Neustadt Gegenwart aus der Vergangenheit

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«Neustadt». Der Titel ist vieldeutig: Erbstücke, Musikstücke, Puzzlestücke? Autor Daniel Hope ist mit knapp 44 Jahren seit mehr als 20 Jahren ein Weltklasse-Geiger, Das Buch hat er 2007 mit Susanne Schädlich geschrieben.

Es geht um die Geschichte der Familie Hopes, aber auch um seine eigene. Beide haben es in sich. Vor allem aber geht es um Identität. Was und wer ist er, fragt er sich. Geboren in Südafrika, aufgewachsen in England, ein irischer Pass – und da gibt es noch die Villa in Berlin, die der Familie gehörte. Wegen der falschen Großmutter, so wird gesagt, einer jüdischen, muss die Familie in den 1930er-Jahren aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Südafrika auswandern. Villa, Fabrik – die Valentin Röhren und Eisen GmbH – sowie ein beträchtliches Vermögen neben dem großbürgerlichen sozialen Status, gingen verloren, man musste wieder ganz von vorne anfangen. Ein altes Foto des Hauses hat Daniel Hope in der Tasche, als er sich bei einem Aufenthalt in Berlin aufmacht nach Dahlem und tatsächlich fündig wird. Als er ein Foto machen will, öffnet sich ein Fenster und eine ältere Dame schreit ihn an: „Verschwinden Sie!“ Diese unerwartet harsche Begegnung, die ihn zornig macht, war es wohl, die den letzten Anstoß gab. Als Daniel Hope wieder nach Berlin kommt, zur Vorbereitung und Aufführung des Violinkonzertes von Robert Schumann, lässt er sich nicht mehr vertreiben: „Ab jetzt lasse ich mir die Geister der Vergangenheit nicht mehr vorenthalten, sie sollen mir erzählen, woher ich komme, wer ich bin“, schreibt er. Er ist erfolgreich. Was seine Familiengeschichte so spannend macht, ist, dass sie so dicht verwoben ist mit der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Irische Hungerjahre und Auswanderung, deutsche Gründerzeit, Weimarer Republik, Nazizeit, auch Nachkriegszeit und den deutschen Umgang mit den Opfern, Apartheid in Südafrika – alles drin. Der erfolgreiche irische Auswanderer Daniel McKenna, die Gründer der Röhrenfabrik Valentin, der Journalist Clemens Klein, um 1900 so gründlich assimiliert, dass ein Empfehlungsschreiben die jüdische Herkunft als „Irrtum der Stammesrolle“ beschreibt, die stolze Hausherrin der Dahlemer Villa Margarete, Daniels Urgroßmutter – Hope beschreibt sie so, dass man glaubt, sie zu kennen. Die Villa hat noch ihre eigene Geschichte: Erst Sitz der privaten jüdischen Waldschule Kaliski, dann gekapert vom Auswärtigen Amt, das seine Dechiffrierabteilung darin unterbringt. Etwa in der Mitte dreht sich das Buch und wird zur Autobiographie eines Musikers, aber auch die hat es in sich: Die Hopes kamen 1975 aus Südafrika, wo Autor Christopher Hope sich mit dem Apartheidsregime angelegt hatte, nach London. Mutter Eleanor hielt die Familie über Wasser als Sekretärin und dann Managerin von Yehudi Menuhin. Bemerkenswert zielstrebig setzte der erst Dreijährige Geigenunterricht durch – nicht bei Menuhin, aber der verfolgt aufmerksam den Weg seines „musikalischen Enkels“ und tritt später mit ihm auf. In Menuhins Häusern in London und Gstaad lernt er die besten Musiker der Zeit kennen, keineswegs nur die „klassischen“, und er weiß von ihnen zu erzählen, nicht nur köstliche Anekdoten. Man lernt, wie Musiker arbeiten, er selbst und die andern. Zwischen den Zeilen teilt sich auch etwas anderes mit: Dieser so überaus liebenswürdige, freundliche und offene Geiger ist unüberwindbar hartnäckig und durchsetzungsfähig, sobald er etwas wirklich will, sei es Geigenunterricht als Dreijähriger, das Erlernen des Mendelssohn-Violinkonzerts oder seine Familiengeschichte. Kein Wunder, dass Daniel Hope inzwischen Künstlerischer Direktor der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Direktor des Klassikbereichs der Musikfestspiele von Savannah (Georgia) und seit 2016 Musikdirektor des Züricher Kammerorchesters ist. Lesezeichen Daniel Hope: Familienstücke, rororo-Taschenbuch, 9,99 Euro.

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