf, weil Sie sich nicht verbiegen lassen wollen ... Nein, ich trete so auf, weil ich mich so am wohlsten fühle. Und wenn man sich in seiner Haut wohl fühlt, kommt man meiner Meinung nach auch authentisch rüber. Das schafft Vertrauen. Mir geht es zumindest so. Ich vertraue echten Menschen, keinen Masken, es gibt zu viele Masken in meinem Geschäftsfeld. Ich habe durch meine Art schon das eine oder andere Eis recht schnell gebrochen. Ich hatte jedoch auch schon Fälle, vor allen Dingen zu Beginn meiner Selbstständigkeit, da ging die Idee, mit dem Sexpistols-Shirt zum Termin zu gehen, leicht nach hinten los. Heute zählen meine Erfahrung und Kompetenz mehr als das Motiv des Shirts. Ich hab’ jedoch auch den Zwirn im Schrank für den ein oder anderen speziellen Anlass. Sie haben mir vor längerer Zeit mal von einem Ihrer ersten großen Termine berichtet: viele Anzug- und Schlipsträger, Sie mittendrin mit Shorts und Flip-Flops. Erzählen Sie doch mal, wie war das? Hm, das ist schon so rund 15 Jahre her, noch vor Screenday-Zeiten bei einem meiner ersten und größten Kunden. Es war Sommer. Ich musste ein paar DVD beim Marketingleiter der Firma abgeben. Nun schlenderte ich mit Flip-Flops und Boardshorts an seinem Büro vorbei, um ihm diese geschwind auszuhändigen. Der Zufall wollte es so, dass er kurz vor einem Meeting mit der Geschäftsführung stand, in dem es um TV in HD ging. Ich sollte spontan etwas Aufklärungsarbeit leisten. Ich dachte noch, vielleicht bin ich etwas overdressed – und zehn Minuten später stand ich mit meinen Boardshorts vor der Geschäftsführung, die mich zuerst recht fragend gemustert hat. Doch am Ende hatte ich vermutlich nicht den schlechtesten Eindruck hinterlassen. Zumindest darf ich noch heute, 15 Jahre später, viele Projekte mit ihnen umsetzen. Haben Sie Bedenken, mit Ihrer unkonventionellen Art anzuecken? Tatsächlich bin ich der Meinung, dass meine Art gar nicht so unkonventionell ist. Deshalb versteh’ ich die Frage nicht (lacht). Auffällig sind auch Ihre Tätowierungen. Dieser Tage wurde über eine Umfrage berichtet, nach der 43 Prozent der Deutschen Tattoos für einen Karrierekiller halten ... Was für eine Umfrage war das? Ich finde es immer noch sehr traurig, dass in unserem Land so stark bewertet wird. Ich weiß nicht, warum es wichtig ist, ob ich ein Hemd oder ein Metallica-Shirt anhabe. Es ist doch wichtig, was für ein Charakter vor mir steht und was der drauf hat. Wenn sich Leute bei uns bewerben, ist es mir egal, wie das Outfit des Bewerbers aussieht – außer vielleicht, er hat ein Bayern-Trikot an (lacht). Hauptsache, der Charakter, die Motivation und das Können stimmen. Tatsächlich glaube ich, dass das Tattoothema gar keins mehr ist. Vom Kellermeister, Fußballer, Sternekoch, Banker unterhalb der Kutte – es sind immer mehr tätowiert. Zurück zur „CoFactory“: Bei der Präsentation haben Sie für einen Spruch viele Lacher geerntet: „Die letzte signifikante Neuerung, die nach Neustadt gekommen ist, war wohl das Farbfernsehen. Es wird Zeit, dass mal wieder was Abgefahrenes kommt.“ Oberbürgermeister Marc Weigel meinte im Nachhinein, Sie hätten das wohl eher so gemeint, dass seit der Erfindung des PAL-Farbfernsehsystems durch Walter Bruch keine große Erfindung mehr aus Neustadt gekommen sei. Also nicht abwertend Neustadt gegenüber. Ist das so? Auf meinem Script stand was anderes, war wohl die Aufregung (lacht). Zum Ausdruck bringen wollte ich, dass man nicht unbedingt im Silicon Valley ein Startup gründen muss, um durchzustarten. Wenn man mutig und angstfrei die Dinge angeht, reicht es auch, wenn man sein Office im Silicon Wingert hat, um erfolgreich zu sein. Uns wurde schon oft gesagt, warum geht ihr denn nicht nach Berlin oder zumindest Frankfurt oder Köln, da würdet ihr besser hinpassen und die besseren Aufträge und Netzwerke auftreiben. Und warum ist das kein Thema? Zum Ersten passen wir ganz genau da hin, wo wir sind, zum anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass es einen besseren Ort zum Leben gibt als hier in Neustadt. Und da ich nicht hier weg will, haben wir beschlossen, dass wir die Welt hierher holen müssen. So einfach ist das. Und zum Glück bin ich nicht der einzige Local, der so denkt. Was können wir verlieren? Nichts. Wenn wir alle so zusammenarbeiten, wie ich das am Montag des Öfteren wiederholt habe, können wir nur gewinnen. Wie waren denn die ersten Reaktionen nach der Präsentation? Ich war schon geflasht von der Anzahl der Leute und dann davon, wer alles da war! Am allermeisten begeistert mich immer noch, wie die City unter Marc Weigel hinter uns steht. Da ich schon für verschiedene Städte gearbeitet habe und weiß, wie zäh der Apparat manchmal ist, erstaunt es mich um so mehr, wie flüssig und reibungslos alles gelaufen ist. Am Ende wurde das Ganze von der wirklich positiven Reaktion der Crowd untermauert. Wir hatten schon am Abend sehr gute Gespräche. Ich denke, wir haben bei einigen genau den Nerv getroffen. Also sind Sie zuversichtlich, dass es eine Erfolgsgeschichte wird? Wir arbeiten hart daran, dass es zu einer wird. Das erste Event, das wir mit dem Team Kochanek, Neustadt und Screenday aufgezogen haben, war es schon mal. Leider können auch wir nicht in die Zukunft blicken. Aber wie ich am Montag sagte: Wir können den Stein ins Rollen bringen, aber Berge versetzen müssen wir zusammen. Wir sind jedenfalls endmotiviert, haben noch mehr damit infiziert, und die Gemeinschaft wächst und wächst. Und bis wann soll Leben in die alte Papierfabrik einziehen? Naja, wenn die Fenster dicht sind, stell’ ich mein Notebook rein (lacht). Nein, ernsthaft: Wir sind gerade fleißig dabei, die Roadmap für das Projekt auszuarbeiten, hierzu haben wir in den nächsten Wochen ein paar tolle und spannende Gespräche. Bei denen ich ohne Bedenken in Flip-Flops und Boardshorts auftauchen darf.

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