Neustadt Gefühle mit Füßen getreten
«Neustadt». Wenn rund 150 Jugendliche gebannt dem Geschehen auf der Bühne folgen, muss die Geschichte wohl unter die Haut gehen. Tatsächlich ist es dem Ensemble von „Comic on!“ aus Köln am Montag bei seinem Gastspiel beim Kleinkunstverein „Reblaus“ mit dem Stück „Rausgemobbt 2.0“ gelungen, die Problematik von Mobbing im Internet altersgerecht zu verpacken.
Schon vor der Vorstellung waren die Jugendlichen erwartungsvoll. So erzählte der 19-jährige Enrico Ohlinger davon, dass er bei einem im Internet hochgeladenen Foto negative Kommentare erhalten habe. „Das hat mich sehr aufgeregt, und ich habe diese Leute dann auch blockiert“, sagt er. „Blockieren“, das bedeutet bei sozialen Netzwerken, dass dann die anderen Nutzer keinen Zugriff mehr auf eine Seite oder ein Profil erhalten. Dennoch können die schlimmen Äußerungen blitzschnell über andere Kanäle weiter laufen und sind dann kaum zu stoppen. Genau diese Thematik behandelt auch das Stück. Hauptprotagonist ist der Neuntklässler Jess (Marcel Langer) der wegen einer dummen Zündelei die Schule wechseln musste. Obwohl er ein Online-Freak ist, lernt er in seiner neuen Klasse ganz real zwei Mädchen kennen. Die eher schüchterne Chris (Julia Knorst) entpuppt sich sogar als Chatpartner. Doch sie wird von der glamourösen Vanessa (Anne K. Müller) gemobbt. Vanessa, die Wortführerin der Klasse, sieht in Jess einen neuen Spielball. Anne K. Müller überzeugt das Publikum durch ihre gespielt überhebliche und gemeine Charakterisierung. Die Jugendlichen schauen gebannt auf die Bühne. Eindringlich nimmt die Story Fahrt auf. Schnell wird deutlich, dass Chris als das ewige Opfer endlich die Gelegenheit sieht, mit Jess einen Freund zu finden. Sie sendet im eine Liebesbotschaft. Doch Vanessa stellt sich ihr nicht nur im wirklichen Leben, sondern auch online in den Weg und verschickt das Video, an das sie gelangt ist, über alle sozialen Netzwerke. Am Ende ist die Bühne dunkel und das Publikum hört einen lauten Knall. Bei der anschließenden Diskussion mit den Schauspielern steht erst einmal die Frage im Raum, was dieser Schluss bedeuten soll. Ein Teil der Schüler ist überzeugt, das Chris sich erschossen hat. Auf die Frage, ob dieses Ende realistisch sei, folgt ein betroffenes Nicken. Gemeinsam erarbeiten Darsteller und Schüler danach Schritt für Schritt die Aussage der Geschichte. So wird deutlich, dass Obermobberin Vanessa selbst große Probleme hat, weil ihre Eltern wenig Zeit für sie aufbringen. Die Schauspieler betonen, wichtig sei nicht nur das Opfer, sondern auch das Umfeld und dessen Reaktionen. Auch das Opfer entscheide, ab wann es sich denn wirklich „scheiße“ fühle. Dabei werden Lösungsansätze genannt. Die Jugendlichen sollten die mobbenden Seiten melden, sich Hilfe suchen und dem Opfer beistehen. Die Schauspieler betonen: „Mobbing hört nicht auf, wenn man nichts macht.“ Das bestätigt auch Matthias Möndel von der Neustadter „Fachstelle Sucht“ und rät, sich in solchen Situationen Hilfe zu suchen. Eindringlich warnt er auch davor, Fotos oder Videos mit sensiblen Inhalten zu speichern oder weiterzuverbreiten. „Damit macht ihr euch strafbar. Das kann ernste juristische Konsequenzen haben.“ Alle drei Schauspieler gestanden, in ihrer Jugend selbst Mobbingopfer gewesen zu sein. „Aber am Ende lernt man daraus und geht gestärkt aus dem Ganzen hervor“, betonten sie. Fazit: „Rausgemobbt“ ist ein starkes Stück, gut umgesetzt, jugendgerecht auf die Bretter gebracht und sicher mit einer nachhaltigen Wirkung für das Publikum – und das, ohne aufdringlich mit dem pädagogisch Zeigefinger gewedelt zu haben.